Nachdem der neunte Tag ohne Thema ablief, sollten am zehnten Tag Geschichten von "Großmut und Edelsinn" erzählt werden. Eine nette Abwechslung.
In der
ersten Geschichte lebt ein tapferer italienischer Ritter beim spanischen König. Obwohl er ihm hervorragend dient, erhält er keine entsprechende Belohnung. Der König erklärt ihm, dass dies mit seinem eher unglücklichen Schicksal zusammenhängt und beweist ihn dies, indem er ihn zwischen zwei Truhen wählen lässt, wobei der Ritter natürlich die wertlose, mit Erde gefüllte Truhe wählt. Trotzdem handelt der spanische König am Ende gegen das Schicksal und beschenkt den Ritter reich.
Etwas merkwürdig fand ich hier die Argumentation des Königs (soweit ich sie richtig verstanden habe): Wie kann er sich auf das Schicksal beziehen, wenn es doch allein von ihm abhängt, wen er belohnt oder bestraft? Oder wirft er jedesmal eine Münze, wer diesmal an der Reihe ist, ein Lehen zu erhalten?

Elisas Geschichte, die zweite des Tages, handelt von Ghino di Tacco, der als Straßenräuber einen Abt gefangen nimmt, ihn von einer Magenerkrankung heilt und dafür zum Hospitaliterritter wird. Lustig, dass die Gruppe es beinahe als Wunder nimmt, dass ein Priester sich als guter Mensch verhält.
Das fiel mir auch auf. Nach den vielen Erfahrungen mit Geistlichen in den diversen Geschichten des Buches freut man sich zu sehen, dass es noch gutherzige Priester gibt, die nicht gleich Rache im Sinn haben, sondern nach den Hintergründen fragen. Den Räuber Ghino gab es laut den Anmerkungen tatsächlich.
Der gutherzige Abt ist wirklich mal eine schöne Ausnahme von der bisher sehr negativ dargestellten Geistlichkeit.
Den tieferen Sinn der
dritten Geschichte habe ich nicht verstanden. Warum verlangt es Mithridanes nach dem Tod von Nathan? Wenn er wirklich so selbstlos werden möchte wie dieser, ist Neid der ganz falsche Weg. Zwar kann ich Nathans Argumente, warum er sich hätte töten lassen, verstehen, aber mir erscheint es absolut unglaubwürdig, dass jemand sein eigenes Leben nur wegen der Geltungssucht eines anderen wegwerfen will.

Die
vierte Geschichte gefiel mir gut. Wie Doris habe ich zwischenzeitlich erwartet, dass Gentile die Madonna Catalina als seine Frau behält, nachdem er eine ähnliche Erzählung von einem Herrn und dessen Diener erzählt hat, aber das würde ja nicht zum Tagesthema passen. Dementsprechend nahm die Geschichte ein gutes Ende, indem Gentile seine Angebetete sowie deren Sohn ehrenhaft an ihren rechtmäßigen Mann zurückgab.

Die
fünfte Geschichte fiel schon wieder etwas gegenüber der vorherigen ab. Auch finde ich, sie passt nicht wirklich zum Tagesmotto, denn der Mann von Madonna Dianora gibt ihr nur deshalb seine Einwilligung, dass sie zu Ansaldo gehen solle, weil er Angst vor dem Magier hat, wie er selbst zugibt. Also handelt er nicht edel oder großmütig, sondern wird von Furcht geleitet.
Täusche ich mich, oder ist das die erste Geschichte, in der Übernatürliches vorkommt? Abgesehen von Betrügereien.
Nein, Du täuschst Dich nicht. Das ist die erste Erzählung mit wahrhaftiger Magie, die im Dekameron vorkommt. Schade, ein paar mehr Motive aus der Kiste hätten bestimmt für etwas Auflockerung gesorgt.
Die sechste und die siebte Geschichte bilden mMn ein Paar. Während in der
sechsten Erzählung König Karl der Ältere (
Karl IV. ?), der Eroberer von Italien, als edler Mann dargestellt wird, der seine eigenen Triebe zu Gunsten des Glücks der beiden Schwestern zurückstellt, ist in der
siebten Erzählung König Peter von Aragonien (
Peter IV. ?) derjenige, welcher durch seine ehrenvolle Behandlung der in ihn verliebten Jungfrau Lisa sowohl ihre Krankheit heilt als auch sie würdig verheiratet, der edle und großmütige Held. Mir gefiel gut, dass Boccaccio die Gesinnung der Bevölkerung, die mal mit Karl und mal mit Peter sympathisierte, auch in unserer Gesellschaft gezeigt hat.

Die
achte und neunte Geschichte waren mir einfach zu lang.

Inhaltlich gefielen sie mir ganz gut, allerdings fand ich die seitenlangen Gespräche viel zu übertrieben. Das hätte man mMn alles auch kürzer fassen können. Es mag sein, dass man damals so ausladend gesprochen hat, aber verglichen mit unserer heutigen Redeweise finde ich es nur ermüdend.
Bei der
zehnten Geschichte hätten sich mir fast die Fußnägel gerollt. Wie kann der Markgraf nur so mit seiner Frau umgehen?

Wenn er sie unbedingt auf die Probe stellen musste, wäre das sicherlich auch anders gegangen und nicht so grausam über mindestens 12 Jahre. Der gute Mann hat sie ja nicht alle, vor allem dass er diese Einfälle als Geniestreiche hinstellt.

Immerhin hat sich Dioneo zu Beginn seiner Erzählung eindeutig vom Verhalten des Markgrafen distanziert:
Um mich also nicht allzu weit von euch zu entfernen, will ich euch von einem Markgrafen erzählen; doch nicht eine großmütige Hand lung, sondern eine törichte Roheit, wiewohl sie am Ende ihm zum Guten ausschlug. Indes rate ich niemandem, ihm darin zu folgen; denn wahrlich, es ist sehr zu bedauern, daß ihm Gutes daraus erwuchs.
Etwas sehr schade fand ich das abrupte Ende des Dekamerons. Die jungen Leute gehen zurück nach Florenz und dort trennen sich ihre Wege wieder. ENDE
Viel schöner hätte ich es gefunden, wenn die erneuten Rechtfertigungsversuche von Boccaccio durch einen längeren Abspann ersetzt worden wären.

Insgesamt bin ich froh, dass ich das Dekameron gelesen habe, denn es waren einige tolle Geschichten dabei. Aber noch viel froher bin ich, dass ich, nachdem ich mich durch mehr langweilige und eintönige Erzählungen gelesen habe, das Buch endlich zurück ins Regal stellen kann.
