ISBN: 9782858026074
Jean Amrouche hat hier die Lieder seiner Mutter gesammelt, aus dem Kabylischen ins Französische übersetzt sowie mit einer Einleitung versehen. Darin erklärt er z. B. die Verankerung dieser Lieder in der Kultur des kabylischen Volkes und die Bedeutung, die Exil und Ferne für die bodenständigen Menschen haben. Auch über den Vortrag dieser Lieder und die Anpassungsfähigkeit der Texte, die durchaus auf verschiedene Melodien gesungen werden können, erfährt man etwas. Die
Chants selber sind in acht Abschnitte gegliedert:
- Chants de l'Exil (Lieder des Exil): furchtbar traurig, die Tränen fließen in Strömen
- Chants d'Amour (Liebeslieder): romantisch und schwärmerisch-zurückhaltend
- Chants Satiriques (satirische Lieder): etliche davon setzen sich z. B. mit der Ernüchterung nach der Hochzeit auseinander
- Chants du Berceau (Wiegenlieder): für den Anlaß schienen sie mir sehr traurig, weil sie auch viel von Verlust sprachen
- Chants du Travail (Arbeitslieder): sehr rhythmisch, mit teils recht kurzen Zeilen, auf die man sich gut eine regelmäßige Bewegung vorstellen kann (wie bei Shantys z. B. auch)
- Chants à Danser (Tanzlieder): gleichfalls sehr rhythmisch, aber anders als die Arbeitslieder, und mit einem fröhlicheren Tonfall
- Chants de Méditation (Lieder der Meditation): recht grüblerisch
- Chants des Pèlerins (Pilgerlieder): naturgemäß sehr religiös und Gott preisend
Interessant fand ich vor allem den religiösen Einschlag in vielen Liedern, weil ich dem nicht ohne weiteres entnehmen konnte, zu welcher Religion er gehört. Jean Amrouches Mutter Fadhma Ait Mansour war als junge Frau zum römisch-katholischen Glauben konvertiert und hatte einen gleichfalls konvertierten Kabylen geheiratet. Wie ich gelesen habe, ist ein solcher Übertritt zum Christentum in der Kabylei nicht ganz ungewöhnlich.

Schönen Gruß,
Aldawen