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Autor Thema: Drago Jančar - Der Wandler der Welt. Die Mythen: Der Mythos von Dädalus  (Gelesen 1093 mal)

Kirsten

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Inhalt
Der Held dieses Buchs ist Pavel Areh. Er wie Dädalus: er ist ist Künstler und Erfinder, Architekt und Baumeister. In einer Zeit als seine Heimat im Umbruch war baut er -genau wie Dädalus- ein Labyrith. Er erkennt nicht dass er dieses Labyrith, ein Gefängnis, auch für sich baut...

Meine Meinung
Pavel Areh wird nachts geweckt und bekommt einen Zettel mit einer Adresse zugesteckt wo er sich am folgenden Tag melden soll. Zunächst erfährt er nur,  dass er an einem Projekt  teilnehmen soll. später stellt sich heraus dass er an der Planung eines Gefängnis beteiligt sein wird. Er macht sich seine eigenen Erfarungen in Gefängnissen zunutze und so entsteht ein Gefängnis ohne direktes Licht und ohne die Möglichkeit der Kommunikation der Gefangenen untereinander. Solange er seine Arbeit gut macht bekommt er alle möglichen Vergünstigungen und gilt als Held. Doch als beim Bau etwas schiefgeht wird er als der einzig Schuldige hingestellt und in seinem eigenen Gefängnis eingesperrt.

Die Atmosphäre in Der Wandler der Welt ist sehr bedrückend. Schon in den ersten Diaolgen schwingt ein bedrohlicher Unterton mit. Im Verlauf der Geschichte kann man erkennen dass sich Pavel immer mehr seinen Auftraggebern anpasst und seine eigene Persönlichkeit immer mehr in den Hintergrund tritt. Er sucht die Schuld für sein Scheitern bei seinen Mitarbeitern, nie bei sich. Erst als er in seinem eigenen Gefängnis eingesperrt wird erkennt er sein Scheitern und begreift es als eine Chance.

Auch das Buch zu den dünnen Büchern gehört fiel es mir trotzdem schwer es zu lesen. Von Anfang an war klar wie sich die Handlung entwickeln würde. Ausserdem konnte ich mich weder mit der Geschichte noch mit den handelnden Personen anfreunden.
2ratten :marypipeshalbeprivatmaus:

Liebe Grüße
Kirsten

EDIT: Autorennamen im Betreff korrigiert. LG, Saltanah
« Letzte Änderung: 04. Januar 2010, 14:24:47 von Saltanah »
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Aldawen

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Saltanah und ich lesen dieser Tage das Buch und wir wollen uns unterwegs ein bißchen darüber austauschen. Ich habe jetzt erst einmal bis einschließlich Seite 57 gelesen, da mir dort ein guter Punkt zum Unterbrechen zu sein schien.

Was mir bisher sehr gut gefällt, ist die Art und Weise, wie Jančar die Geschichte transferiert hat. Abgesehen von den einigermaßen offensichtlichen Parallelen, die er auf Seite 30 selbst entwickelt und andeutet (Pavel und Daidalos als Erbauer von Gefängnissen, Marek und Minos als Auftraggeber mit tyrannischen Allüren, eine oder gar mehrere Ariadnen und einen Theseus soll es auch noch geben), gibt es nämlich noch eine weitere. Daidalos stammte aus Athen, mußte aber nach dem Mord an seinem Neffen die Stadt verlassen. Auf Kreta baute er dann das Labyrinth für den Minotaurus, dem alle neun Jahre sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen aus Athen zum Fraß vorgeworfen wurden. Mit diesem Bau wendet er sich also gegen die Heimatstadt, mehr aus dem Gedanken einer Verpflichtung gegenüber dem ihm Schutz gewährenden Minos heraus als aus Überzeugung. Daidalos konnte den Auftrag des Minos vielleicht ablehnen, aber wahrscheinlich nur um den Preis des eigenen Lebens. Auch Pavels Überzeugung – so scheint mir zumindest – steht auf tönernen Füßen, seine Situation ist hier insgesamt betrachtet durchaus die gleiche wie die des Daidalos', wenn auch unter etwas anderen Vorzeichen.

