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Autor Thema: Das Dekameron - Erster Tag  (Gelesen 4385 mal)

yanni

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Re: Das Dekameron - Erster Tag
« Antwort #15 am: 05. Februar 2009, 09:19:13 »

Den ersten Tag habe ich nun vollständig durchgelesen.

Die erste Geschichte war, wie Boccaccio schon hoffen ließ, sehr erheiternd.  :breitgrins: Was wir Menschen doch alles glauben, wenn es nur richtig verpackt ist.

Mit der zweiten Geschichte hatte ich, wie auch Doris, so meine Probleme. Die Logik seiner Handlung verbirgt sich mir leider immer noch.

Das Motiv der dritten Geschichte war mir irgendwie bekannt, wo ich sie hinstecken sollte, haben mir eure vorgehenden Beiträge klar gemacht.

Wie ich im Thread über das Vorwort gelesen habe, hat Boccaccio seine Geschichtchen ja nicht alle selbst erfunden, sondern hat bereits vorhandene überarbeitet. Bei einigen war ich mir nicht sicher, ob ich mir einbildete sie in dieser oder anderer Form bereits mal gelesen zu haben. Wahrscheinlich werden einige Autoren auch Boccaccios Geschichten in ihren Romanen weiterverarbeitet haben, so dass manche einem bekannt vorkommen.

In der Vierten treffen wir dann auf eine, derentwegen das Dekameron seinen 'Ruf' bekam. Aus heutiger Sicht entlockt einem das höchstens noch ein Lächeln, für damalige Zeiten sicher sehr gewagt.  :zwinker: 
Fazit: Der Mensch muss sich nur zu helfen wissen. Interessant fand ich die Gedanken des Abtes, der die Dirne als von Gott gesandt betrachtete.

Bei der fünften saß ich mal wieder auf der Leitung und tue es immer noch. Was bitte schön haben den die Hühner für eine tiefere Bedeutung?  :confused:

Die sechste und siebte Geschichte gleichen sich ja sehr. Mir persönlich gefällt die zweite besser.

Die achte und neunte waren mir in dieser Reihe dann schon bald zu viel. Wieder ein Geizhals, der Knall auf Fall sein Wesen ändert.  :rollen:

Die zehnte dagegen hat mir wieder sehr gut gefallen. Wie dieser ältere Herr, der doch Opfer des Spottes werden sollte, es schaffte die Damen zu beschämen und für sich zu gewinnen.  :daumen:

Ist es nun nur mein Eindruck, oder hat Boccaccio in seinen kleinen Geschichten zu gerne die Geistlichkeit aufs Korn genommen. Zwar ist auch von Königen,Edelmänner und Kaufleuten die Rede, doch überwiegend sind es Mönche, die er auf die Schippe nimmt. Hatte er zu Lebzeiten ein Problem mit den Herren?

Dann ist mir noch aufgefallen, dass die Damen, wenn sie eine Geschichte beginnen speziell ihresgleichen ansprechen. Liebe Damen oder so ist da ständig zu lesen, die Herren werden gar nicht miteinbezogen. Wurde das absichtlich so gehalten, weil das Buch ja für Damen geschrieben wurde? Wie seht ihr das?

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mohan

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Re: Das Dekameron - Erster Tag
« Antwort #16 am: 05. Februar 2009, 11:19:39 »

Ich bin mit dem ersten Tag nun auch durch. Die Ausführungen über die Pest sind eindrucksvoll. Dioneo (Geschichte 4) scheint eine Neigung zum Schwank zu haben. Ich habe das Decamerone vor ein paar Jahren mal gelesen, erinnere mich aber nicht mehr an Details.

Die Figuren in den Geschichten stammen aus allen möglichen Gesellschaftsschichten und werden in alle möglichen und auch unmöglichen Situationen gebracht. Sie kommen mir vor wie ein Abbild des gesellschaftlichen Lebens der damaligen Zeit. Menschlichen Schwächen sind bei Boccaccio offensichtlich ein wichtiges Thema. Er scheint trickreiche Figuren zu mögen, die sich elegant aus unschönen Lagen befreien, hingegen Heuchelei und Dummheit begegnet er mit Spott.


