Meine Meinung:Vierzehn Tage im Leben des Kriminalkommissars Gereon Rath - daraus hat Volker Kutscher nach "Der stumme Tod" einen weiteren atmosphärisch dichten und spannungsgeladenen Kriminalroman aus dem Berlin der 30er Jahre gemacht.
Und es ist so einiges los in Raths beruflichem und auch privatem Leben. Privat immer haarscharf am Absturz vorbei, innerlich zerrissen, familiär nicht verwurzelt und immer noch neu in der großen Stadt, bietet Geron Rath das perfekte Bild des einsamen Wolfes, der nicht und niemanden an sich heranlässt. Ein interessanter Charakter, dessen Weg ich gerne verfolgt habe und der sich schwer in eine Schublade pressen lässt, weil er so viele Facetten hat. Auch sein Liebesleben verläuft keinesfalls harmonisch, sondern beschert ihm schlaflose Nächte und verworrene Träume.
Genauso wie im Privatleben läuft es auch beruflich; Gereon tut sich unendlich schwer mit Vorgesetzten und Kollegen, fügt sich in kein Team so richtig ein und ermittelt am liebsten auf eigene Faust, was ihm natürlich jede Menge Schwierigkeiten einbringt. Durch seine Alleingänge bringt er sich in die verzwicktesten Situationen, die ihn am Ende gar nicht gut aussehen lassen und seine Vorgesetzte schier zur Verzweiflung bringen. Kein Wunder, dass er ständig in Ungnade fällt und von den wichtigen Fällen abgezogen wird...
Dabei hat er doch gar keinen schlechten Riecher, insbesondere, was die neuesten Mordfälle betrifft, die sich im Berliner Filmmilieu abspielen und sehr gekonnt inszeniert sind. Wir begegnen Filmdivas, Produzenten und Beleuchtern, mittelklassigen Schauspielern und Regisseuren. Die Zeichen der Zeit deuten darauf hin, dass der Stummfilm aus der Mode kommt und der Tonfilm die ganze Welt im Sturm erobert. Kein Wunder, dass hier das Streben nach Ruhm und Erfolg im Vordergrund stehen und so mancher über Leichen geht, um zum Ziel zu kommen.
Interessanterweise begleitet der Leser den Mörder von Anfang an bei seinen Gedankengängen und erfährt stückchenweise seine Geschichte; diese Erzählweise macht die Auflösung des Falles zwar in gewisser Weise vorhersehbar, nimmt dem Roman aber nichts an Spannung und bringt einen gleichzeitig faszinierend und abstoßend wirkenden Handlungsstrang mit ein, den ich atemlos und mit Schaudern verfolgt habe.
Nebenbei ist noch eine prominente Persönlichkeit in die Handlung mit eingebaut, für die Gereon Rath aufgrund seiner familiären Verbindungen einen Gefallen erledigen muss; ein nettes Gimmick als Ergänzung zum Hauptfall, wobei mir die Auflösung ein wenig zu glatt ging; aber durch diesen Fall kommt eine weitere Perspektive ins Spiel, die ihren Teil zum Gesamtbild der 30er Jahre lieferte. Überhaupt gefiel mir sehr gut, wie die Atmosphäre und der Zeitgeist der damaligen Jahre eingefangen und geschildert wird.
Der fulminante Schlussteil wartet noch mit ein paar Überraschungen auf und ist an Spannung kaum auszuhalten, so musste ich mit Gereon mitfiebern. Im Nachhinein gesehen ist der Kriminalfall sehr raffiniert konstruiert und durchdacht. Der ausgefeilte Schreibstil von Volker Kutscher tut sein übriges, um das Buch zu einem intensiven Leseerlebnis zu machen und die Stimmung perfekt zu transportieren. Wer intelligente Kriminalunterhaltung mit einem außergewöhnlichen Setting und interessanten Figuren mag, ist mit "Der stumme Tod" sehr gut beraten. Ich fand den Roman sehr gelungen und freue mich schon auf weitere Fälle mit Gereon Rath!
