Die Geschichten des zweiten Tages sind länger als die des ersten, und das tut ihnen, finde ich, gut.
Erste Geschichte:Tja, sich für etwas ausgeben, das man nicht ist, kann üble Folgen haben.
Martellino hat wirklich Glück, dass er in einer Geschichte auftaucht, die laut Motto des Tages ein glückliches Ende nehmen muss, ansonsten wäre er wohl nicht mit dem Leben davon gekommen.
Denn der Richter, und das hat mich doch etwas schockiert, war ja weniger an der Wahrheit interessiert, als vielmehr daran, einem der verhassten Florentiner etwas heimzuzahlen. Die Aussage des Torbeamten (in meiner Übersetzung ein Zöllner) gab er ja nichts. Da musste höhere Gewalt in Gestalt des Stadtoberhauptes auftauchen, um Martellino zu retten.
Die Geschichte illustriert schön, wie sehr die Menschen Herdentiere sind. Erst müssen sie alle unbedingt die Leiche des "Heiligen" sehen und dann stellen sie sich alle als Raubopfer dar. - Eigentlich übrigens ein guter Trick des Freundes, mit einer Lüge die Wache dazu zu bringen, Martellino aus den Händen der aufgebrachten Menge (Herde) zu befreien. Nur mit den längerfristigen Folgen hatte er nicht gerechtet.
Zweite Geschichte:An dieser Geschichte störte mich eine Kleinigkeit, nämlich eine Information, die nicht rechtzeitig kam:
In meiner Vorstellung ritten Rinaldo und die Räuber nämlich durch eine idyllische Frühlingslandschaft, als es plötzlich heißt, dass er im Schneetreiben stehe. Ein Hinweis auf Jahreszeit oder Wetterlage hätte ich mir schon vorher gewünscht.
Gewundert hat mich auch die Tatsache, dass sich in der Stadtmauer noch ein unbewachtes Türchen findet, dessen Schlüssel sich noch dazu in den Händen einer Privatperson befindet. Ist das nicht ein ziemliches Sicherheitsrisiko im Kriegsfalle? Mich würde interesseiren, ob die Tür nur aus erzähltechnischen Gründen da war, oder ob es solche in mittelalterlichen Stadtmauern wirklich gab.
Rinaldos Retterin gefiel mir in ihrer schnellen Ausnutzung der Lage gut. Sie wusste, was sie wollte und sie sorgte dafür, dass sie es bekam. Eine schöne Erinnerung daran, dass zu Boccaccios Zeiten auch Frauen Fleischeslust fühlten; erst in späteren Jahrhunderten änderte sich das ("offiziell" also).
Haben die fehlenden Kniebänder eigentlich eine symbolische Bedeutung?
Dritte Geschichte:Die nimmt eine überraschenden Perspektivwechsel vor. Eigentlich dachte ich, die Hauptpersonen wären die drei sehr wenig lernbegabten Brüder, die auch nach ihrem ersten Ruin weiterhin ihr Geld sinnlos verprassen.
Dass plötzlich deren Neffe im Zentrum der Geschichte steht, war verblüffend, noch verblüffender natürlich dessen Erlebnisse mit dem "Abt".
Verwundert hat mich, dass die junge Frau keine beschützende Begleitung hatte. Immerhin war sie ja von einer Menge Menschen umgeben, die scheinbar ihr Geheimnis kannten.
Fehlt dir eine "Anstandsdame", die die Königstochter begleitet? Die hätte ja nicht in das Gefolge eines "Abtes" gepasst; Außenstehende hätten Verdacht schöpfen können, dass mit dem nicht alles stimmt. (Wenn man allerdings die sexuellen Gepflogenheiten von Boccaccios Kirchenleuten in Betracht zieht, hätte eine weibliche Begleitung gut gepasst.

)
Ein gängiges Wort in der heutigen Zeit, für diese Zeit kam es mir etwas deplatziert vor. Urlaub. Welche Bedeutung hatte Urlaub denn in jener Zeit? Einfach eine Reise ohne bestimmten Zweck? Wobei es mich wirklich interessieren würde, wovon sich dieses Wort ableitet. Von Erlaubnis? Hieß es früher vielleicht Erlaub und ist im Laufe der Jahre in seiner Schreibweise abgeändert worden?
Kannst du die genaue Stelle angeben? Bei mir findet sich das Wort nicht. Laut
Wikipedia stimmt deine Herleitung:
Der Begriff Urlaub leitet sich vom alt- bzw. mittelhochdeutschen Wort für „erlauben“ her. So fragten im Hochmittelalter Ritter ihren Lehnsherren um urloup, also „Urlaub“, um in eine Schlacht zu ziehen.
Das Wort ist also schon so alt, dass es kein Stilbruch der Übersetzung bedeutet. (Als "Urlaubs"beschäftigung Krieg führen?

Nein danke!)
Vierte Geschichte:Noch ein Mann, der nicht genug bekommen kann! Ist schon unendlich reich, will aber unbedingt noch mehr haben. Ich habe ihm ehrlich gesagt seine Verluste gegönnt! Auch die Art seiner Beschäftigung fand ich etwas bedenklich: Seeräuberei - selbst wenn sie sich hauptsächlich gegen Türken wendet - ist doch nicht nett. Da geschieht es ihm recht, dass er selbst anderen Piraten zum Opfer fällt. (Hört ihr mein schadenfrohes Kichern?)
Gut dann die Beschreibung als Schiffbrüchiger. Seine Qualen auf dem Meer wurden mit einigen realistischen Details geschmückt, die bisher in den Geschichten fehlten. Vorher wünscht er sich den Tod herbei, aber dann klammert er sich in Todesangst an die Planke, später die Kiste, ohne etwas zu essen,
"aber bei häufigerem Trunk, als er gewünscht hätte" (eine schöne Formulierung).
Ein wenig sauer war ich, als er sich einfach so mitsamt seinen Edelsteinen von seiner Retterin fort macht, aber immerhin schickt er ihr später eine ordentliche Summe. Und er scheint tatsächlich etwas gelernt zu haben:
"Den Rest aber behielt er für sich und lebte damit ehrenvoll bis an sein Ende, ohne sich weiter auf Handelsunternehmungen einzulassen." Da tat er gut dran!
Fünfte Geschichte:Andreuccio ist ein junger Mann mit mehr Geld als Verstand. Müsste doch eigentlich jeder wissen, dass man seine wohlgefüllten Geldbeutel nicht so öffentlich zur Schau stellt! (Was mich mal wieder daran erinnerte, dass sich gewisse Dinge über die Jahrhunderte immer gleich bleiben.)
In dieser Geschichte hat mich die Beschreibung des "Klos" am meisten beeindruckt. Das Gässchen, über dem es sich befindet, möchte ich nicht freiwillig betreten! Gerade solche Kleinigkeiten, die uns einen Eindruck von den damaligen Lebensbedingungen verschaffen, gefallen mir immer sehr gut.
Aber dass er dann in einen Brunnen (Trinkwasser!) klettert, um sich zu waschen

!
Bei der Vorstellung, wie er dann später im Sarkophag des Bischofs eingesperrt ist, wurde mir ganz anders

, ich musste dann aber gleich wieder kichern, als die zweite Leichenräubergruppe von einem Pfaffen angeführt wird. Selbst die Geistlichkeit bestiehlt Leichen! Das sollte mich nach doch mittlerweile einigen Schilderungen des "ach so christlichen" Lebenswandels der Geistlichen bei Boccaccio eigentlich nicht mehr wundern, aber irgendwie setzt Boccaccio immer wieder noch eins drauf. Schön!