

Laut Nachwort sind die Memoiren Nerudas über einen langen Zeitraum hinweg mit z. T. mehrjährigen Pausen und rein aus der Erinenrung entstanden, da der Dichter kein Tagebuch führte. Neruda hat die Veröffentlichung nicht mehr erlebt, er starb keine zwei Wochen nach dem Sturz der Regierung Allende, im September 1973. In insgesamt 12 Abschnitten begleitet der Leser Neruda im großen und ganzen chronologisch durch sein Leben, seine dichterische und politische Tätigkeit, die sich nicht trennen lassen.
Kindheit und Jugend bilden nur den kurzen Einstieg, gleichwohl gefiel mir gerade dieser sehr gut, weil er von einer wunderbaren Poesie und der Liebe Nerudas zu seiner araukanischen Heimat im Süden Chiles geprägt war. Seine Anfangsjahre im konsularischen Dienst, die ihn vor allem nach Süd- und Südostasien führten, entlockten mir den ein oder anderen Schmunzler über die Gepflogenheiten und die kleinen Alltagswidrigkeiten, denen er sich ausgesetzt sieht. 1934 wurde er chilenischer Konsul in Madrid und etwa hier fing die Darstellung an, auf mich ermüdend zu wirken, und das aus zwei Gründen.
Zum einen häufen sich ab hier die Begegnungen mit bekannten und weniger bekannten Künstlern aller Herren Ländern und Gattung, die schon allein auf Grund der Masse, in der sie an mir vorbei flanierten, furchtbar gestaltlos blieben. Es ist ja schön, daß er alle diese Leute getroffen und gekannt hat, aber ehrlich gesagt: Ich muß nicht jeden Dichter, Maler, ... aufgezählt bekommen, mit dem er mal ein Glas Wein getrunken hat. Zum anderen nimmt ab hier oder vielleicht etwas später mit seinem Beitritt zu kommunistischen Partei Chiles, der politische Teil an Bedeutung zu. Daran ist ja zunächst einmal überhaupt nichts auszusetzen, aber die (aus der politischen Nähe natürlich erklärliche) mangelnde Distanz zur Politik Stalins fand ich nur schwer erträglich. Auch gleitet die Lebenserzählung von hier sehr ins Episodische ab und verliert dabei, so jedenfalls mein Eindruck, auch die chronologisch Ordnung. Ich war jedenfalls mehr als einmal verwirrt, warum er denn nun plötzlich in Mexiko oder auf Kuba auftaucht und im nächsten Abschnitt schon wieder ganz woanders, wo er fünf Seiten vorher war. Statt der Künstler trifft er jetzt jede Menge Politiker, was aber auch nicht interessanter ist als die Begegnungen mit seinen Kollegen zuvor. Schön zu wissen, daß er mal Fidel Castro umarmt hat und Che Guevara eines seiner Bücher ständig bei sich trug, aber ich hätte auch sehr gut ohne diese Info leben können.
Insgesamt habe ich schon das Gefühl, ein wenig über den Menschen Neruda erfahren zu haben, aber mehr sicherlich über die politische Figur Neruda, obwohl mich ersteres mehr interessiert hätte. Dahinter steckte vermutlich durchaus ein gewisses Bedürfnis nach Selbstinszenierung, was mir mal wieder gezeigt hat, warum ich, wenn schon überhaupt, vernünftige Biographien (also keine Hagiographien) den Memoiren und Autobiographien vorziehe: Sie bieten einfach mehr Möglichkeiten der Einordnung und abwägenden Darstellung.

Schönen Gruß,
Aldawen