Ja, der Traum war schon ziemlich beeindruckend. Vor allem, da ich bis zum Schluss nicht sicher war, was aus diesem Kapitel nun Traum und was Wirklichkeit war. Dieser Traum zeigt aber wieder deutlich, dass Raskolnikow nicht nur von offzieller Seite "gejagt" wird, sondern dass er auch von seinen inneren Dämonen verfolgt wird. Wie er dem entkommen will...
Warst du am Schluss wirklich sicher? Wird es eindeutig aufgelöst? Für mich ist diese Passage ein schöner Beleg dafür, wie die Grenze zwischen den beiden Bereichen bei Raskolnikow sich auflöst. Ein Hinweis auf die zunehmende Verschränkung der physischen und der psychischen Sphäre.

Bis eben war ich mir ziemlich sicher, doch dann habe ich deinen Beitrag gelesen. Der Grund, warum ich mir sicher war, ist die Beschreibung des (angeblichen) Zeugen. Gleich zu Beginn wird u.a. betont, dass dieser Mann einen Schlafrock trägt - wie ihn auch Petrowitsch während des aufreibenden Psychoduells getragen hat. Meine weibliche Logik (

) hatte sofort kombiniert, dass der Kleinbürger eine albtraumhafte Personifizierung von Petrowitsch sein muss. Aber du hast natürlich Recht, es wird nicht eindeutig aufgelöst und dieses Kapitel zeigt mehr als deutlich, wie bei Rodja Wahn und Wirklichkeit ineinander fließen.
... Ob die Menschen seinerzeit tatsächlich so gedacht haben, weiß ich nicht, kann es nur vermuten. Was ich aber weiß, ist, dass sie heute so denken. Eliten beanspruchen mehr oder weniger offen für sich bestimmte Ausnahmen von geltenden Regeln (War es Zumwinkel, der es letztens sogar offen gesagt hat, dass Menschen, die „besondere Leistungen“ erbringen, nach anderen Maßstäben bewertet werden müssten? Weshalb, lässt sich schließen, auch so etwas wie das Steuerrecht nur für die Masse gilt?).
Ich gebe dir recht, Menschen werden nach zweierlei Maß bewertet - was sie können und was sie geschafft haben - und daraus ergibt sich schließlich, was sie "dürfen" (oder was sie sich herausnehmen). Allerdings ist bei Dostojewskij von Mord die Rede und das "ungewöhnliche" Menschen das Recht haben, jemanden zu töten. Diese Einstellung zeigt sich schon einige Kapitel vorher, als der verarmte Marmeladow von einer herrschaftlichen Kutsche angefahren wird.
Übrigens war der Kutscher nicht allzu betrübt oder erschrocken. Man sah, daß die Equipage einem reichen, angesehenen Mann gehören mußte, der wohl irgendwo auf sie wartete; und die Polizisten machten sich natürlich keine geringe Sorge, wie sie diesem Umstand Rechnung tragen sollten.
(2. Teil, Kapitel 7)
Da mir dieser Vorfall eingefallen ist, habe ich meine eigentliche Frage wohl gerade selbst beantwortet. Es war zwar ein Unfall, aber Marmeladow stirbt an seinen Verletzungen und der Kutscher wird dafür nicht belangt. Dieses "Verbrechen", auch an der Gerechtigkeit, wird somit akzeptiert.
Liebe Grüße,
bimo