Schon die Einführung in den ersten Tag zeigt, dass Elissa der Überzeugung ist, Frauen bedürfen der männlichen Führung. Notfalls kann eine Frau ihm behilflich sein, in diese Position zurückzugelangen, wie die von Elissa erzählte Geschichte, die neunte des ersten Tages zeigt.

Sind die erzählenden Frauen immer als Frauen erkennbar, oder mitunter als Männer, die aussehen wie Frauen? Hierüber bin ich mir noch nicht klar.


@yanni:
Zitat
Bei der fünften saß ich mal wieder auf der Leitung und tue es immer noch. Was bitte schön haben den die Hühner für eine tiefere Bedeutung?

Fiammetta, die Erzählerin der fünften Geschichte, ist intelligent und unabhängig. Die Hauptfigur ihrer Erzählung ist ihr ähnlich. Vordergründig werden die Hühner gegen Wild abgesetzt, das die Männer offenbar lieber gegessen hätten, zumal es standesgemäß gewesen wäre.

In der Literatur ist die Gleichsetzung von Sex und Essen häufig anzutreffen. In Fiammettas Erzählung geht es um die Lösung eines Konflikts über Essen. Der französische König (der Hahn als Nationaltier Frankreichs; die Frage des Königs, ob kein Hahn=Mann da sei) wirbt um die verheiratete Markgräfin von Montferrat. Die Abfolge der Speisen, verschieden zubereitete Hühnergerichte, soll den König darauf aufmerksam machen, wie unangemessen sein Werben ist. Die Zubereitung von Hennen (Frau=Henne) zeigt, dass die Frauen äußerlich anders aussehen mögen, innerlich seien sie aber gleich, was einer Abfuhr für den König gleichkommt.

Mir hat diese Geschichte bisher am besten gefallen.

Liebe Grüße,
mohan
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Saltanah

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Re: Das Dekameron - Erster Tag
« Antwort #17 am: 05. Februar 2009, 13:47:55 »

Wie ihr musste auch ich feststellen, dass sich die Geschichten sehr gut hintereinander weglesen lassen. Mir gelang es gestern abend, mich nach der sechsten Geschichte vom Buch loszureißen.

Erste Geschichte:
Wirklich erheiternd und überraschend, wie der Beichtvater auch die gröbsten Lügen schluckt und vermeint, einen nahezu perfekten Menschen vor sich zu haben, und der zu allem Überfluss nach seinem Tod dann auch noch als Heiliger verehrt wird. Ich wartete die ganze Zeit auf die Bestrafung des Lügenbeutels und Sünders, aber die fehlte zu meiner großen Überraschung.
Will Boccaccio hier eigentlich nur unterhalten oder kritisiert er unterschwellig die Gutgläubigkeit der kirchlichen Vertreter?

Zweite Geschichte:
Die hat mir in ihrer verqueren Logik wirklich gut gefallen! So sonderbar der Gedankengang des Juden auch ist, so kann ich ihn doch nachvollziehen: An einer Religion, die blüht und gedeiht, obwohl ihre Führung durch und durch verderbt ist, muss "etwas dran" sein. Die muss einen festen Grund haben, ansonsten wäre sie schon längst in sich zusammen gefallen.
Mag sein, dass ich mit dieser Geschichte weniger Probleme hatte als ihr, weil mein Religionslehrer in der Oberstufe mal etwas ähnliches sagte: Hinter einer Religion, die trotz aller unfähigen Vertreter und unchristlichen Handlungen zweitausend Jahre überlebt, muss eine höhere Macht stehen, ansonsten gäbe es sie schon lange nicht mehr. Auf seine sonderbare Art ist das der beste "Beweis" für die Existenz des christlichen Gottes, die mir je begegnet ist.

