Da bin ich wieder.
Nach einem längeren Spaziergang durch die frühlingshafte Stadt, dem Besuch mehrerer Buchhandlung und einem Cafébesuch bin ich jetzt wieder zu Hause. In der U-Bahn habe ich mich endlich für eine Lektüre entscheiden können: Die Wahl fiel auf
B. Traven - Die weiße Rose. Das Buch subt schon seit Mitte der Achtziger, glaube ich. Damals hatte ich einige Bücher Travens aus den Regalen meiner Eltern und meines großen Bruders gelesen und mir auch einige selbst gekauft. Aber die Lust auf Traven verließ mich dann, bevor ich das Buch beenden konnte. Angefangen habe ich es mal; ein altes Lesezeichen habe ich auf S. 188 gefunden.


Aber erst mal zum Inhalt:
Die us-amerikanische
Condor Oil Company (tolle Name; ein Kondor ist ja ein Geier!) kauft in Mexiko alles möglicherweise Öl führende Land auf und besitzt schon große Landstriche. In einer sehr ölreichen Gegend fehlt ihr nur noch ein Stückchen Land, nämlich die Hacienda Rosa Blanca, die Weiße Rose des Titels. Die Hacienda gehört dem Indianer Jacinto Yañez, dem der Gedanke, das Land zu verkaufen, völlig fremd ist. Denn nach Indianersitte fühlt er sich nicht als Besitzer, der frei über das Land verfügen kann, sondern nur als Glied in einer langen Kette von Menschen, die mit und von dem Land leben. Land und Leute bilden eine Einheit; beide benötigen einander, um die Identität zu behalten. Er wird das Land an seinen Sohn, der an seine eigenen Kinder übergeben, das ist für ihn selbstverständlich, daran wird nicht gerüttelt. Geld ist in diesem Zusammenhang völlig unwichtig, denn auch die größte Menge Geld wird irgendwann zu Neige gehen, während das Land immer weiter Mais und andere lebenswichtige Dinge hergeben wird.
Dies ist ein Gedankengang, der dem im Namen der Company handelnden Rechtsanwalt, der die Hacienda kaufen will, vollkommen unverständlich ist. Hier treffen zwei Welten aufeinander, die fremder nicht sein könnten und eine wirkliche Verständigung ist nicht möglich. Dies schildert Traven in einer ebenso unterhaltsamen wie eindringlichen Art, die mich mehrmals breit grinsen ließ. Gleichzeitig macht er aber auch klar, wer am Ende den Kürzeren ziehen wird, und das ist nicht die Ölgesellschaft.
In einem geographischen Sprung nach New York wird Collins, der Präsident der
Condor Oil Company vorgestellt. Reich ist er, reicher will er werden. Was sind schon die Hundertfünfzigtausend Dollar Jahresgehalt, die er bezieht? Damit kommt man nicht weit, sagt er sich selbst und uns. Immerhin hat er außer Frau und Kind gleich 4 weitere Frauen zu unterhalten - das ist er seiner Stellung schuldig.
Das alles beschreibt Traven in einem sehr offenen Stil, der mich in seiner Freizügigkeit tatsächlich stellenweise schockierte. Immerhin ist das Buch 1929 erschienen und aus der Zeit erwartete ich keine Beschreibungen von Chorgirls, die nur Strumpfhosen gekleidet Herrenbesuch empfangen. Und das das Wort "Fuck" schon damals in einem deutschsprachigen Roman verwendet wurde, hätte ich nie gedacht.
Jedenfalls legt Traven schonungslos die verdorbenen, scheinheiligen, vermutlich auch über Leichen gehenden Sitten der kapitalistischen Gesellschaft bloß. Kein Blatt nimmt er vor den Mund, um Privatleben und Geschäftsgebaren der Reichen zu kritisieren. Auch die Kirchen bekommen ihr Fett weg, wenn es zum Beispiel heißt:
"Die Art und Weise, wie der Reverend Oberbonze der Ersten Allerheiligsten und Alleingerechten Amerikanischen Baptistenkirche Einlass in das Himmelseigentum fordert und von dem erschrockenen Himmlischen Aufsichtsrat, der um seine olympische Ruhe und Würde besorgt ist, bewilligt bekommt,..."Mir gefällt das sehr, sowohl inhaltlich als auch stilistisch. Ich glaube, ich ahbe mit diesem Buch einen richtig guten Griff getan.
@Grotesque:
"Das siebte Kreuz" habe ich vor zwei oder drei Jahren zum "Verbrannte Bücher-Lesetag" gelesen. Mir hat es damals richtig gut gefallen.
"Das Herz der Finsternis" [...]. Sonderbarerweise subt es bei mir nicht.
Das hat sich jetzt geändert. So schnell kann es gehen.
