Zweiter Schwung bis Seite 118 oben.
Anfänglich dachte ich in diesem Mitteldrittel, ich wäre in eine andere Erzählung geraten. Der Tonfall ändert sich zwar nicht, aber der Inhalt bricht von dem mythologischen Bezug weg. Das hätte alles auch in einem anderen Roman stehen können, der eine Abrechnung mit den Untaten eines sozialistischen Regimes vornimmt. Erst auf den letzten Seiten kehrte Jančar wieder näher an seinen Ausgangspunkt zurück, inklusive der, wie Saltanah es so richtig genannt hat, biblischen Ausdrucksweise. Dieses Abschwenken fand ich jetzt nicht gerade störend, aber ob ich es nötig fand, darüber bin ich mir auch noch nicht klar geworden.
Etwas klarer sehe ich im Hinblick auf die Eiserne Erna. Zwar bin ich mir immer noch nicht sicher, warum sie Pavel anfänglich aufgesucht hat, aber daß sie mit Marek und „dem System“ zusammenarbeitet, hat sich bestätigt. Eifersucht ist auch ein Motiv, das war nach dem Auftauchen von Vasilka nicht allzu überraschend. Hätte Pavel hier anders reagieren können? Wenn Erna ihm partout nicht glauben will, dann hat er, auch wenn Ernas Haltung irrational sein mag, eigentlich keine Chance. Und Jankos Auftritt? Ich nehme ihm schon sein persönliches Interesse an Vasilka ab, bin aber nicht sicher, ob es nicht Marek auch ganz gut in den Kram paßte, dieser mithin von den Plänen seines Mitarbeiters vielleicht wußte und sie guthieß.
Einige Probleme macht mir noch die zeitliche Einordnung. Der Erzähler hat als Kind Tito erlebt, Pavel war im Zweiten Weltkrieg in deutscher Gefangenschaft. Die Revolution, von der da dauernd gefaselt wird, dürften die Ereignisse in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre sein. Aber wann findet dieser Gefängnisbau statt? Ziemlich am Anfang, als Pavel gerade von Marek den Zettel bekommen hat, wo er am nächsten Morgen auftauchen soll und wo er dann von dem Bauauftrag erfährt, singen Betrunkene unter Pavels Fenster heroisches Slowenien, endlich bist du frei, und Pavel überlegt, daß er wirst du frei gesungen hat. Betrachtete Slowenien sich in jener Zeit als Teil Jugoslawiens als frei?
Was mich – im Gegensatz zum Erzähler – gar nicht wundert, ist Pavels Stolz auf die technischen Lösungen von Problemen, die vor allem das Unterbinden von Kommunikation zwischen den Gefangenen zum Ziel hatten, und das auch noch zu einem Zeitpunkt, wo Pavel sich längst schon innerlich von dem System distanziert hat. Das sind zwei unterschiedliche Bereiche, die ein Mensch, glaube ich, sehr gut trennen kann. Eine Lösung für eine vertrackte Aufgabe zu finden, erzeugt eben zunächst einmal Zufriedenheit und Stolz auf die eigene Leistung, es geschafft zu haben. Daß die Konsequenzen, die sich aus dieser Lösung ergeben, mit den eigenen moralischen Maßstäben nicht einhergeht, ist davon zunächst einmal unabhängig. An der Stelle kann ich Pavels bis zum Zeitpunkt des Erzählens andauernde Begeisterung für die grundsätzliche Lösung, gerade wegen ihrer Einfachheit absolut nachvollziehen.