Ob die Verbindung der Doppelaxt, der Labrys, mit dem Labyrinth etymologisch einwandfrei ist, weiß ich nicht, zumindest paßt es hier aber natürlich sehr gut in den Kontext, zumal die äußere Form des geplanten Gefängnisses ja wirklich der Doppelaxt entspricht, während das Innere, nach den bisher angedeuteten Formen und Funktionen tatsächlich labyrinthisch werden könnte.

Außerdem gefällt mir ganz gut, wie hier mit Zitaten gespielt wird. Der ständige Rückgriff auf die erste Strophe der Internationalen („Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger // Alles zu werden, strömt zuhauf!“) macht mir Spaß und Marek und seine Genossen ziemlich lächerlich, sie werden in ihrer eigenen Haltung, die sie vor allem Lippenbekenntnisse vor sich her tragen, dadurch eher karikiert.

Jedenfalls bin ich schon sehr gespannt, wie Jančar die Geschichte weiterspinnen wird. Ich vermute, daß eine der angekündigten Ariadnen die Eiserne Erna sein wird, die immer noch etwas für Pavel übrig zu haben scheint, auch wenn die Jugendliebe lange zurück liegt. Warum bloß war sie ausgerechnet an dem Abend, als Marek bei Pavel auftauchte, um ihn für den nächsten Tag zu dieser Versammlung zu bestellen, nach Jahren erstmals wieder bei Pavel? Dafür habe ich im Moment noch keine Erklärung, aber es kommen ja noch ein paar Seiten.

« Letzte Änderung: 02. Januar 2010, 15:25:32 von Aldawen »
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Saltanah

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So, nach längerem Schlange stehen vor dem Computer habe auch ich endlich Zeit, meine ersten Eindrücke zu schildern. Ich bin ungefähr gleich weit, nämlich auf S. 59.

Die Parallelen zu Dädalus (ich kann micich an die griechische Schreibweise einfach nicht gewöhnen) sind tatsächlich offensichtlich, für meinen Geschmack teilweise zu offensichtlich. Auch die Hinweise auf das - um es mal vorsichtig auszudrücken - problematische Verhalten der neuen Herren sind mir etwas zu dick aufgetragen. Dass sie mit Halbgöttern auf Erden sie verglichen werden, die "höhere Ziele" von oben herab verkünden, wobei die Ziele so diffus bleiben, dass niemand sie wirklich kennt, oder die Art, wie sie Pavel rekrutieren, ohne zu fragen, ob er auch mitmachen will, ist schon deutlich genug. Endgültig bloßgestellt werden sie dann dadurch, dass ihr erstes großes Projekt dann ausgerechnet ein Gefängnis ist, wo sie doch kürzlich noch selbst in solchen gesessen haben. Da bleiben den Lesern keine Zweifel darüber, wie sie einzustufen sind.

Nicht ganz sicher bin ich mir darüber, ob Pavel ihre Gesinnung gleich schon erkennt. Einerseits klingt schon durch, dass er sich bedroht fühlt und ein etwaiges Misslingen seines Projektes deshalb fürchtet, aber gleichzeitig schwingt immer wieder mit (scheint mir zumindest), dass er irgendwie doch noch an die hehren Überzeugungen seiner früheren Kampfgefährten glaubt.

Außerdem gefällt mir ganz gut, wie hier mit Zitaten gespielt wird. Der ständige Rückgriff auf die erste Strophe der Internationalen („Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger // Alles zu werden, strömt zuhauf!“)

Danke für den Hinweis Aldawen! Ich kenne außer den "Signalen", die gehört werden sollen, den Text der Internationalen nicht. Daher sind mir auch die Anspielungen darauf nicht aufgefallen.
Ich meine hingegen, stellenweise eine Art biblischen Stil entdeckt zu haben, z. B. auf S. 56 mit "Also sprach Genosse Marek, und es war ein gutes Zeichen." Das passt natürlich, da wie schon gesagt die Machthaber ja eine quasi göttliche Position haben.

