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Autor Thema: Renata Petry - Hilgensee  (Gelesen 812 mal)

Vandam

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Renata Petry - Hilgensee
« am: 17. März 2009, 18:33:59 »




Renata Petry: Hilgensee – Roman, München 2008, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-24697-2, 478 Seiten, Format: 13,5 x 21 x 3,5 cm, Euro 14,90 [D], 15,40 [A], sFr 25,80.

Deutschland 1904: Nachdem ihre Familie die Heirat mit einem nicht standesgemäßen Wissenschaftler erfolgreich hintertrieben hat, tritt die 30-jährige Annette „Änne“ von Schalk in Hilgensee ein, einem Stift für adelige protestantische Fräulein. Kaum angekommen, fragt sie sich schon, ob das die richtige Entscheidung war. Ihre Stiftsschwestern sind eine Ansammlung sonderbarer Charaktere und ausgerechnet die ihr unsympathischste, Vikarin Alwine von Hohenhagen, wird ihre Mentorin.

Änne kann in der Damenrunde weder mit einem attraktiven Äußeren noch mit einer eindrucksvollen Familie punkten. Ihre skandalumwitterte französische Großmutter, die Comtesse de Clarigny, ist eher keine Empfehlung. Besondere Interessen und Talente hat Änne auch nicht. Nur, weil sie angibt, gerne zu lesen, landet sie als Assistentin von Elsbeth von Hasleben in der Stiftsbibliothek.

Elsbeth passt es gar nicht, dass man ihre eine Mitarbeiterin aufzwingt, denn sie hat ein Geheimnis, das Änne von Schalk nicht lange verborgen bleibt – wenn sie auch erst einer Interpretationshilfe der lebenserfahrenen Gertrud von Rohda bedarf, um die Zusammenhänge zu begreifen.

Änne staunt: Die über siebzigjährige Gertrud ist ja gar nicht so hinfällig, wie sie immer tut, sondern pfiffig und kreativ und hat es faustdick hinter den Ohren. Sie hat auch gleich einen originellen Plan parat, wie man Elsbeth von Hasleben helfen könnte. Doch ehe ihr Hilfsprogramm greifen kann, geschieht Dramatisches: Stiftsschwester Dorette von Schlohfeld entdeckt einen geköpften Hahn, der an einem Apfelbaum aufgeknüpft wurde, und erleidet vor Schreck einen Schlaganfall. Und Elsbeth von Hasleben wird tot in der Orangerie aufgefunden.

Der gockelhaften junge Assessor aus der Residenzstadt erklärt nach einer hastigen Ermittlung den Todesfall zum Selbstmord. Mit diesem Ergebnis sind Alwine von Hohenhagen und Gertrud von Rohda  gar nicht einverstanden. Sie beschließen, selbst nachzuforschen und hätten dabei aus verschiedenen Gründen gerne die Unterstützung von Änne von Schalck. Änne ist nicht begeistert von der Idee, aber Alwine und Gertrud können sehr überzeugend sein. Und es gibt ja auch mehr als genügend mysteriöse Ereignisse im Damenstift, denen man dringend auf den Grund gehen müsste:

o   Was hat es mit dem geköpften Hahn auf sich? Wer hat ihn aus welchem Grund in den Apfelbaum gehängt?
o   Wer hat Elsbeth von Hasleben ermordet? Denn ein Freitod war das auf gar keinen Fall.
o   Starb eigentlich Herma von Heidblum, die bis vor kurzem Änne von Schalcks Zimmer bewohnt hat, eines natürlichen Todes?
o   Und war besagte Herma in den letzten Wochen ihres Lebens tatsächlich verwirrt, oder hatten die Stimmen, die sie von ihrem Zimmer aus gehört haben wollte, eine reale Ursache?
o   Hängen all diese unerhörten Vorfälle zusammen? Gertrud von Rohda hat da eine Theorie ...

Nachdem auch Änne beginnt, Stimmen durch die Wand ihres Zimmers zu hören, schließt sie sich den detektivischen Stiftsschwestern an. Als weitere geköpfte Kreaturen auf dem Gelände gefunden werden, wissen die drei Damen, wo sie mit ihren Nachforschungen ansetzen müssen. Sie stöbern in den Chroniken des Stifts und kommen einem uralten, schaurigen Ritual auf die Spur. Zu ihrem Entsetzen verdichten sich die Hinweise, dass es nicht bei geköpften Tieren bleiben wird.

Den drei Damen wird zweierlei klar: Sie müssen jetzt schnell handeln, ehe es zu einem weiteren Mord kommt. Und sie sind dabei auf sich allein gestellt, denn diese Geschichte glaubt ihnen kein Mensch. Was sie nicht wissen: Die Übeltäter haben inzwischen mitbekommen, dass zumindest Änne von Schalck ihnen dicht auf den Fersen ist ...

Renata Petry beschreibt ihre Charaktere und deren Tun in dem liebevoll-spöttelnden Ton, in dem man oft die Eskapaden geschätzter aber leicht verschrobener Zeitgenossen zu schildern pflegt. Dies tut sie, ohne je respektlos zu werden oder die Personen vorzuführen. Da ist Änne von Schalck, bieder, farblos, schlecht frisiert, die angesichts der schrecklichen Ereignisse in Hilgensee über sich hinauswächst. Oder die  spitzzüngige Vikarin Alwine von Hohenhagen mit dem spöttischen Blick, einer tragischen Familiengeschichte und der befremdlichen Vorliebe fürs Kartenlegen. Und, nicht zu vergessen, Gertrud von Rohda, die gern mal die senile alte Schachtel spielt, wenn es ihren Plänen nützlich ist, die aber in Wahrheit sehr gewitzt ist und über eine Menge verblüffender Kenntnisse und Fertigkeiten verfügt.

