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Autor Thema: Wilhelm Genazino - Das Glück in glücksfernen Zeiten  (Gelesen 824 mal)

Klassikfreund

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Wilhelm Genazino - Das Glück in glücksfernen Zeiten
« am: 02. März 2009, 11:24:35 »

Wilhelm Genazino: Das Glück in glücksfernen Zeiten. Hanser Verlag, 157 Seiten, 17,90 EUR.



Ich lese solch dünnen Bücher sehr gerne zwischendurch. Das Buch von Genazino erinnert mich an einen Theater- oder Filmabend, man hat es an zwei Abenden ausgelesen und wird dabei intelligent unterhalten, ohne allzu viel Anstrengung vom Leser zu erfordern. Auf der anderen Seite wird man durch die Kürze auch nicht allzu tief berührt. Kommen wir aber zunächst mal zum Buch:

Genazino stellt seinen ich-erzählenden Protagonisten Gerhard Warlich, 41 Jahre, Promotion in Philosphie, berufstätig als Geschäftsführer einer Wäscherei, in den Mittelpunkt seines Romans. Schon aus diesen biografischen Details gibt es viele Ähnlichkeiten zum eigenen Leben, was den Roman thematisch für mich persönlich interessant macht, wobei nur die Vornamen des Protagonisten sowie seiner Freundin Traudel nicht so recht in diese Zeit passen. Ein promovierter Philosoph, der innerhalb und außerhalb der Universität keinen passende Arbeitsstelle findet, wird aufgrund der Notwendigkeit Geld zu verdienen, erst Ausfahrer in einer Wäscherei, schließlich schafft er es nach kurzer Zeit zum Geschäftsführer, ohne dass er dazu besonderen Ehrgeiz entwickelt hätte. Er lebt in einer Beziehung, wobei auch hier kein besonderer Ehrgeiz von Gerhard entwickelt wird, seine Freundin übt lediglich (oder sollte ich sagen: immerhin) einen große sexuellen Reiz auf ihn aus. Jeder Mensch lebt für sich allein, das ist ein Thema des Buches. Genazino zeigt an kleinen Details das Scheitern des eigenen Lebens auf, das Aufgeben von Träumen, die Suche nach Glück. Stilistisch gelingt ihm die Darstellung der inneren Leere ausgezeichnet, dennoch werde ich von der Lebenseinstellung Gerhards innerlich nicht mitgerissen oder tief berührt, ob das nun am knappen Stil liegt oder der Kürze des Buches sei dahingestellt.

Insgesamt eine intelligente, melancholische und auch an vielen Stellen amüsante Unterhaltung. Ein Lesetipp.

4ratten

Gruß, Thomas


EDIT: Betreff etwas angepasst. LG Seychella
« Letzte Änderung: 03. April 2009, 17:05:00 von Seychella »
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cori

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Re: Wilhelm Genazino: Das Glück in glücksfernen Zeiten
« Antwort #1 am: 02. April 2009, 15:08:59 »

Okay, da können wir weiterplaudern... Was hat denn das mit dem Alter zu tun?
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Klassikfreund

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Re: Wilhelm Genazino: Das Glück in glücksfernen Zeiten
« Antwort #2 am: 02. April 2009, 16:48:15 »

Okay, da können wir weiterplaudern... Was hat denn das mit dem Alter zu tun?

Es hat etwas mit meinem _persönlichen_ Alter (oder der Reife) zu tun. Diese bedächtige Beobachten, zudem auf knappen Raum formuliert, mochte ich halt nicht immer, ich liebte es ausschweifender. Mir gefällt das aber inzwischen ganz gut.

Gruß, Thomas
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cori

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Re: Wilhelm Genazino: Das Glück in glücksfernen Zeiten
« Antwort #3 am: 02. April 2009, 16:56:46 »

Das ist ja interessant! Mir geht es genauso. Genanzino ist da hervorragend für den bedächtigen Voyourismus!
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cori

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Re: Wilhelm Genazino - Das Glück in glücksfernen Zeiten
« Antwort #4 am: 27. April 2009, 09:06:34 »

Okay, ich habe das Buch am Samstag gelesen. Wieder, wie bei seinen letzten Büchern liest man eine gestörte Sexualität, gepaart mit Hyperintelligenz und Selbstgesprächen, die KEIN Mensch in so manchen Situationen führt. Anscheinend möchte uns der Autor eine Psychose aufzeigen und scheitert genau an der.
Von der Geschichte bin ich enttäuscht, mir ist seine Freundin unsympathisch, der Chef ebenso, die Arbeiter sind "faul" (gar kein Klischee) und die flatternde Hose am Balkon macht wirklich traurig und das Thema: "vor der Verantwortung davonlaufen" nervt  in allen Zügen.
Rein Sprachlich ein echter Genazino, ein Traum. Seine Beobachtungen lassen uns mit einer Kamera ins Detail gehen. Großartig!

So gebe ich diesmal eine doppelte Wertung. Für die Story:

 3ratten

Für die sprachliche Qualität:

 5ratten
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MacOss

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Re: Wilhelm Genazino - Das Glück in glücksfernen Zeiten
« Antwort #5 am: 19. Juli 2011, 21:21:55 »

Ein großartiges Buch. :smile:

Auch wenn ich nicht wie Protagonist Gerhard Warlich ständig von Erinnerungen an die großen Brüste meiner Mutter heimgesucht werde, alten Bekannten zur Begrüßung statt meiner Hand eine Scheibe trockenen Brotes entgegenstrecke und schließlich in der Klapsmühle lande, so schildert Genazino im Laufe dieser relativ kurzen Geschichte so manche Beobachtung der Welt um uns herum und formuliert einige Gedanken über das Leben des modernen Menschen in der Großstadt, denen ich bedingungslos zustimme. Tja, das Leben ist nun mal kein Ponyhof, und midlifecrisisgeschüttelte ichbezogene männliche Mittvierziger auf der Suche nach dem Glück, die ihr Leben und ihre Beziehungen immer noch nicht so recht geregelt bekommen und zu allem Überfluss auch noch in anspruchslosen und sie nicht überfordernden Jobs stecken, werden sich ganz bestimmt in diesem Buch wiederfinden. :breitgrins:

Rein Sprachlich ein echter Genazino, ein Traum. Seine Beobachtungen lassen uns mit einer Kamera ins Detail gehen. Großartig!

O ja - ein guter Beobachter ist Genazino wirklich, außerdem kann er seine Beobachtungen auch noch mit geschliffenen Formulierungen wiedergeben. Und was mir noch sehr gut gefällt: Er stattet seinen Protagonisten zwar unterm Strich mit einer relativ pessimistischen Weltsicht aus, aber ihm fehlt dabei die z.B. für Thomas Bernhard typische Wut auf die Leute. Genazinos Held hat eher einen ironisch-distanzierten, ja fast schon humorvollen Blick auf die Welt und seine Mitmenschen, auch wenn man gelegentlich den Eindruck bekommt, er würde dabei resignieren, weil er ja doch nichts an ihnen ändern kann...

Danke für den Tip. :winken:

5ratten



Ich habe die Taschenbuchausgabe gelesen:

  Wilhelm Genazino (geb. 1943)
Das Glück in glücksfernen Zeiten
Erstveröffentlichung: 2009
Verlag: dtv
Taschenbuch
158 Seiten
« Letzte Änderung: 19. Juli 2011, 22:32:19 von MacOss »
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Auf zu neuen Ufern! :smile: