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Autor Thema: Eliot Pattison - Der fremde Tibeter  (Gelesen 733 mal)

Annabas

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Eliot Pattison - Der fremde Tibeter
« am: 20. Januar 2009, 21:46:23 »

Eliot Pattison – Der fremde Tibeter



Inhaltsangabe:

Die Häftlinge eines tibetischen Lagers finden beim Straßenbau einen Toten. Shan, der einzige chinesische Häftling und ehemaliger Ermittler in Peking, erhält vom Kommandanten den Auftrag, die Hintergründe des Mordes aufzuklären.
Widerstrebend macht sich Shan an die Arbeit, denn er weiß, dass er – egal zu welchem Ergebnis er kommen wird – sich damit nur weitere Feinde machen wird und die chinesischen Besatzer an der Wahrheit nur dann interessiert sind, wenn sie ins Politschema passt. Im Laufe der Ermittlungen lernt Shan die tibetische Kultur tiefer kennen und muss sich bald entscheiden, auf welcher Seite er stehen will.

Der erste Satz:

„Sie nannten es die Viererwahl.“

Meine Meinung zum Buch:

Ich habe lange überlegt, wie ich das Buch insgesamt beurteilen soll, komme aber zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis, zu unterschiedlich haben mir die einzelnen Kriterien gefallen.

Sehr schön fand ich die Sprache. Das Buch ist flüssig und ohne Pathos geschrieben, es ist wirklich gut zu lesen. Für die fremdartigen Begriffe aus der tibetischen Kultur gibt es ein kleines Glossar am Ende des Buches, das war sehr hilfreich.

Pattisons Beschreibungen würde ich sogar als brillant bezeichnen. Es ist unglaublich, wie bildhaft er schreibt. Ganz zu Anfang ist eine kleine Szene beschrieben, in der ein Gebetsschal vom Wind hochgetragen wird. Ich hatte dies beim Lesen genau vor Augen, es war richtig toll.

Die Hauptperson Shen ist mir leider sehr fremd geblieben, seine Handlungen erschienen mir oft nicht nachvollziehbar. Ich konnte keine Logik erkennen, alles wirkte sehr ungeplant. Auch erschienen mir seine Freiheiten beim Ermitteln unglaubwürdig – schließlich ist er ein Häftling, den man aus Peking weit weg nach Tibet in den Gulag abgeschoben hat, da kann ich mir schlecht vorstellen, dass er von einer Minute zur anderen machen kann was er will, trotz Aufpasser. Spannend war allerdings, dass Shens Vergangenheit und der Grund, warum er in Tibet als Gefangener Straßen bauen muss, nur langsam gelüftet wird. Das fand ich einen guten Einfall.

Die übrigen Personen sind sehr gut charakterisiert, man kann sie sich immer gut vorstellen. Besonders gut hat mir Choje gefallen – genau so stelle ich mir einen buddhistischen Mönch vor. Auch die Pathologin Dr. Sung war sympathisch. An ihr wird der Spagat zwischen wissenschaftlicher Arbeit und dem Erarbeiten des politisch gewünschten Ergebnisses sehr deutlich.

Verwirrend fand ich die vielen fremdartigen und teilweise sehr ähnlich klingenden Namen. Schon nach wenigen Seiten musste ich zum ersten Mal zurück blättern, weil ich mit den Personen durcheinander kam und das wurde mit der Zeit immer schlimmer, vor allem, als immer mehr und immer unterschiedlichere Spuren auftauchten, denen Shan nachging. Irgendwann in der Mitte des Buches habe ich dann auch mal komplett den Faden verloren. Ich habe dann aber einfach weiter gelesen und irgendwann war ich dann auch wieder dabei.

Die tibetische Kultur kommt natürlich in diesem Buch nicht zu kurz, ich habe viel gelernt, wenn mir auch z. B. der Dämonenglaube und der Glaube an Zauber und Beschwörungen fremd blieben. Für einen „westlich“ denkenden Menschen ist das alles schwer nachvollziehbar, teilweise kamen mir die beschriebenen Riten sehr fantasymäßig vor, was sie natürlich nicht sind. Auf einer Internetseite habe ich gelesen, dass Pattison sehr gut recherchiert habe, also denke ich schon, dass er sich an die tibetische Realität gehalten hat.

Positiv empfand ich noch das überraschende Ende. Das hat mich noch etwas mit dem Buch versöhnt. Trotzdem werde ich die weiteren Bücher um den Ermittler Shen nicht lesen.