Ich vermute, daß eine der angekündigten Ariadnen die Eiserne Erna sein wird, die immer noch etwas für Pavel übrig zu haben scheint, auch wenn die Jugendliebe lange zurück liegt.

Über die Rolle der Eisernen Erna bin ich mir auch noch nicht im Klaren. Anfangs hatte ich den Eindruck, dass sie erst mal bei Pavel das Terrain sondieren ging, also für Marek arbeitet. das tut sie sicher auch, aber es wäre möglich, dass sie es nicht mehr aus Überzeugung tut, sondern ihr bloß die Alternative fehlt, und sie Pavel zu schützen versucht. Wir werden sehen.

Mein erster Eindruck zum Buch ist durchwachsen. Einerseits gefällt es mir inhaltlich, aber andererseits ist mir die Durchführung zu plump. Die Parallelen zu offenber, der Stil teilweise zu naiv, zu gewollt einfach (z. B. auf S. 40 in der Passage "er hatte keine Angst bei..."). So habe ich das erste Drittel mit nur gelindem Interesse gelesen. Erst auf den letzten Seiten begann es mich plötzlich zu faszinieren. Ich hoffe also auf einen besseren Fortlauf.
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Aldawen

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Die Parallelen zu Dädalus (ich kann micich an die griechische Schreibweise einfach nicht gewöhnen) sind tatsächlich offensichtlich, für meinen Geschmack teilweise zu offensichtlich.

Das sind sie. Aber die Universalität des Themas, die Jančar ja auch selbst in seinen einleitenden Worten angesprochen hat, wird so natürlich überdeutlich. Daher sehe ich ihm das (zumindest im Moment noch) gerne nach.

Nicht ganz sicher bin ich mir darüber, ob Pavel ihre Gesinnung gleich schon erkennt. Einerseits klingt schon durch, dass er sich bedroht fühlt und ein etwaiges Misslingen seines Projektes deshalb fürchtet, aber gleichzeitig schwingt immer wieder mit (scheint mir zumindest), dass er irgendwie doch noch an die hehren Überzeugungen seiner früheren Kampfgefährten glaubt.

Wobei wir die Geschichte ja aus zweiter Hand erfahren und der Erzähler selbst sie von Pavel schon als Rückblick auf dessen Leben hört. Es ist also nicht nur möglich, sondern sogar sehr wahrscheinlich, daß Pavel in seiner Erzählung durch spätere Ereignisse in der Interpretation dessen beeinflußt ist, was vorher passiert ist.

Ich kenne außer den "Signalen", die gehört werden sollen, den Text der Internationalen nicht.

Wenn Du ihn so oft hättest singen müssen wie ich ...  :breitgrins:

Ich meine hingegen, stellenweise eine Art biblischen Stil entdeckt zu haben, z. B. auf S. 56 mit "Also sprach Genosse Marek, und es war ein gutes Zeichen." Das passt natürlich, da wie schon gesagt die Machthaber ja eine quasi göttliche Position haben.

Ja, stimmt, das ist sehr biblisch. Ich hatte während des Lesens auch so ein bekanntes Gefühl, konnte es aber nicht recht einordnen. Aber jetzt, wo Du es sagst   :pling:

Über die Rolle der Eisernen Erna bin ich mir auch noch nicht im Klaren. Anfangs hatte ich den Eindruck, dass sie erst mal bei Pavel das Terrain sondieren ging, also für Marek arbeitet. das tut sie sicher auch,

Letzteres denke ich auch, dafür spricht schon ihre Position in dem ganzen System.

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Aldawen

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Zweiter Schwung bis Seite 118 oben.

Anfänglich dachte ich in diesem Mitteldrittel, ich wäre in eine andere Erzählung geraten. Der Tonfall ändert sich zwar nicht, aber der Inhalt bricht von dem mythologischen Bezug weg. Das hätte alles auch in einem anderen Roman stehen können, der eine Abrechnung mit den Untaten eines sozialistischen Regimes vornimmt. Erst auf den letzten Seiten kehrte Jančar wieder näher an seinen Ausgangspunkt zurück, inklusive der, wie Saltanah es so richtig genannt hat, biblischen Ausdrucksweise. Dieses Abschwenken fand ich jetzt nicht gerade störend, aber ob ich es nötig fand, darüber bin ich mir auch noch nicht klar geworden.

Etwas klarer sehe ich im Hinblick auf die Eiserne Erna. Zwar bin ich mir immer noch nicht sicher, warum sie Pavel anfänglich aufgesucht hat, aber daß sie mit Marek und „dem System“ zusammenarbeitet, hat sich bestätigt. Eifersucht ist auch ein Motiv, das war nach dem Auftauchen von Vasilka nicht allzu überraschend. Hätte Pavel hier anders reagieren können? Wenn Erna ihm partout nicht glauben will, dann hat er, auch wenn Ernas Haltung irrational sein mag, eigentlich keine Chance. Und Jankos Auftritt? Ich nehme ihm schon sein persönliches Interesse an Vasilka ab, bin aber nicht sicher, ob es nicht Marek auch ganz gut in den Kram paßte, dieser mithin von den Plänen seines Mitarbeiters vielleicht wußte und sie guthieß.

Einige Probleme macht mir noch die zeitliche Einordnung. Der Erzähler hat als Kind Tito erlebt, Pavel war im Zweiten Weltkrieg in deutscher Gefangenschaft. Die Revolution, von der da dauernd gefaselt wird, dürften die Ereignisse in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre sein. Aber wann findet dieser Gefängnisbau statt? Ziemlich am Anfang, als Pavel gerade von Marek den Zettel bekommen hat, wo er am nächsten Morgen auftauchen soll und wo er dann von dem Bauauftrag erfährt, singen Betrunkene unter Pavels Fenster heroisches Slowenien, endlich bist du frei, und Pavel überlegt, daß er wirst du frei gesungen hat. Betrachtete Slowenien sich in jener Zeit als Teil Jugoslawiens als frei?

Was mich – im Gegensatz zum Erzähler – gar nicht wundert, ist Pavels Stolz auf die technischen Lösungen von Problemen, die vor allem das Unterbinden von Kommunikation zwischen den Gefangenen zum Ziel hatten, und das auch noch zu einem Zeitpunkt, wo Pavel sich längst schon innerlich von dem System distanziert hat. Das sind zwei unterschiedliche Bereiche, die ein Mensch, glaube ich, sehr gut trennen kann. Eine Lösung für eine vertrackte Aufgabe zu finden, erzeugt eben zunächst einmal Zufriedenheit und Stolz auf die eigene Leistung, es geschafft zu haben. Daß die Konsequenzen, die sich aus dieser Lösung ergeben, mit den eigenen moralischen Maßstäben nicht einhergeht, ist davon zunächst einmal unabhängig. An der Stelle kann ich Pavels bis zum Zeitpunkt des Erzählens andauernde Begeisterung für die grundsätzliche Lösung, gerade wegen ihrer Einfachheit absolut nachvollziehen.

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Saltanah

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Ich stecke auf S. 112:

Mittlerweile wurde deutlich, dass Pavel noch (bzw. bis vor einigen Seiten noch) an die neuen Machthaber "glaubt". Er sieht deren Verhalten einschließlich Bau eines besonders sicheren Gefängnisses völlig unkritisch. Dabei gäbe es doch Hinweise genug - zumindest mit dem Fazit in der Hand. Aber es ist ja leicht, hinterher klüger zu sein.

Wieso Erna Pavel die 3 Gefangenen schickte, hat mich erst sehr gewundert. Pavel nur mit einem Modell für seine Bildhauerei zu versehen, schien mir doch arg naiv und weit hergeholt. Mittlerweile glaube ich, dass es ein Plan war, um gegen ihn was in der Hand zu haben. Dabei kommen Erna allerdings ihre wohl doch noch vorhandenen Gefühle für Pavel in die Quere.

Was mich – im Gegensatz zum Erzähler – gar nicht wundert, ist Pavels Stolz auf die technischen Lösungen von Problemen, die vor allem das Unterbinden von Kommunikation zwischen den Gefangenen zum Ziel hatten, und das auch noch zu einem Zeitpunkt, wo Pavel sich längst schon innerlich von dem System distanziert hat. Das sind zwei unterschiedliche Bereiche, die ein Mensch, glaube ich, sehr gut trennen kann.

Das sehe ich auch so. Eine gut ausgeführte Arbeit macht stolz und glücklich, egal, wozu die Arbeit dient. Allerdings verblüffte es mich doch etwas, dass Pavel sich so ganz ohne Bedenken in den Gefängnisbau stürzt. Gerade er, der Erfahrungen mit Gefängnissen als Insasse hat, müsste doch eigentlich davor zurückschrecken, anderen die gleiche Erfahrung (bzw. schlimmere, da "sein" Gefängnis sicherer ist) zu ermöglichen. Aber da bin ich wohl ebenso blind wie der Erzähler, was Pavels Stolz angeht. In der schwarzweißen Welt der neuen Herrscher gibt es eben auch die "Bösen" und die gehören nun mal in den Knast.

Weiterhin macht mir die einfache, durchsichtige Erzählweise zu schaffen. Mir ist das zu plump. Wieso musste z. B. die Doppelbedeutung des Wortes "liquidieren" unbedingt vorbuchstabiert werden (S. 101)? Wieso es nicht einfach nur in seinen Bedeutungen anwenden und die Leser selbst eventuelle Schlüsse ziehen lassen?
Auf S. 103 stellte ich dann mal wieder fest, wie Marzi-geschädigt ich immer noch bin: Kurze, unvollständige Sätze! Mehrere hintereinander! O Graus! - Ich weiß, es ist ungerecht diesem Buch gegenüber, aber mir stellen sich dabei immer noch die Nackenhaare auf.
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Aldawen

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Wieso musste z. B. die Doppelbedeutung des Wortes "liquidieren" unbedingt vorbuchstabiert werden (S. 101)?

Das hat mich allerdings auch gestört, im Gegensatz zu:

Auf S. 103 stellte ich dann mal wieder fest, wie Marzi-geschädigt ich immer noch bin: Kurze, unvollständige Sätze! Mehrere hintereinander!

Es verdeutlicht hier den Standpunkt bzw. die Vorgehensweise der Machthaber, die sich mit Argumentationen gar nicht erst aufhalten, und da nicht das ganze Buch durchgängig in dieser Art geschrieben ist, kann ich es als zeitweiliges Stilmittel ohne weiteres akzeptieren.
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Saltanah

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Ziemlich am Anfang, als Pavel gerade von Marek den Zettel bekommen hat, wo er am nächsten Morgen auftauchen soll und wo er dann von dem Bauauftrag erfährt, singen Betrunkene unter Pavels Fenster heroisches Slowenien, endlich bist du frei, und Pavel überlegt, daß er wirst du frei gesungen hat. Betrachtete Slowenien sich in jener Zeit als Teil Jugoslawiens als frei?

Das hatte mich auch gewundert, aber gestern abend kam mir die Erleuchtung: Selbstverständlich war Slowenien frei - durch die Kommunisten befreit vom Joch der kapitalistischen Unterdrücker hätten die Slowenen nie gewagt, sich weiterhin als unfrei zu bezeichnen, zumindest nicht öffentlich hörbar. Unter dem neuen Regime kann das Land nicht mehr frei werden, sondern ist es, laut Kommunisten.

Auf S. 103 stellte ich dann mal wieder fest, wie Marzi-geschädigt ich immer noch bin: Kurze, unvollständige Sätze! Mehrere hintereinander!

Es verdeutlicht hier den Standpunkt bzw. die Vorgehensweise der Machthaber, die sich mit Argumentationen gar nicht erst aufhalten, und da nicht das ganze Buch durchgängig in dieser Art geschrieben ist, kann ich es als zeitweiliges Stilmittel ohne weiteres akzeptieren.

Da hast du natürlich recht. Das Stilmittel passt an dieser Stelle eigentlich. Nur bin ich durch die Lycidas-Trilogie so sehr gegen abgehackte Sätze hypersensibilisiert, dass ich sie nicht ertrage.


Ich habe das Buch gestern abend beendet, weiß aber nichts rechtes zum letzten Drittel zu sagen. Es kam, wie es kommen musste: Pavel landet in seinem eigenen Gefängnis und endlich gehen ihm die Augen auf, oder zumindest teilweise auf. Immer noch vertraut er Marek (S. 115), ohne daran zu denken, dass der ja auch seine eigene Haut retten muss. Konkurrenten (die zwar nicht erwähnt werden, aber garantiert existieren) könnten den Baufehler benutzen, um Marek aus dem Weg zu räumen, weshalb der die Schuld eindeutig auf jemand anderen schieben muss.
Aber Pavel ist ja überhaupt sehr naiv und gutgläubig. Sollte es ihm wirklich nie eingefallen sein, dass Vasilka ein Spitzel sein könnte?

Gegen Ende ging dann alles sehr schnell: Pavel kommt aus dem Gefängnis, stellt fest, dass er sich auch nach seiner Entlassung noch im Labyrinth befindet, die Grenzen öffnen sich allmählich, die Welt ändert sich und die neue Generation, vertreten durch den Erzähler,  hat Schwierigkeiten, das Verhalten der alten (Pavel) zu verstehen. Eigentlich ein interessantes Thema, das aber nur gestreift wird, wie so vieles im Buch.
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Saltanah

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Der Architekt, Bildhauer und überzeugte Kommunist Pavel Areh bekommt von einem früheren Mitstreiter, der mittlerweile im neuen kommunistischen Regime Karriere gemacht hat, den Auftrag, ein besonders sicheres Gefängnis zu bauen. Pavel übernimmt den Auftrag sofort, obwohl er früher selbst als politischer Gefangener eingekerkert gewesen war. Warnsignale überhörend findet er sich schließlich schockiert in seinem eigenen Bau wieder, wo er nicht nur feststellen muss, dass seine "Freunde" dies nicht unbedingt sind, sondern auch, dass seine Konstruktion nicht so sicher war wie angenommen.
Seine Lebensgeschichte erzählt er einem viel jüngeren Mann, der sie wiederum uns erzählt.

Jančar verbindet in diesem im Rahmen des Mythenprojektes erschienenen Buch die Geschichte um den Architekten Pavel mit dem Mythos um den Erfinder und Baumeister Dädalus, der das Labyrinth des Minotaurus auf Kreta erbaut hatte. Die Parallelen, die er zwischen den beiden Geschichten zieht, funktionieren zwar gut, sind mir allerdings viel zu offensichtlich, da sie auch im Roman selbst direkt ausgesprochen werden. Hier bleibt nicht viel Arbeit für den Leser übrig.
Überhaupt ist mir vieles im Buch zu deutlich, zu plump, zu vorbuchstabiert, was umso mehr zu bedauern ist, als mir das Thema eigentlich gefällt. Der Einblick in das Denken und Funktionieren des frühen kommunistischen Jugoslawien ist interessant, und auch die Schwierigkeiten einer jüngeren Generation, das Handeln der älteren zu verstehen und nachzuvollziehen, bietet viel Potential für ein interessantes Buch. Allerdings wird dieses Potential meiner Meinung nach nicht einmal annähernd ausgeschöpft.

Interessantes Thema + unzureichende Durchführung =
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Aldawen

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Unter dem neuen Regime kann das Land nicht mehr frei werden, sondern ist es, laut Kommunisten.

Das klingt logisch. Allerdings habe ich immer noch Probleme mit der zeitlichen Verortung, aber ich würde mal auf die 1950er Jahre tippen. Es ist nicht unbedingt wichtig für die Story, aber mich ärgert, wenn ich so etwas nicht auflösen kann.

Da hast du natürlich recht. Das Stilmittel passt an dieser Stelle eigentlich. Nur bin ich durch die Lycidas-Trilogie so sehr gegen abgehackte Sätze hypersensibilisiert, dass ich sie nicht ertrage.

Und weil ich das jetzt schon so oft als Kritik gehört und gelesen habe, kann ich mich gar nicht dazu überwinden, mit dem ersten Band wenigstens mal anzufangen  :rollen:

Ich habe das Buch gestern abend beendet, weiß aber nichts rechtes zum letzten Drittel zu sagen.

 :five:

Aber Pavel ist ja überhaupt sehr naiv und gutgläubig. Sollte es ihm wirklich nie eingefallen sein, dass Vasilka ein Spitzel sein könnte?

Vielleicht nicht. Und vielleicht war sie es nicht einmal. Es wäre durchaus denkbar, daß man das Pavel nur erzählt hat, um ihn zu verunsichern, was ja dann auch funktioniert hätte.

Gegen Ende ging dann alles sehr schnell:

Das scheint mir auch das Problem zu sein, vieles ging zu schnell und zu oberflächlich, in die Tiefe konnte es nicht mehr gehen. Daran ist aber auch die gewählte Erzählperspektive schuld, die mehr nicht zuläßt. Insgesamt läßt mich das Ende mit einem ziemlichen Schulterzucken über die Frage „Was sollte das jetzt alles?“ zurück.

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Aldawen

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Dann will ich meine Meinung auch noch mal abschließend zusammenfassen.

Jančar wählt den Mythos von Daidalos als Ausgangspunkt, um die Geschichte des Baumeisters Pavel Areh zu erzählen. Leider verzettelt er sich dabei im Verlaufe der ohnehin schmalen Erzählung derartig, daß am Ende nichts richtiges übrig bleibt. Der Transfer des Mythos in moderne Zeiten funktioniert anfänglich sogar recht gut, allerdings geht diese Linie bis zum Ende ziemlich verloren, der späte(re) Pavel teilt mit Daidalos nicht mehr allzu viel, weder spezfisch in seinem Schicksal noch auf einer übertragenen Ebene.

Stattdessen entwickelt sich die Geschichte zu einer Abrechnung mit den Methoden eines sozialistischen Regimes und seinen Trägern, die ihre Machtposition dazu verwenden, ihren Vorgängern so ähnlich wie möglich zu werden. Das ist zwar kein uninteressantes Thema, war aber keinesfalls das, was ich hier erwartet hatte und lesen wollte. Zumal die immer bemühter werdenden und deshalb immer expliziter formulierten Bezüge auf den Ausgangsmythos die Erzählung zwischen ihren Motiven wie einen Betrunkenen von einer Straßenseite zur anderen torkeln lassen.

Das „Ausbuchstabieren“, das Saltanah bemängelte, und das mich anfänglich gar nicht so gestört hatte, ist über die gesamte Erzählung hin betrachtet wirklich zu deutlich, dazu stilistisch in einer Form (damit meine ich nicht die oben diskutierte Stelle mit den kurzen abgehackten Sätzen, sondern den Gesamtfluß der Sprache) die mich mit fortschreitender Lektüre aufseufzen ließ. Nein, das war kein besonders überzeugender Einstieg in die Romane dieses Projektes, aber so können die anderen fast nur besser werden.

 2ratten

Schönen Gruß,
Aldawen
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