Umberto Eco: Die Kunst des Bücherliebens. Hanser, 2009, 194 Seiten.


Dieses Buch umfasst 12 Reden oder Aufsätze, die in den Jahren 1988 - 2004 erstmals erschienen sind und als Buch nochmals gesondert und teilweise überarbeitet 2006 im italienischen Original erneut publiziert wurden.
Das Buch gliedert sich in drei Teile.
1. Teil 1 behandelt in 3 Aufsätzen bibliophile Themen und ist mit "Über Bibliophilie" überschrieben.
2. Teil 2 behandelt in 5 Aufsätzen "Historica", in denen sich der Autor mit der (Sammlungs-)Geschichte berühmter mittelalterlicher Bücher auseinandersetzt.
3. Teil 3 behandelt in 4 Aufsätzen unterschiedliche Themen und ist nicht ganz treffend mit "Literarische Narren (und wissenschaftliche)" überschrieben.
Die Reden bzw. Aufsätze des
ersten Teils gefallen mir sehr gut, auch wenn es durchaus zu mancher Wiederholung kommt und nicht jeder Gedanke ganz konsequent zu Ende gedacht wird. Den Vortrag "Das pflanzliche Gedächtnis" vor einem bibliophilen Sammlerclub mit ich herausheben. Eco setzt sich zunächst mit der Funktion des Gedächtnisses auseinander. Dazu zitiert er einen längeren Ausschnitt aus einer faszinierenden Geschichte Borges' mit dem Titel
Funes el memorioso, in dem ein Mann namens Funes alles wahrnimmt, ohne etwas weglassen zu können. Eco setzt sich nachfolgend damit auseinander, warum ein selektives Gedächtnis so wichtig ist. Dabei reflektiert er über die Funktion der Bücher, die auf pflanzlichen Material (= Papier) Erlebnisse im Gedächtnis behalten, womit sich auch der Titel erklärt. Er konstatiert:
Ein Buch wegzuwerfen, nachdem man es gelesen hat, ist, wie wenn man eine Person nicht wiedersehen will, mit der man gerade ein sexuelles Verhältnis gehabt hat. (Eco, S. 17)
Im letzten Abschnitt erläutert er, warum man heutzutage Bücher retten muss.
Im zweiten Aufsatz "Reflexionen über Bibliophilie" definiert únd unterscheidet Eco Bibliophilie von Bibliomanie, Bücherdiebstahl und Biblioklasmus. Er setzt sich zudem mit der Bibliothek und der Sammlerleidenschaft auseinander. Der dritte, recht kurze Aufsatz "Sichtungen eines Sammlers" greift ähnliche Themen noch mal aus etwas anderer Perspektive, nämlich der eines Sammlers, wieder auf.
Insgesamt macht dieser 66 Seiten umfassende erste Teil viel Spaß und verdient

.
Der
zweite Teil des Buches, der immerhin den Großteil des Buches ausmacht (S. 69 - 137), hätte man so nicht im Hanser Verlag erwartet. Der längste Artikel "Der seltsame Fall der Hanau 1609" setzt sich mit dem Buch Heinrich Kunraths
Amphiteatrum Sapientiae Aeternae in der Ausgabe Hanaus 1609 auseinander. Es handelt sich um ein illustriertes Werk mit 12 Tafeln, wobei 16 Exemplare nachgewiesen sind. Eco besitzt eines von ihnen. In seitenlangen Ausführungen wird nun über die Anordnung der Tafeln in den unterschiedlichen Ausgaben wie in einer wissenschaftlichen Arbeit berichtet. All dies ist für einen Leser, der nicht spezialisierter Sammler ist, nur anfänglich amüsant, in dieser Ausführlichkeit letztlich unergiebig.
Auch die anderen Aufsätze folgen einem ähnlichen Prinzip, sie behandeln lediglich andere Bücher. Farbabbildungen hätten eine Faszination von diesen Büchern vermitteln können, aber sie fehlen leider, immerhin gibt es für eines der Bücher SW-Abbildungen.
Teil 2:

Der
dritte Teil beinhaltet vier sonstige Aufsätze. Die Aufsätze sind von unterschiedlicher Qualität. Wenig ergiebig die Ausführungen zu "War Shakespeare zufällig Shakespeare", wobei hier vor allem ein großer Literaturapparat zu dieser Frage zitiert wird. Der Aufsatz "Innerer Monolog eines E-Books" kann als Leseprobe bei Hanser eingesehen werden und ist ein schöner bibliophiler Beitrag. Auch "Varia und Curiosa" bereitet Spaß, der Artikel setzt sich mit kuriosen Büchern und Autoren auseinander. "Meisterwerk eines Unbekannten" setzt sich mit Peri- und Epitexten auseinander.
Teil 3:

Die Anschaffung dieses Buches ist nur für Sammler der bibliomanen Literatur empfehlenswert, alle anderen können auch auf das günstigere Taschenbuch warten.
Thomas