Dritte Geschichte:
Aha! Das also ist die berühmte Ringparabel, von der ich schon oft gehört, die ich aber noch nie gelesen habe :redface: .
Boccaccio überrascht mich auch hier - ich erwartete einen klaren Hinweis auf die Überlegenheit der christlichen Religion, der aber glücklicherweise nicht kam.

Vierte Geschichte:
*Kicher* Ja , so habe ich die Geschichten des Decamerone in Erinnerung: mit viel (verbotenem) Sex. Dass der Abt kein bisschen anders handelt als der Mönch und beide noch dazu ihr unmoralisches Verhalten lustig fortsetzen, ist ja wirklich ... unerwartet, wenn man denkt, die Literatur aus alten Zeiten wäre von Moralaposteln geschrieben und seinen Leserinnen das moralisch richtige Verhalten mit dem Holzhammer einbläuen. Aber das kam dann wohl erst später, glaube ich.

Fünfte Geschichte:
Ehrlich gesagt hatte ich auch nicht verstanden, wieso die Servierung von Hühnchen und die Antwort der Markgräfin eine Abfuhr bedeutete. Danke für die Erklärung, Mohan, aber so ganz leuchtet mir das immer noch nicht ein. Und dass der König diesen Wink sofort verstanden haben soll ...
Ansonsten: :grmpf: ! Was soll man eigentlich von Anmerkungen halten, die etwas zu "Inquisitor" schreiben, aber ein (allseits bekanntes oder wie?) Wort wie "gonfaloniär" (deutsch "Gonfaloniere"; = in Italien bis 1859 gebräuchliche Bezeichnung des Stadtoberhauptes) nicht erklären. Die kann man dann auch ganz weglassen, finde ich.

Sechste Geschichte:
Und wieder schlägt Boccaccio auf die Kirche, bzw. auf sich nicht gerade christlich verhaltende Vertreter der Kirche, denen Geld wichtiger als der Glaube ist, ein. Wie hat die Kirche eigentlich auf das Buch reagiert? Ich finde die Kritik an der Kirche, die man aus diesen Geschichten herauslesen kann, schon ganz schön stark.
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Myriel

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Re: Das Dekameron - Erster Tag
« Antwort #18 am: 05. Februar 2009, 13:52:43 »

Sind die erzählenden Frauen immer als Frauen erkennbar, oder mitunter als Männer, die aussehen wie Frauen? Hierüber bin ich mir noch nicht klar.
Was genau meinst Du hiermit?

In der Literatur ist die Gleichsetzung von Sex und Essen häufig anzutreffen. In Fiammettas Erzählung geht es um die Lösung eines Konflikts über Essen. Der französische König (der Hahn als Nationaltier Frankreichs; die Frage des Königs, ob kein Hahn=Mann da sei) wirbt um die verheiratete Markgräfin von Montferrat. Die Abfolge der Speisen, verschieden zubereitete Hühnergerichte, soll den König darauf aufmerksam machen, wie unangemessen sein Werben ist. Die Zubereitung von Hennen (Frau=Henne) zeigt, dass die Frauen äußerlich anders aussehen mögen, innerlich seien sie aber gleich,
bis hierhin kann ich Dir folgen, aber das hier
was einer Abfuhr für den König gleichkommt.
ist mir unverständlich. Was hat die Gleichheit der Frauen mit einer Abfuhr zu tun?
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yanni

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Re: Das Dekameron - Erster Tag
« Antwort #19 am: 05. Februar 2009, 14:18:47 »

Sind die erzählenden Frauen immer als Frauen erkennbar, oder mitunter als Männer, die aussehen wie Frauen? Hierüber bin ich mir noch nicht klar.
Was genau meinst Du hiermit?
Ich habe auch nicht verstanden, was du damit meintest. Kannst du das vielleicht etwas genauer erklären?

