Hallo Natalie, Hallo Silke,
da ich beruflich leider immer wieder mal sehr im Stress bin, kann ich nicht verlangen, mit der Lektüre auf mich zu warten. Das macht aber gar nichts.
Ich bin im Moment auf S. 240 und somit auch endlich bei Gary angekommen, über den ich auch gleich schreiben möchte.
Zuvor: Der Schluss des ersten Teils, in dem Chip sich auf eine berufliche Zukunft mit Gitanas in Litauen einlässt, hat mir überhaupt nicht gefallen. Das fand ich zu konstruiert. Die Technik, Betonung und dadurch vielleicht auch Bewertung einzelner Stellen durch Kommentare von April, der Tochter von Eden, hervorzurufen, ist allerdings große Kunst, die im Übrigen dann im zweiten Teil noch intensiver eingesetzt wird.
Nebenbei: Seid ihr der Meinung, dass Franzen die Namen Chip (--> "Gehirn eines PC"), April (--> "weiß nicht, was sie will (oder tut))"), Eden (--> "Paradies, Schlange, die verführt") zufällig ausgewählt hat?
So, nun zum zweiten Teil: Hier ist mir gleich mal aufgefallen, dass er im Gegensatz zum ersten Teil "sonderbar", ausführlicher betitelt ist. In der Tat sind auch einige Ergänzungen, Verdeutlichungen zum ersten Teil festzustellen. Es wird eine weitere Familiengeschichte erzählt, es werden Verbindungen zwischen den Familien geschaffen und gehalten, es wird (auch dadurch) intensiver polarisiert und zwischen den Polen ist nun eine Leere an Werten, an realisierbaren Vorstellungen greifbar. Wie es Franzen gelingt, diese Atmosphäre zu erzeugen, ist hervorragend. Der Leser ist sich selbst nicht mehr sicher, was Wirklichkeit, was Fiktion ist. Was bildet sich Gary ein bzw. was wird ihm suggeriert und was stimmt tatsächlich (--> Depression)? Wann lügt Caroline, wann spricht sie die Wahrheit? Bis zu welchem Grad gelingt es, mit dem Ausleben des Kapitalismus humanitäre Ziele zu erreichen (--> Gary (Als Patent), Caleb, Jonah (!!!))? Der Kapitalismus in einer starken Ausprägung entfremdet und spaltet, die Familie, den Leser und überhaupt jeden Einzelnen, besonders Gary, aus dessen Sicht erzählt wird. Nun erhält auch der Dialog zwischen Gitanas und Chip, der den amerikanischen Kapitalismus zum Thema hat, eine größere Berechtigung (Dennoch: die Situatione(en) ist (sind) zu künstlich beschaffen.) Wie ist es Jonah möglich, sich selbst in einer solchen Familie "Werte" zu vermitteln? Was bewegt ihn, sich damit zu begnügen, ein phantasiereiches Buch zu lesen? Ist es eine Flucht vor der Wirklichkeit, während seine Brüder und seine Mutter in ständig wechselnde Konsumwelten fliehen und eine Wirklichkeit gar nicht kennen? Da würde mich sehr interessieren, was ihr dazu meint.
Also, ich bin in jedem Fall sehr gespannt, wie es weitergehen wird.
Liebe Grüße
Frank