Die Lehrerin Tina Bros bereitet eine Ausstellung über Schule im Wandel der Zeiten vor und stöbert zu diesem Zwecke im Schulhaus des kleinen Pyrenäenörtchens Torena, das am nächsten Tag abgerissen werden soll. In einem Versteck hinter der Tafel entdeckt sie ein Kästchen mit mehreren Schreibheften und findet so die Aufzeichnungen von José Oriol Fontelles, der 1944 Lehrer in Torena war.
Fontelles ist ein Mann, an dem sich auch noch fast 60 Jahre nach seinem Tod die Geister scheiden. Sein rätselhafter Tod in der Dorfkirche hat ihn für die einen zum Helden gemacht, für andere ist er heute noch ein rechtsgerichteter Opportunist. Was damals tatsächlich geschehen ist, was er gedacht, getan und empfunden hat, liest Tina mit wachsender Faszination in seinen Berichten.
Wie sich im Fluss die Wasserströme verschiedener Zuflüsse vereinigen, fließen in diesem Roman die Erzählstränge ineinander, die Zeitebenen wechseln ziemlich unvermittelt, was Konzentration erfordert, doch der schlichte und gleichzeitig eloquente Stil sorgt dennoch für einen guten Lesefluss.
Man liest nicht nur von Tina Bros in der Gegenwart, die sich um ihre kriselnde Ehe, ihre Gesundheit und ihren entfremdeten Sohn sorgt, und nicht nur von Oriol Fontelles, dem Lehrer, der für die Mitmenschen so viele Gesichter hatte und den doch niemand richtig kannte, sondern von der gesamten Dorfgemeinschaft, besonders auch von der steinreichen und attraktiven Elisenda Vilabrú, die schon in relativ jungen Jahren hervorragend verstand, ihren Willen durch- und in lukrative Geschäftsideen umzusetzen, von Franco-Anhängern und Widerständlern, von einem eiskalten Bürgermeister und einem sympathischen Untergrundkämpfern, unsäglichem Leid und tiefer Liebe, Intrigen und falsch verstandenen Gefühlen, gewürzt mit einer Prise Erotik und einem immer wieder aufblitzenden feinen Humor.
Ein Buch, dem ich zunächst - vor der Lektüre - ziemlich skeptisch gegenüberstand und das sich letztendlich als großer Glücksgriff erwiesen hat.
