Filostratos Geschichte 1 über Masetto von Lamporecchio, den Gärtner im Nonnenkloster, ist komisch in ihrer Behandlung der Nonnen, tastet aber nicht christliche Werte an.
Pampineas Geschichte 2 von der Königin zwischen dem König und dem Stallknecht, handelt einmal mehr von einer der verbreiteten Personenkonstellationen, die sich bis heute ausgeprägter Beliebtheit erfreuen.
Filomenas Geschichte 3 stellt einen Beichtvater vor, der als ein etwas naiver (tumber?) Zeitgenosse sich als Vermittler missbrauchen lässt.
In Panfilos Geschichte 4 stärken Don Felice und Puccios Frau Isabetta sich mit einem Mahl für die Liebesnacht, während der Ehemann Puccio di Rinieri Buße tut, um auf der Überholspur selig zu werden. Da haben wir wieder den Zusammenhang von Sex und Essen. Und von Sex und Buße? Später wird dies wieder aufgegriffen: die Frau hat sich an die Speise des Mönchs gewöhnt und zieht sie der Diät ihres Mannes vor. Ein Mönch muss bei dem Lebenswandel, den diese Gruppierung bei Boccaccio führt, natürlich ein reichhaltigeres Menü anbieten können als der ungeschulte Ehemann. Dass er sich dabei auch noch als Ehebrecher betätigt…
Welches Selbstverständnis hatten die Mönche früher, dass sie so etwas wie das Decamerone lange Zeit freudenvoll durchrutschen ließen? Hier missbraucht der Geistliche ein katholisches Instrument.
Puccio traut dem Geistlichen und beurteilt ihn nach seiner Oberfläche, die zur Täuschung benutzt wird. Will Puccio sich täuschen lassen, weil der erwartete Gewinn ihm als akzeptable Kompensation erscheint?
Für mich die beste Geschichte des Tages.
In Elisas Geschichte 5 hält sich der Edelmann Francesco ein halbes Jahr in Mailand auf, während seine Frau daheim ereignislos vor sich hin altern soll. Zima schenkt Francesco ein schönes Pferd und vergnügt sich mit seiner Frau. Was für ein Tauschhandel, über den man da stolpern könnte, wenn man hinter die vordergründige Standardsituation (2 Männer - 1 Frau) blickte.
In Fiammettas Geschichte 6 gibt Ricciardo Minutolo vor, Filippello Fighinolfi werde mit seiner, Ricciardos Frau, im Bade ein Techtelmechtel haben. Darauf geht Filipellos Frau Catella, in die Ricciardo verliebt ist, zu dem Treffen. Während sie glaubt, mit ihrem Mann geschlafen zu haben, war es tatsächlich Ricciardo. Körperliches Begehren mit Verliebtsein verwechseln, gefügig werden, um dann festzustellen, dass es sich gelohnt hat…. Dabei ist Ricciardo ein Edelmann, kein Pirat, wie zuvor in einer ähnlichen Geschichte.
Emilias lange Geschichte 7 variiert nicht eins der Grundthemen, die bestimmend für das Decamerone sind, und erzählt eine in diesem Werk einzigartige Geschichte, wenngleich - schon fast: natürlich - die Kirche wieder ihr Fett abbekommt.
Laurettas Geschichte 8 ist schon eine Horrorerzählung. In ihr gibt es einen Kirchenvertreter, der sich blasphemisch verhält, um an eine Frau zu kommen, die verheiratet ist (Bestattung als scheintot, Fegefeuer, Auferstehung von den Toten!).
In Geschichte 9 lobt Neifile Laurettas Erzählung und gibt vor, mit ihrer dahinter zurückzufallen, erzählt tatsächlich aber ein der besten Geschichten. Die weibliche Hauptfigur ihrer Erzählung hat etwas von Neifile. Beide wirken passiv und unterwürfig, sind es aber nicht wirklich.
Dioneos Geschichte 10 über einen Mönch, die Einsiedlerin Alibech und den retournierten Teufel setzt sich ebenfalls ab von den vielen Geschichten, die Grundmotive variieren, ist auch eine der besten bislang.
Am Ende setzt die Königin Filostrato die Krone auf und sagt: „Nun werden wir sehen, ob der Wolf es besser verstehen wird, die Schafe zu führen, als bisher Schafe die Wölfe geführt haben.“
Worauf Filostrato mit den Worten reagiert: „Und so nennt uns denn nicht Wölfe, da ihr euch nicht wie Schäflein benommen habt.“
Ziemlich klare Aussagen über „Wölfe“, die drei Männer, und „Schafe“, die sieben Frauen.
Darauf dichtet Neifile Filostratos Mundwerk mit den Worten ab: „Höre, Filostrato, statt uns belehren zu wollen, hättet ihr lieber wie Masetto aus Lamporecchio, von den Nonnen Klugheit lernen und die Sprache nicht eher wiederbekommen sollen, als bis die Knochen ohne Lehrmeister hätten pfeifen gelernt.“
Die Gruppe ist, was spätestens im Gespräch am Ende des dritten Tages deutlich wird, sittsam und liberal in den Anschauungen und diskutiert recht frei. Die Aussage: „Hier endete Lauretta ihr Lied, das von allen überdacht, von verschiedenen aber verschieden verstanden ward.“ lässt sich wohl auch auf das Decamerone insgesamt anwenden.
Mit den Geschichten vier, sieben, neun und zehn hält der dritte Tag für mich einige der bislang besten bereit.