@mohan:
Danke für deine Ausführungen zur fünften Geschichte. Nun verstehe ich zwar warum die Dame dem König nur Hühnchen serviert hat und was es mit seiner Frage nach dem Hahn auf sich hat. Damals war diese Art der Mitteilung sicher gebräuchlicher und auch den Menschen näher, als mir heute, denn ich hätte, trotz der Erkärung, weiter nicht verstanden, was sie mir mitteilen wollte.  :rollen:  Was die Symbolik betrifft, bin ich ziemlich unbedarft.

Wie hat die Kirche eigentlich auf das Buch reagiert? Ich finde die Kritik an der Kirche, die man aus diesen Geschichten herauslesen kann, schon ganz schön stark.
Ich hoffe, dass sich diese Frage spätestens durch eines der erwähnten Nachworte noch klären lässt. 
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mohan

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Re: Das Dekameron - Erster Tag
« Antwort #20 am: 05. Februar 2009, 14:49:36 »

Sind die erzählenden Frauen immer als Frauen erkennbar, oder mitunter als Männer, die aussehen wie Frauen? Hierüber bin ich mir noch nicht klar.
Was genau meinst Du hiermit?

Etwas Komplexes, was mir meine Freundin mal erklärt hat. Vereinfacht z.B.: Lehnen wir in patriarchalen Strukturen Inhalte ab, weil sie von Männern vermittelt werden, kann es dennoch sein, dass wir die gleichen Inhalte akzeptieren, wenn sie rhetorisch reformuliert und als weibliche Sicht vermittelt werden. Das müsste damit zusammenhängen, dass Menschen die Angewohnheit haben, das Leben durch bunte Brillen zu sehen, wie auch immer diese im Einzelfall konstruiert sind, und dass sie komplexe Strukturen vereinfachen, bewusst oder nicht, wobei sie sich nicht selten an äußeren Anhaltspunkten orientieren.

Auch heute werden Frauen mitunter noch instrumentalisiert, wenn sie im öffentlichen Bereich etwas vermitteln sollen, was man, wenn es ein Mann sagt, nicht so einfach akzeptiert. Weil ich dies schreibe, könnte man es als Sexismus interpretieren. :zwinker:
« Letzte Änderung: 05. Februar 2009, 14:53:06 von mohan »
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mohan

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Re: Das Dekameron - Erster Tag
« Antwort #21 am: 05. Februar 2009, 14:51:27 »

Sind die erzählenden Frauen immer als Frauen erkennbar, oder mitunter als Männer, die aussehen wie Frauen? Hierüber bin ich mir noch nicht klar.
Was genau meinst Du hiermit?
Ich habe auch nicht verstanden, was du damit meintest. Kannst du das vielleicht etwas genauer erklären?


Habe ich gerade in der Antwort auf Myriels Posting. :smile:
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mohan

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Re: Das Dekameron - Erster Tag
« Antwort #22 am: 05. Februar 2009, 14:58:15 »

was einer Abfuhr für den König gleichkommt.
ist mir unverständlich. Was hat die Gleichheit der Frauen mit einer Abfuhr zu tun?

@mohan:
Danke für deine Ausführungen zur fünften Geschichte. Nun verstehe ich zwar warum die Dame dem König nur Hühnchen serviert hat und was es mit seiner Frage nach dem Hahn auf sich hat. Damals war diese Art der Mitteilung sicher gebräuchlicher und auch den Menschen näher, als mir heute, denn ich hätte, trotz der Erkärung, weiter nicht verstanden, was sie mir mitteilen wollte.  :rollen:  Was die Symbolik betrifft, bin ich ziemlich unbedarft.


Es geht nicht um „Gleichheit“ von Frauen, sondern um einen verkleideten Hinweis, der französische König solle gefälligst in seinem heimischen Revier jagen. In Genua werde ihn, trotz des Reizes des Anderen, auch nur erwarten, was er von zu Hause oder aus Frankreich kennt. Sie muss doch so verschlüsseln, allein aus Respekt vor dem König und um ihr Gesicht in dieser pikanten Situation zu wahren, die schnell prekär werden kann. Aus eben diesem Grund, der Wahrung des Gesichts, versteht der König die Anspielung natürlich auch sofort und lässt von seinem Vorhaben ab, ohne dass ihm direkt eine Abfuhr erteilt wird, was er nur als Affront werten würde.
Es ist also eine Art Diplomatie.

