Wie ihr musste auch ich feststellen, dass sich die Geschichten sehr gut hintereinander weglesen lassen. Mir gelang es gestern abend, mich nach der sechsten Geschichte vom Buch loszureißen.
Erste Geschichte:Wirklich erheiternd und überraschend, wie der Beichtvater auch die gröbsten Lügen schluckt und vermeint, einen nahezu perfekten Menschen vor sich zu haben, und der zu allem Überfluss nach seinem Tod dann auch noch als Heiliger verehrt wird. Ich wartete die ganze Zeit auf die Bestrafung des Lügenbeutels und Sünders, aber die fehlte zu meiner großen Überraschung.
Will Boccaccio hier eigentlich nur unterhalten oder kritisiert er unterschwellig die Gutgläubigkeit der kirchlichen Vertreter?
Zweite Geschichte: Die hat mir in ihrer verqueren Logik wirklich gut gefallen! So sonderbar der Gedankengang des Juden auch ist, so kann ich ihn doch nachvollziehen: An einer Religion, die blüht und gedeiht, obwohl ihre Führung durch und durch verderbt ist, muss "etwas dran" sein. Die muss einen festen Grund haben, ansonsten wäre sie schon längst in sich zusammen gefallen.
Mag sein, dass ich mit dieser Geschichte weniger Probleme hatte als ihr, weil mein Religionslehrer in der Oberstufe mal etwas ähnliches sagte: Hinter einer Religion, die trotz aller unfähigen Vertreter und unchristlichen Handlungen zweitausend Jahre überlebt, muss eine höhere Macht stehen, ansonsten gäbe es sie schon lange nicht mehr. Auf seine sonderbare Art ist das der beste "Beweis" für die Existenz des christlichen Gottes, die mir je begegnet ist.
Dritte Geschichte:Aha! Das also ist die berühmte Ringparabel, von der ich schon oft gehört, die ich aber noch nie gelesen habe

.
Boccaccio überrascht mich auch hier - ich erwartete einen klaren Hinweis auf die Überlegenheit der christlichen Religion, der aber glücklicherweise nicht kam.
Vierte Geschichte:*Kicher* Ja , so habe ich die Geschichten des Decamerone in Erinnerung: mit viel (verbotenem) Sex. Dass der Abt kein bisschen anders handelt als der Mönch und beide noch dazu ihr unmoralisches Verhalten lustig fortsetzen, ist ja wirklich ... unerwartet, wenn man denkt, die Literatur aus alten Zeiten wäre von Moralaposteln geschrieben und seinen Leserinnen das moralisch richtige Verhalten mit dem Holzhammer einbläuen. Aber das kam dann wohl erst später, glaube ich.
Fünfte Geschichte:Ehrlich gesagt hatte ich auch nicht verstanden, wieso die Servierung von Hühnchen und die Antwort der Markgräfin eine Abfuhr bedeutete. Danke für die Erklärung, Mohan, aber so ganz leuchtet mir das immer noch nicht ein. Und dass der König diesen Wink sofort verstanden haben soll ...
Ansonsten:

! Was soll man eigentlich von Anmerkungen halten, die etwas zu "Inquisitor" schreiben, aber ein (allseits bekanntes oder wie?) Wort wie "gonfaloniär" (deutsch "Gonfaloniere"; = in Italien bis 1859 gebräuchliche Bezeichnung des Stadtoberhauptes) nicht erklären. Die kann man dann auch ganz weglassen, finde ich.
Sechste Geschichte:Und wieder schlägt Boccaccio auf die Kirche, bzw. auf sich nicht gerade christlich verhaltende Vertreter der Kirche, denen Geld wichtiger als der Glaube ist, ein. Wie hat die Kirche eigentlich auf das Buch reagiert? Ich finde die Kritik an der Kirche, die man aus diesen Geschichten herauslesen kann, schon ganz schön stark.