Ach ja, dieser über alles schöne, erhabene achte Tag.

Neifile erzählt die erste Geschichte: Der Deutsche Wolfhart oder Gulfardo verliebt sich in Donna Ambruogia, die Frau seines Freundes Gasparruolo Cagastraccio. Als er sich um sie bemüht, willigt sie ein unter zwei Bedingungen: seiner Verschwiegenheit und zweihundert Goldgulden, für die sie sich seinen Wünschen fügen will. Ihr Geiz empört ihn. Seine grenzenlose Liebe erlischt umgehend, aber er spielt zum Schein mit. Ehe sein Freund auf Reisen geht, leiht er sich von ihm zweihundert Goldgulden. Die übergibt er Ambruogia vor einem Zeugen. Anschließend gewährt sie ihm den vereinbarten Gegenwert. Nachdem Gasparruolo wieder zu Hause ist, sucht ihn Gulfardo auf und erzählt ihm in Anwesenheit des Zeugen der Geldübergabe, dass er die geliehene Summe Ambruogia zurückgegeben habe. Die bestätigt dies widerwillig und gibt ihrem Mann die Goldgulden.
Nach der Lektüre musste ich einmal mehr über grundlegende Zusammenhänge des Lebens nachdenken: (1) dass eine Frau geizig ist, wenn sie sich einem Mann nicht umsonst hingibt; (2) warum es Freundschaft ist, wenn ein Mann mit der Frau seines Freundes schläft, und (3) warum es - in der Umkehrung von (1) - kein Ausweis von Geiz ist, dass der Mann „so ohne Kosten die habsüchtige Schöne genossen hatte“. Am Ende fand ich, dass das schönste Wort dieser Geschichte „Goldgulden“ ist.
Die zweite Geschichte beginnt mit den Worten: „Männer und Frauen lobten einmütig Wolfharts Betrug“. Ich frage mich, ob die Pest nicht mehrere gute Gründe hatte, sich zu entfalten.
Panfilo richtet sich in der zweiten Geschichte des Tages gegen den Klerus. Zur Freude derer, die es in der Leserunde ja schon vermissten, wie auch zur Freude der Damen in der Decamerone-Gruppe.
Elisa erzählt die dritte Geschichte. Calandrino, Bruno und Buffalmacco suchen den Wunderstein Heliotrop im Flussbett des Mugnone. Calandrino glaubt ihn gefunden zu haben und stapft mit einer erheblichen Steinlast nach Hause. Seine Frau beschimpft ihn, weil er zu spät zum Essen kommt, und er verprügelt sie unter Wahrung der Verhältnismäßigkeit der Mittel. Dann erzählt er seinen Freunden davon, dass er den Stein gefunden hatte, aber dass eine Frau ja jedem Ding die Kraft rauben könne. Die beiden Freunde versöhnen ihn mit seiner Frau, sodass ihm die Notwendigkeit, sie ein weiteres Mal verprügeln zu müssen, aus dem Denkkanal gespült wird.
„Elisa war mit ihrer Geschichte, die sie nicht ohne großes Ergötzen der ganzen Gesellschaft erzählt hatte, zu Ende.“ Aber das mit dem Ergötzen wussten wir ja vorher, schließlich haben auch die Ärzte einen Song zum Thema geschrieben.
Emilias Geschichte, die vierte, handelt von der Witwe Monna Piccarda, die einen brünftigen Propst auf die Magd umlenkt und mit Hilfe ihrer Brüder vom Bischof erwischen lässt. Die Magd bekommt dafür ein Hemd, das so wertvoll ist, dass sie dafür auch mit sechs Männern geschlafen hätte. Oder die sechs Männer sind soviel wert wie das Hemd. Wie auch immer. Scheint sich für alle Beteiligten gelohnt zu haben.
Nachdem Filostrato in Geschichte fünf den anmutigen Damen einige schlimme Wörter zu Ohren gebracht hat, erzählt Filomena die sechste Geschichte des Tages. Bruno, Buffalmacco und Calandrino sind einmal mehr die Helden. B&B stehlen Calandrino ein Schwein. Sie behaupten, er könne durch den Verzehr von Ingwerkuchen und Vernacciawein das angeblich verschwundene Tier wiederfinden. Sie geben ihm jedoch zwei Hundekuchen, mit frischer Leberaloe angemacht. Er spuckt aus und gerät unter Verdacht, das Schwein selbst gestohlen zu haben. Damit sie von der spaßigen Aktion nicht seiner Frau erzählen, gibt er ihnen eine Art Schweigegeld.
In der Geschichte steht einmal mehr das Essen und Trinken im Zentrum. Calandrino weigert sich, das Schwein zu verkaufen und das Geld mit seinen Freunden durchzubringen. Dadurch werden die komischen Entwicklungen eingeleitet. Mir ist nicht ganz klar, warum er sich erpressen lässt und nicht, wie in der anderen Geschichte, seine Frau einfach verprügelt. Aber das scheint nicht immer die sinnvollste Lösung zu sein.
Pampinea erzählt Geschichte sieben. Ein Gelehrter verbringt eine Winternacht draußen in der Kälte, weil die von ihm begehrte Witwe eben in dieser Nacht mit einem anderen Mann zusammen ist. Er rächt sich dafür im Sommer. Sie steht nackt auf einem Kirchturm, wird braun und gewinnt neue Freunde.
Fiammetta erzählt in Geschichte acht von zwei Männern, guten Freunden, die kreuzweise Ehebruch begehen, wobei der zweite Durchgang die Rache für den ersten ist. Anschließend erinnern sie sich daran, dass sie beste Freunde sind und bemerken, dass der gelegentliche Frauentausch durchaus zur Festigung der Beziehung beitragen könnte. Also gibt es (mal wieder) ein leckeres Essen, bei dem sie vereinbaren, künftig auch die Frauen zu teilen. Ist sicher besser, den schwelenden Konflikt auf diese Weise aufzulösen. Die Kreuzkonstruktion ist einfach stabiler.
Auch in der achten Geschichte spielen B&B wieder mit. Die kleinen Schabernacker scheinen gerade sehr beliebt in der Runde: „Man braucht nicht zu fragen, wie sehr verschiedene Stellen in der Geschichte der Königin die Damen zum Lachen gereizt hatten. Keiner unter ihnen waren vor unmäßigem Gelächter weniger als ein dutzendmal die Tränen in die Augen gekommen“. Ein nicht ganz so heller Arzt verbringt auf Veranlassung B&Bs einen Teil seiner Zeit in einer Jauchegrube. Auch hier gibt es wieder ein Essen als Instrument der Bestätigung und des Erhalts von Beziehungen.
Dioneo erzählt am Ende eine Geschichte über wechselseitigen Betrug und die Freude, die man daraus ziehen kann.
In manchen Momenten hatte ich das Gefühl, Boccaccio stelle eine Verbindung zwischen den Figuren und den Geschichten her. In der Leserunde haben wir sogar Mutmaßungen über mögliche Paarbildungen angestellt. Die letzten Tage habe ich jedoch zunehmend den Verdacht, dass Boccaccio hieran nicht so viel Interesse hatte, wie der Anfang vermuten lässt. Auch die Lieder am Ende eines Tages sind ja nicht immer welche, die etwas über die Gefühle der Gruppenmitglieder offen legen. Am Ende des achten Tages singt Panfilo über die brennende Freude an seiner Liebe, denkt jedoch, er müsse sie geheim halten. Was beim Rest der Gruppe zu Spekulationen führt.
Liebe Grüße,
mohan