Liebe Grüße,
mohan
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Myriel

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Re: Das Dekameron - Erster Tag
« Antwort #23 am: 05. Februar 2009, 15:25:32 »

Es geht nicht um „Gleichheit“ von Frauen, sondern um einen verkleideten Hinweis, der französische König solle gefälligst in seinem heimischen Revier jagen. In Genua werde ihn, trotz des Reizes des Anderen, auch nur erwarten, was er von zu Hause oder aus Frankreich kennt.

 :pling:  Danke schön, jetzt habe ich auch verstanden, was sie dem König mit den Hühnern sagen wollte.  :klatschen:


Und bezüglich der Frauen als Erzähler: Du fragst dich also, ob manche der Frauen, die im Dekameron die Geschichten erzählen, nur deshalb vom Erzähler/Autor als Frauen angelegt wurden, damit ihre Geschichten anders/besser aufgenommen werden, als wenn Männer sie erzählt hätten? Interessanter Gedanke, ist mir bisher überhaupt noch nicht in den Sinn gekommen, entbehrt aber nicht einer gewissen Logik.
Das könnte man allerdings auch umgekehrt anwenden. Manche Erzählungen können nur von Männern wiedergegeben werden (insbesondere die 4. Geschichte), da sie bei einer Frau als Erzählerin einfach unangebracht wären.

LG Myriel
« Letzte Änderung: 05. Februar 2009, 16:36:30 von Myriel »
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Saltanah

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Re: Das Dekameron - Erster Tag
« Antwort #24 am: 05. Februar 2009, 15:51:47 »

:pling:  Danke schön, jetzt habe ich auch verstanden, was sie dem König mit den Hünnern sagen wollte.  :klatschen:

Dem kann ich mich nur anschließen!

Und bezüglich der Frauen als Erzähler: Du fragst dich also, ob manche der Frauen, die im Dekameron die Geschichten erzählen, nur deshalb vom Erzähler/Autor als Frauen angelegt wurden, damit ihre Geschichten anders/besser aufgenommen werden, als wenn Männer sie erzählt hätten?

Mmh, möglich wäre es. Ich kann allerdings von mir behaupten, dass ich das Geschlecht des/der Erzählenden sofort wieder vergesse. Ich lese zwar den Namen, aber da sie mir alle nur als nebelhafte Gestalten, nicht als Individuen präsent sind, weiß ich schon im nächsten Satz nicht mehr, wer denn nun das Wort führt.
Aber den Gedanken im Hinterkopf zu behalten und vielleicht nach jedem Tag zu überlegen, welches Geschlecht nun welche Geschichten erzählt hat, ist sicher nicht falsch.
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yanni

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Re: Das Dekameron - Erster Tag
« Antwort #25 am: 05. Februar 2009, 18:33:07 »

Danke, mohan! Nun sind die Hühner richtig verdaut.

Deinen Gedankengang bezüglich der Frauen, die in ihrer Geschichte vielleicht eher männliche Inhalte weitererzählen, finde ich interessant. Ganz von der Hand zu weisen ist dies sicher nicht.
Besonders wenn man bedenkt, wie ich vor kurzem gelesen habe, dass in die Figur der Fiammetta seine Geliebte, die Gattin eines Kaufmanns (?), von Boccaccio verarbeitet wurde.

Mir geht es jedoch wie Saltanah. Sobald die Geschichte beginnt habe ich auch schon wieder vergessen, wer sie erzählt, oder welchen Geschlechts die Person ist. Das wird auch kaum besser werden, da die Reihenfolge an den nächsten Tagen, bis auf Dioneus, ständig geändert wird.

Kann es übrigens sein, dass die Schreibweise der Namen in den Büchern unterschiedlich ist? Bei mir steht:
Pampinea, Fiammetta, Philomela, Emilia, Lauretta, Neiphile, Elise, Pamphilus, Philostratus und Dioneus.
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Doris

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Re: Das Dekameron - Erster Tag
« Antwort #26 am: 05. Februar 2009, 22:33:42 »

Kann es übrigens sein, dass die Schreibweise der Namen in den Büchern unterschiedlich ist? Bei mir steht:
Pampinea, Fiammetta, Philomela, Emilia, Lauretta, Neiphile, Elise, Pamphilus, Philostratus und Dioneus.

Pampinea, Fiammetta, Filomena, Emilia, Lauretta, Neifile, Eliza, Panfilo, Filostrato und Dioneo heißen sie in der Insel-Ausgabe. Es unterscheidet sich also vor allem in der Schreibweise.

Danke, mohan, für die Aufklärung der Hühner-Geschichte. Mit diesen Kenntnisse gefällt sie mir gleich viel besser. Wahrscheinlich kann das nur ein Mann richtig interpretieren  :zwinker:.

Und bezüglich der Frauen als Erzähler: Du fragst dich also, ob manche der Frauen, die im Dekameron die Geschichten erzählen, nur deshalb vom Erzähler/Autor als Frauen angelegt wurden, damit ihre Geschichten anders/besser aufgenommen werden, als wenn Männer sie erzählt hätten? Interessanter Gedanke, ist mir bisher überhaupt noch nicht in den Sinn gekommen, entbehrt aber nicht einer gewissen Logik.

Eine interessante These, die aber nicht ganz zu der Behauptung im Vorwort passt, dass die Figuren realen weiblichen bzw. männlichen Vorbildern nachempfunden sind. Vielleicht ist es eher so, dass Boccaccio ganz bewusst manche Geschichten von den Frauen erzählen lässt, damit der Inhalt entsprechend aufgenommen wird. Das wäre sehr hintergründig, wenn eigentlich ein Mann hinter der erzählenden Person stecken würde.

Dann ist mir noch aufgefallen, dass die Damen, wenn sie eine Geschichte beginnen speziell ihresgleichen ansprechen. Liebe Damen oder so ist da ständig zu lesen, die Herren werden gar nicht miteinbezogen. Wurde das absichtlich so gehalten, weil das Buch ja für Damen geschrieben wurde? Wie seht ihr das?

Das sehe ich ähnlich. Es war damals häufiger der Fall, dass der Leser direkt angesprochen wurde. Ich denke, dass gerade Damen diese Höflichkeit zu schätzen wussten. Übrigens haben auch die Herren am Beginn ihrer Erzählung die Gesellschaft mit "meine trefflichen/teuern Damen" angesprochen.

Die zehnte Geschichte wird von der Königin Pampinea erzählt, die ihre Einleitung dazu nutzt, Frauen als eitel und hilflos darzustellen. Mit der Erzählung, wie sich der alte Mann in die junge Dame verliebt, sich mit weisen Worten erklärt und sie dadurch zurechtstutzt, möchte sie wohl zur Bescheidenheit aufrufen. Das passt gar nicht zu dem Eindruck, den sie am Anfang gemacht hat. Trotz aller Ehrfürchtigkeit erklärt sie aber trotzdem eine der Frauen zur nächsten Königin.
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sondern es ist viel, was wir nicht nützen.
Lucius Annaeus Seneca

Myriel

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Re: Das Dekameron - Erster Tag
« Antwort #27 am: 06. Februar 2009, 08:53:31 »

Ich bin mit dem ersten Tag auch durch.  :klatschen:

Die achte Geschichte hat mir nicht so gut gefallen. Wie schon zuvor in der fünften, sechsten und siebten Geschichte geht die Wandlung des geizigen Herrn Grimaldi einfach zu schnell vor sich, um realistisch zu wirken. Da steht wohl eher die moralische Botschaft im Vordergrund.
Die neunte Geschichte fällt genau in das gleiche Schema: ein paar Worte einer bisher unbeteiligten Person und schon dreht die Einstellung des Königs von Zypern um 180°.

