Hallo allerseits

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Mir ging es wie Yanni. Eine ätzende Erkältung machte es mir schwer, mich auf den Erzählstil des Decamerone zu konzentrieren, aber nun habe auch ich ein Stück weit lesen können.
Wow - welch ein Beginn! Die Beschreibung der Pest und ihrer Auswirkungen lässt es einem wirklich kalt den Rücken herunter laufen. Sie erinnert mich an eine andere Pestschilderung, nämlich Daniel Defoes "A Journal of the Plague Year" ("Die Pest zu London"). Diese Pestepidemie ereignete sich zwar ca. 300 Jahre später, aber die Reaktion der Menschen war dieselbe wie bei Boccaccio - verständlicherweise, denn noch immer waren die Menschen der Seuche ebenso hilflos ausgesetzt wie einige Jahrhunderte früher. Die einzige halbwegs wirksame Möglichkeit, der Pest zu entkommen, war tatsächlich die Flucht vor ihr, schrieb zumindest der schwedische Historiker Dick Harrison in seinem Buch "Stora döden" (wörtlich "Der große Tod"; nicht übersetzt). Alle Behandlungs- oder Vorsorgebemühungen waren auch weiterhin erfolglos (und blieben es bis zur Entdeckung von Antibiotika). Wer sich also mehr gruseln will, dem empfehle ich Defoes Buch.



Apropos Pest: ich hatte hier ein echtes Aha-Erlebnis! Irgendwie hatte ich das Verb "verpesten" nie mit seinem Ursprungswort "Pest" in Verbindung gebracht, aber hier heißt es, "die Luft schien verpestet von dem Gestank der Leichen, Kranken und Arzneimittel." (Meine Übersetzung der schwedischen Übersetzung) Auf einmal wurde mir die tiefere Bedeutung dieses doch gar nicht so seltenen Wortes klar.
Wie ich schon geschrieben habe, wundert mich die Einstellung zum weiblichen Geschlecht angesichts der Zeit (Mitte des 14. Jahrhunderts) nicht. Mich wundert vielmehr dass erst die Frauen pauschal für schwach erklärt werden und dann kaum 5 Minuten später ordnen sich die Männer der Führung durch eine Frau unter, ohne dass dies irgendwie kommentiert worden wäre. Klar gab es sicherlich damals auch starke Frauen, die sich Männer nur als "Marionetten" gehalten haben, aber das dürfte kaum so ohne Weiteres von anderen hingenommen bzw. in Erzählungen sogar noch verbreitet worden sein. Das ist der Punkt, der mir unrund vorkommt.
Einen wirklichen Widerspruch sehe ich da nicht - oder, ich sehe ihn schon, er ist mir aber so vertraut, dass er mir keinerlei Probleme bereitet. "Man" (und frau auch) "weiß" doch, wie Männer bzw. Frauen sind: Männer stark, Frauen schwach; Männer vom Verstand, Frauen vom Gefühl geleitet, etc. Mit diesen Klischeevorstellungen bin auch ich aufgewachsen. Dass die Realität eine andere sein kann, habe ich erst später gemerkt. Die Klischees sind in den Köpfen vieler Leute immer noch so stark verankert, dass alle Gegenbeweise (wenn überhaupt) nur als "Ausnahmen" wahrgenommen werden.
Aber wie dem auch sei, mir kam noch einen andere Erklärung dafür, wieso Filomena und Elisa so stark die weibliche Schwäche und die Notwendigkeit männlicher Führung betonen: Die beiden möchten vielleicht nicht die nächste Zeit in rein weiblicher Gesellschaft verbringen. Das wäre ja langweilig, so ganz ohne Gelegenheit zum Flirt (oder mehr). Sie wollen vielleicht, um ihren Aufenthalt auf dem Land interessanter zu gestalten, schlicht und einfach Männer dabei haben.
Was mich zu Beginn wundert, ist, dass von den zehn Erzählern sieben Frauen sind, und das in einem solchen Buch. Abgesehen von der symbolischen Bedeutung der „3“, „7“ und „10“, was könnte es für einen Grund geben? Dass die Gruppe vornehm ist und überwiegend aus Damen besteht, dürfte Auswirkungen auf die moralische Einordnung des Erzählten haben.
Vielleicht soll die Einteilung 3 zu 7 einen Ausgleich zwischen den Geschlechtern herstellen. Eine Frau wurde damals als geringer angesehen als ein Mann, und möglicherweise stellte diese Aufteilung das Gleichgewicht wieder her.
Eine gute Erklärung, Doris! Auch mich hatte diese Aufteilung gewundert, denn normaler (=üblicher) wäre doch die entgegengesetzte Geschlechterverteilung.
Andererseits erklärt Boccaccio in seiner Vorrede ja, dass gerade Frauen des Trostes in schwierigen Situationen besonders bedürfen, und da könnte man sich ja vorstellen, dass dies zu Pestzeiten besonders stark gilt und die Frauen sich durch ihre Erzählungen gegenseitig trösten, sie also eben als Zuhörerinnen gebraucht werden. - Äh, habe ich mich jetzt verständlich ausgedrückt?
In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf die ersten Zeilen der Einleitung hinweisen, in denen der Erzähler die Leserinnen direkt anspricht:
Sooft ich, holde Damen, in meinen Gedanken erwäge,
Wow! Das ist ja ein Buch, das für
mich (weiblichen Geschlechtes) geschrieben wurde, war meine erste, überraschte Reaktion. Auch das ist nicht unbedingt die Norm. (Ob Boccaccio es allerdings wirklich in erster Linie für ein weibliches Publikum geschrieben hat, lasse ich mal offen.)
Wichtig zu erwähnen ist in der Einleitung meiner Meinung nach auch noch die von Boccaccio festgestellte Entschärfung der moralischen Regeln in der Pestzeit. Dies gibt ihm einerseits die "Erlaubnis" die jungen Männer und Frauen gemeinsam (ohne Überwachung) aufs Land reisen zu lassen und natürlich auch die Möglichkeit, diese schlüpfrige Geschichten erzählen zu lassen, auch solche, die dem Moralkodex der Zeit eigentlich widersprechen. Er hat sich damit, denke ich, einen Freiraum und auch eine Unangreifbarkeit erarbeitet, die er gut gebrauchen kann.