Selbst die Nebenfiguren haben es in sich: die plagiierende Stiftsdichterin Cornelie ... die Priorin, die ihre ganz eigenen Pläne verfolgt ... der eitle Assessor und seine flatterhafte Verlobte ... die jungen Stiftsfräulein, die sich um die paar wenigen attraktiven Männer in ihrem Umfeld balgen ...

Auch wenn der hochdramatische Showdown dank Gertrud von Rohda und der beherzten Priorin ein paar herrlich komische Momente hat, wird die Geschichte an keiner Stelle albern oder lächerlich. HILEGENSEE ist ein unterhaltsamer Krimi im historischen Ambiente mit sympathisch-schrulligen Charakteren und einem leicht ironischen Erzählton. An die drei grundverschiedenen adeligen Detektivinnen im Damenstift könnte man sich gewöhnen, doch Serienheldinnen werden sie wohl nicht werden. Schade, eigentlich.

Im Fortgang der Geschichte wünscht man sich manchmal eine Auflistung der Personen, denn all die adeligen Familiennamen sind nicht einfach zu merken und auseinander zu halten: Wer war noch mal das Fräulein von Dechow? Ach ja, Cornelie, die abschreibende Dichterin! Doch auch wenn man sich bei den vielen „vons“ konzentrieren muss – dem spannenden und amüsanten Lesevergnügen tut das keinen Abbruch.

Die Autorin
Renata Petry wurde in Großburgwedel bei Hannover geboren und lebt heute in Dänemark. Sie hat bereits zwei historische Romane veröffentlicht und war viele Jahre als Juristin tätig.


EDIT: Betreff angepasst. LG Seychella
« Letzte Änderung: 17. März 2009, 23:26:02 von Seychella »
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illy

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Re: Renata Petry - Hilgensee
« Antwort #1 am: 16. April 2009, 19:34:14 »

Eigentlich bräuchte ich Vandams Rezension gar nichts mehr hinzuzufügen  :zwinker:

Hilgensee, ein protestantisches Stift für adelige Damen im Jahre 1904: Die neu eingetroffene Annette "Änne" von Schalck ist nicht sonderlich begeistert von ihren Stiftsschwestern, gleichzeitig nett und intelligent scheint ihr keine von ihnen zu sein. Doch als eines morgens zuerst ein geköpfter Hahn und kurz darauf die Leiche einer Mitschwester aufgefunden werden, schließt sie sich mit zwei anderen Bewohnerinnen zusammen, die schon lange vermutet hatten, dass auch mit dem Tod von Ännes Vorgängerin nicht alles mit rechten Dingen zuging.

Das Motiv, welches die Autorin sich für die Mordfälle ausgedacht hat, erscheint mir dann letztlich doch etwas weit hergeholt und vor allem die Anzahl der darin verwickelten ist mir zu groß, da hat die Autorin etwas zu dick aufgetragen. Wenn man die Auflösung des Falls aber einmal ein wenig außer acht lässt, kann man an den unprofessionell und mit der Unterstützung leckeren Gebäcks und alkoholischer Getränke durchgeführten Ermittlungen der Damen eine Menge Freude haben. Am meisten Spaß an „Hilgensee“ macht nämlich die gelungene Darstellung der einzelnen Personen, von denen einige knapp an der Exzentrik entlang schrammen. Schön wäre es allerdings gewesen, wenn die Autorin ihre Leser mit einem Personenverzeichnis beglückt hätte, ich habe mehr als einmal die Orientierung zwischen den Vornamen, den von und zu Nachnamen der Damen und ihren jeweiligen Hobbys und Eigenschaften verloren. Eine kleine Karte der Gebäude auf dem Stiftsgelände und der näheren Umgebung hätte noch zur Perfektion beigetragen.

Am Ende des Buches ist nicht nur ein Verbrechen aufgeklärt, auch das Privatleben einiger Protagonistinnen wurde in die richtigen Bahnen gelenkt, so dass die Heldinnen und einige Nebenfiguren positiv in die Zukunft blicken können. Alles in allem habe ich mich mit dem Buch gut unterhalten und ich könnte mir durchaus vorstellen, die Hauptfiguren bei weiteren Ermittlungen, vielleicht bei einem Ausflug nach Berlin, zu begleiten.

4ratten
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Ein Buch, das man liebt, darf man nicht leihen, sondern muss es besitzen.  (Friedrich Nietzsche)

Annabas

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Antw:Renata Petry - Hilgensee
« Antwort #2 am: 27. Juli 2009, 21:39:59 »

Hallo miteinander,

ich habe das Buch gerade ausgelesen und wenn das Ende bzw. die Auflösung des Falles nicht ein wenig dick aufgetragen erscheinen würde, könnte ich glatt fünf Ratten vergeben.

Ich habe mich beim Lesen gut amüsiert, denn die Charaktere der Stiftsfräulein sind herrlich exzentrisch beschrieben. Jede von ihnen hat ihre Macke und die Mischung daraus garantiert großen Lesespaß. Das Buch liest sich flott und ich hatte es in ziemlich kurzer Zeit gelesen, besonders die zweite Hälfte liest sich fast von alleine.

Nur das Ende ... wie schon gesagt, das war mir doch etwas zu weit hergeholt. Aber das lässt sich leicht verschmerzen, denn es gibt in dem Buch tolle Szenen, die mich zum Lachen gebracht haben. Am besten genießt man zu dem Buch noch ein Likörchen, dann kommt man in die richtige Stimmung für das Damenstift Hilgensee.  :zwinker:

Viele Grüße von Annabas  :winken:

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