Ich bin etwas erstaunt, dass es trotz Leserunde noch keinen Thread zum Buch gibt.


Jung Chang - Wilde Schwäne
Die Untertitel dieses Buches geben den Inhalt in seiner komprimiertesten Form hervorragend wieder:
Die Geschichte einer Familie
Drei Frauen in China von der Kaiserzeit bis heute
Die Autorin Jung Chang schildert in einer Mischung aus Biografie und Autobiografie die Erlebnisse ihrer Familie, beginnend bei ihrer Großmutter Yu-fang, die als Konkubine des mandschurischen Warlords General Xue Zhi-heng den ärmlichen Verhältnissen ihrer Familie entkommen kann und durch dessen Heirat sie zugleich auch ihrer Familie die Chance zum gesellschaftlichen Aufstieg bereitet. In der kurzen Zeit, die der General ihr widmet, empfängt sie eine Tochter: De-hong, die Mutter der Autorin.
Ihr Leben nimmt den Großteil des Buches ein, beginnend bei den Anfeindungen, die sie nach der zweiten Heirat ihrer Großmutter mit dem Arzt Dr. Xia von dessen anderen Kindern ertragen muss, über die schwierige Situation in Jinzhou, welches nacheinander von den Japanern, den Kuomintang (den chinesischen Nationalisten) sowie den Kommunisten „befreit“ wird bis zu ihrer beginnenden Hingabe für den Kommunismus, unter dessen Anhängern sie auch ihren zukünftigen Ehemann Wang Yu findet.
Doch gemäß dem Sprichwort „Es ist nicht alles Gold, was glänzt.“ muss sie erhebliche Rückschläge hinnehmen, von denen die unbeabsichtigten Demütigungen, die sie durch ihren Ehemann erfährt, der den Kommunismus über alles andere, sogar die Familie und das Leben seiner Frau stellt, die größten Bewährungsproben darstellen. Da er sie trotz allem liebt, bleibt sie dennoch bei ihm, nicht zuletzt auch zum Wohl der 5 Kinder, die sie ihm im Laufe der Jahre gebiert.
In der relativ ruhigen Phase nach dem Sieg der Kommunisten über die Kuomintang und die Vertreibung des Nationalistenführers Chiang Kai-Shek nach Taiwan wird die Autorin als zweites Kind des Paares geboren. Doch die Ruhe ist trügerisch, denn schon beginnt Mao Tse-tung, der „Große Vorsitzende“ der chinesischen Volksrepublik, das Land mit seinem Terror zu überziehen. Während die Familie aufgrund der Stellung von De-hong und Wang Yu als bei der Bevölkerung angesehene Parteimitglieder und höhere Funktionäre relativ unbeschadet sowohl die „Drei Anti“-Kampagne als auch die „Fünf Anti“-Kampagne übersteht, geraten sie bald darauf immer mehr in Bedrängnis. Der Höhepunkt des von Mao inszinierten Terrors bricht 1966 mit dem Beginn der Kulturrevolution los, in dessen Mahlwerk auch die Eltern von Jung Chang geraten. Zwar kommen sie im Gegensatz zu Hunderttausend anderen mit ihrem Leben davon, dennoch wurden sie wie Millionen weitere beschimpft, gefoltert und in Lager gesperrt.
Während dieser schweren Phase ihrer Eltern sind die Kinder des Paares im schulpflichtigen Alter. Da der Beginn der Kulturrevolution von den Roten Garden getragen wurde, Banden von Kindern der Parteifunktionäre, gerieten auch die Autorin und ihrer Geschwister in den Bannkreis von Maos Personenkult. Sehr offen und ehrlich beschreibt Jung Chang ihrer Gefühle während der Zeit, wie sie aufgrund des ihr eingebläuten Denkens den „Großen Vorsitzenden“ von aller Schuld freisprach und verzweifelt nach anderen Ursachen für das Unglück suchte, das das Land und ihre Familie überzog. Doch nach und nach lernte sie unter den unmenschlichen Bedingungen in Maos China, ihrer inneren Stimme zu glauben und sich aus dem praktizierten Mao-Kult zu lösen. Doch erst mit Maos Tod und der Beendigung der Kulturrevolution 1976 kommt das Land, ihre Familie und auch sie selbst langsam wieder zur Ruhe. Zwei Jahre später verlässt Jung Chang mit einem Stipendium China in Richtung England, wo sie ihren späteren Ehemann kennen lernt und mit dessen Unterstützung schließlich die Geschichte ihrer Familie niederschreibt.
Ich gebe offen und ehrlich zu, dass ich mir dieses Buch nur aus zwei Gründen gekauft habe: erstens, weil ich noch einen Autoren mit J für die A-Z Authors Challenge brauchte und zweitens, weil das Buch im Hardenberg enthalten ist. Über beide Gründe bin ich sehr froh, denn sonst wäre mir ein sehr bewegender, offener und ehrlicher Bericht über das China des 20. Jahrhunderts entgangen, in dem nichts versucht wird zu beschönigen oder zu dramatisieren. Jung Chang schreibt lediglich das nieder, was ihr ihre Mutter erzählt hat und was sie in späteren Jahren selbst durchlebt hat. Dadurch, dass sie, wie sie im Vorwort selbst zugegeben hat, mit der englischen Sprache immer noch ein Wenig auf dem Kriegsfuß steht und dadurch ihre Schilderungen manchmal etwas unbeholfen daherkamen, wirkt das Geschehen umso eindringlicher und bestürzender, so dass ich mich kaum vom Buch losmachen konnte. Unterstützt wurde die Lektüre, deren einzelne Ereignisse sich über einen Zeitraum von 7 Jahrzehnten strecken, durch eine enthaltene Zeitleiste, einen Stammbaum der Familie der Autorin sowie eine Karte Chinas mit den wichtigsten Orten.

+