Die zehnte Geschichte hat mir wieder gut gefallen. Die Art und Weise, wie der alte Mann das Vorhaben der junge Frau ihn zu necken gegen sie wendet, ohne sie dabei zurecht zu weisen - das hat Stil.  :daumen:

Am Ende des zehnten Tages bestimmt Pampinea Fiammetta zur nächsten Königin, die das Geschichtenerzählen vorsetzen will.
Trotz aller Ehrfürchtigkeit erklärt sie aber trotzdem eine der Frauen zur nächsten Königin.
Ich könnte mir vorstellen, dass die jeweiligen Männer und Frauen, die wie angedeutet heimlich ineinander verliebt seien, sich gegenseitig auswählen. Pampinea, die wohl mit keinem der drei Männer mehr als eine eventuelle verwandtschaftliche Beziehung hat, wählt wahrscheinlich deswegen eine ihre Freundinnen aus.

Mir geht es jedoch wie Saltanah. Sobald die Geschichte beginnt habe ich auch schon wieder vergessen, wer sie erzählt, oder welchen Geschlechts die Person ist. Das wird auch kaum besser werden, da die Reihenfolge an den nächsten Tagen, bis auf Dioneus, ständig geändert wird.
Genauso geht es mir auch. Von Dioneo verspreche ich mir aber einige lustige Geschichten und sein Vorhaben, durch seine Erzählungen mögliche Schwermut, die durch die Geschichten der anderen aufkam, zu bekämpfen, macht ihn mir sympathisch.

Da ich am Wochenende nicht zu Hause bin und auch nicht zum Lesen kommen werde, kann ich mich erst am Montag wieder melden.

LG Myriel  :winken:
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mohan

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Re: Das Dekameron - Erster Tag
« Antwort #28 am: 06. Februar 2009, 10:52:30 »

Das könnte man allerdings auch umgekehrt anwenden. Manche Erzählungen können nur von Männern wiedergegeben werden (insbesondere die 4. Geschichte), da sie bei einer Frau als Erzählerin einfach unangebracht wären.

Ja, natürlich, das sehe ich auch so.


Danke, mohan, für die Aufklärung der Hühner-Geschichte. Mit diesen Kenntnisse gefällt sie mir gleich viel besser. Wahrscheinlich kann das nur ein Mann richtig interpretieren  :zwinker:.

Da bin ich ja gerade noch mal an der Enttarnung vorbeigeschrammt.  :schwitz:  Es hat wohl nicht viel gefehlt, ein kleiner Schritt vielleicht, bis zu der Erkenntnis, nur ein Hahn hätte das richtig interpretieren können. :clown:

Aber ernsthaft: Vielleicht gibt es in den Literatur- oder Sprachwissenschaften Untersuchungen über spezifisch männliche oder weibliche Codierungs- und Decodierungsmöglichkeiten von Text, die deine Vermutung stützen. Aber davon habe ich keine Ahnung. Kommt jemand von euch aus diesem Bereich und kann etwas dazu sagen?


Eine interessante These, die aber nicht ganz zu der Behauptung im Vorwort passt, dass die Figuren realen weiblichen bzw. männlichen Vorbildern nachempfunden sind.

So ganz verstehe ich es nicht. Boccaccio kann doch seine Figuren realen Vorbildern nachempfinden und sie gleichzeitig bestimmten erzählerischen Erfordernissen anpassen.


Vielleicht ist es eher so, dass Boccaccio ganz bewusst manche Geschichten von den Frauen erzählen lässt, damit der Inhalt entsprechend aufgenommen wird. 

Wenn ich diese Überlegung richtig verstehe, deckt sie sich im Grunde doch mit der, die durch sie kritisiert werden soll.


