@gretchen
Dein Kompliment geht runter wie Öl! Ich wusste ja, dass ich toll bin, doch dass ich sooo toll bin...

Ich muss hier schnell meine Gedanken zum
4. Kapitel aufschreiben, das mich sehr beeindruckt, tief bewegt und ich (bis jetzt) sogar für das beste Kapitel des Buches halte. Wieso? Ich weiß nun endlich, was Rodja von Sonja möchte und was er wirklich von sich selbst denkt und für sich erhofft. Doch der Reihe nach!
Als Rodja bei Sonja ankommt ist er ja nicht sehr höflich, geradezu grausam und ich dachte nur, was für ein Arsch! Als er sich dann vor ihr niederbeugte und ihr den Fuß küsste war ich erst einmal überrascht, dass Rodja zu soviel Demut noch/überhaupt in der Lage ist. Und dann beginnen seine Ausführungen über Sonjas Rolle als Sünderin:
Vor allem bist du deswegen eine Sünderin, weil du dich vergeblich getötet und preisgegeben hast. Das eben ist das Grauenvolle, das ist so grauenvoll, daß du in diesem Schmutz lebst, den du so sehr haßt... wie kann sich in dir solche Schmach und Niedrigkeit mit den entgegensetzten, den heiligsten Gefühlen vereinbaren? Es wäre doch richtiger, tausendmal richtiger und vernünftiger, kopfüber ins Wasser zu springen...
Man möge das zweite "du" im ersten Satz weglassen und die Sätze in die Ich-Form bringen - und schon spricht Rodja von sich selbst. Rodja sieht sich nun doch als Sünder, doch bin ich über seine diesbezüglichen Motive noch unschlüssig - ist er ein Sünder, weil er getötet hat oder weil er "
vergeblich" getötet hat?
Hier gibt er auch die Erklärung, warum er seine Familie hassen könnte - weil er seine Liebe und seine Niedrigkeit nicht vereinbaren kann.
Rodjas plötzliches Interesse an Sonjas Gläubigkeit ist dann schon sehr auffallend. Er scheint richtig aufgeregt zu sein, als er sie immer wieder danach fragt. Und dann kommen die entscheidenden Sätze, die dieses Interesse erklären: "Das ist ihr Ausweg! Das ist auch die Erkärung für ihren Ausweg!" Einen Ausweg sucht ja auch Rodja, doch wieso glaubt er ihn bei Sonja zu finden? Und endlich sagt er geradeaus, was er möchte:
Laß uns gemeinsam weitergehen ... Ich bin zu dir gekommen. Beide sind wir verflucht, so wollen wir auch gemeinsam unsern Weg weitergehen.
Dieser Abschnitt wirkt beinahe wie eine Stelle aus der Bibel: Rodja hat sich von seiner Familie gelöst (allem Irdischen), ist zu Sonja gekommen (geht in ein Kloster, verlässt die "normale" Welt) und möchte mir ihr zusammen den Weg beschreiten (sucht mit ihrer Hilfe Gott, Gottes Erleuchtung und vielleicht sogar Gottes Vergebung). Doch wieso hat sich Rodja ausgerechnet Sonja ausgewählt? Und dann kommen die erlösenden Sätze:
Hast du denn nicht das gleiche getan? Auch du hast dich vergangen ... hast es über dich gebracht, dich zu vergehen. Du hast Hand an dich gelegt, du hast ein Leben vernichtet ... dein Leben - aber das gilt gleich! ... Aber du wirst dieses Leben nicht durchhalten können; und wenn du allein bleibst, wirst du verrückt wie ich.
Sonja hat gemordet, wie Rodja. Sie sind gleich. Der Mörder und die Buhlerin.
Wie ich schon sagte, hat mich dieses Kapitel sehr beeindruckt. Es erscheint mir wie ein Wendepunkt der Geschichte, d.h. Rodjas Geschichte, Rodjas Weg. Rodja hat den ersten Schritt getan und sich von seinem alten Leben gelöst. Um Gottes Weg beschreiten zu können, muss er sich aber von allem "befreien", und dazu gehört auch der Mord an den zwei Schwestern...
Liebe Grüße,
bimo