Meine Bewertung:      3ratten

Viele Grüße von Annabas :winken:
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Valentine

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Re: Eliot Pattison - Der fremde Tibeter
« Antwort #1 am: 03. Februar 2009, 19:50:46 »

Diese Rezi fasst sehr gut in Worte, wie es mir mit dem Buch ging. Schlecht war es wirklich nicht, aber warm geworden bin ich damit auch nicht.
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The best piety is to enjoy--when you can. You are doing the most then to save the earth's character as an agreeable planet. And enjoyment radiates. It is of no use to try and take care of all the world; that is being taken care of when you feel delight--in art or in anything else. Would you turn all the youth of the world into a tragic chorus, wailing and moralising over misery?
George Eliot: Middlemarch

nimue

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Re: Eliot Pattison - Der fremde Tibeter
« Antwort #2 am: 03. Februar 2009, 21:07:02 »

Ohhhh... wie böse! Mir hat das Buch sehr gut gefallen:

Tibet ist ein Land der Wunder, ein Land des Friedens. Doch nichts ist mehr so wie es war, seitdem die Chinesen in das Land einmarschierten: Seit nunmehr fast 50 Jahren herrschen in dem Land des Buddhismus Menschenverachtung, Zerstörung von Religion und Kultur und Ausbeutung der heiligen Tempel. Wehrlose Mönche werden als Arbeiter im Straßenbau eingesetzt, geschlagen und hingerichtet. Familien unterliegen der Geburtenkontrolle und sogar der Besitz eines Bildes des Dalai Lama ist erst seit kurzem nicht mehr strafbar. Der ehemalige Polizist Shan ermittelte in Korruptionsaffairen, bis er einem Regierungsangstellten zu viel auf die Füße getreten ist. Als Strafe schickt man ihn ohne Gerichtsverfahren in eine Arbeiterkolonne, die 404te. Dort lebt und arbeitet er mit den Mönchen, lernt ihre Kultur und ihren Glauben kennen und zu schätzen.

Als eines Tages während der Arbeiten an der neuen Straße eine kopflose Leiche gefunden wird, erhält Shan von Major Tan den Auftrag, den Fall zu klären. Der vermeintliche Schuldige ist schnell gefunden: Ein Einsiedler, der ein Schweigegelübde abgelegt hat. Doch Shan glaubt an die Unschuld des Mönches, der sich nicht wehren kann und macht sich auf die Suche nach dem wahren Mörder. Dabei dringt er immer tiefer ein in die mystische Welt Tibets.

Eliot Pattison erhielt für "Der fremde Tibeter" im Jahre 2000 den begehrten Edgar Allen Poe Award für das beste Kriminaldebüt des Jahres. Nun stellt sich natürlich die Frage: Hat das Buch diesen Preis überhaupt verdient? Die Antwort ist meiner Meinung nach nicht so leicht zu finden, denn einerseits stopft Pattison "Der fremde Tibeter" mit so vielen buddhistischen Fachausdrücken voll, dass einem schon nach kurzer Zeit der Kopf schwirrt. Das karge Glossar ist da nur eine schwache Hilfe. Das Lesen fällt erheblich leichter, wenn man sich zum einen sehr für die tibetische Kultur interessiert und sich zum anderen bereits mit dem Thema befasst hat. Auf mich traf nur der erste Punkt zu und dennoch hat mich dieses Buch für sich eingenommen.

Pattison schafft es, das ganze Buch nicht nur mit fremden Worten auszuschmücken, sondern auch eine unglaublich dichte Atmosphäre aufzubauen. Tibet wird greifbar, man versinkt in dieser faszinierenden Welt. Während des Lesens wurde ich immer nachdenklicher. Ich begreife bis heute nicht, warum niemand eingriff, als China Tibet "befreite". Bis zum heutigen Tag ist dieses wunderbare Land besetzt, der Dalai Lama lebt in Indien im Exil.

Einziger Kritikpunkt - der für mich nicht sonderlich ins Gewicht fiel - das Buch ist teilweise sehr verwirrend. Oft hat man keine Ahnung, worum es geht, welche Spur Shan verfolgt oder warum er das tut. Zum Schluß klärt sich jedoch alles auf - und wartet sogar noch mit einer Überraschung auf. Für mich auf jeden Fall eines meiner diesjährigen Highlights, hat mir "Der fremde Tibeter" doch ein Land, dessen Kultur und Menschen näher gebracht.

5ratten

Die Rezi stammt von August 2004 - und ich könnte sie immer noch so unterschreiben, wenn ich mich auch an vieles nicht mehr erinnere. Seit ewigen Zeiten subben schon einige Nachfolger, aber irgendwie hatte ich nie die Muße dazu. Dafür muss ich in der entsprechenden Laune sein, denn zum einen dieses Verwirrende, zum andere die politischen Informationen werden vermutlich nicht weniger werden.

Liebe Grüße
nimue
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