Die zehnte Geschichte wird von der Königin Pampinea erzählt, die ihre Einleitung dazu nutzt, Frauen als eitel und hilflos darzustellen. Mit der Erzählung, wie sich der alte Mann in die junge Dame verliebt, sich mit weisen Worten erklärt und sie dadurch zurechtstutzt, möchte sie wohl zur Bescheidenheit aufrufen. Das passt gar nicht zu dem Eindruck, den sie am Anfang gemacht hat. Trotz aller Ehrfürchtigkeit erklärt sie aber trotzdem eine der Frauen zur nächsten Königin.

Am Ende des Buchs wird es wohl kaum eine Figur geben, die nicht widerspruchsfrei in ihrer Anlage ist. Das könnte damit zu tun haben, dass Boccaccio nach Überlegungen zur Zweckmäßigkeit bestimmte Merkmale von Figuren mit bestimmten Erzählungen verbinden wollte. Was zum Teil wieder auf die These zur Entscheidung für eine männliche oder weibliche Perspektive zurückführt. Vielleicht wollte er sogar das eine oder andere reale Vorbild durch solche Spielchen ein wenig pieksen, was für die damaligen Leser leicht verständlich war, für uns heute aber nicht.


Ich könnte mir vorstellen, dass die jeweiligen Männer und Frauen, die wie angedeutet heimlich ineinander verliebt seien, sich gegenseitig auswählen. Pampinea, die wohl mit keinem der drei Männer mehr als eine eventuelle verwandtschaftliche Beziehung hat, wählt wahrscheinlich deswegen eine ihre Freundinnen aus.

Das finde ich sehr interessant. Vielleicht lässt sich ja bis zum Ende eine Konsequenz in der Auswahl der erzählenden Personen aufzeigen, die diese Überlegung unterstützt. Mal sehen...

Liebe Grüße,
mohan
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foenig

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Re: Das Dekameron - Erster Tag
« Antwort #29 am: 09. Februar 2009, 18:38:49 »

So, ich habe es auch endlich mal geschafft den ersten Tag zu lesen...
Für mich war es zunächst eine Konzentrationsarbeit, weil ich nur sehr schlecht in den Schreibstil hinein gefunden habe. Nachdem ich mir aber die Zeit und Ruhe für dieses Buch genommen habe, habe ich mich zum Glück mit dem Schreibstil angefreundet und empfinde es nun nicht mehr als Arbeit dieses Buch zu lesen.
Leider bin ich aber absolut kein Kurzgeschichtenleser, so dass mir doch der langsame Spannungsaufbau fehlt. Es wird unglaublich viel geredet ohne viel zu sagen, was mich an manchen Stellen doch schon etwas gelangweilt hat.

Direkt bei der ersten Geschichte habe ich mich gefragt, ob es eine Moral oder einen Sinn gibt, den Boccaccio vermitteln möchte. Diese Frage habe ich mir auch immer wieder bei den folgenden Geschichten gestellt und bin mir immer noch nicht sicher, ob die Geschichten nur Zeitvertreib sein sollen oder ob hinter jeder Geschichte auch etwas steht.

Auffällig fand ich, dass fast alle Geschichten Mönche als Hauptpersonen hatten und dass diese nicht gut dabei wegkommen. Zum einen habe ich mich gefragt, welcher Religion Boccaccio wohl angehört. Ich vermute mal, dass er Christ war. Aber scheinbar stand er der Institution Kirche oder besser ihren Vertretern nicht gerade wohlwollend gegenüber.
Konnte Boccaccio sein Buch einfach so veröffentlichen ohne dass es Proteste von Seiten der Kirche gab?
Ich bin nun neugierig, ob auch in den weiteren Geschichten die Kirchenvertreter nicht so gut wegkommen...

Momentan finde ich es wesentlich interessanter diesen Thread zum Buch zu lesen, d.h. eure Gedankengänge, Interpretationen und Vermutungen als das Buch selber. Nur blöd, dass ich erst die Geschichten lesen muss um euer Beiträge zu verstehen  :rollen:
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