Eliot Pattison – Der fremde Tibeter
Inhaltsangabe:Die Häftlinge eines tibetischen Lagers finden beim Straßenbau einen Toten. Shan, der einzige chinesische Häftling und ehemaliger Ermittler in Peking, erhält vom Kommandanten den Auftrag, die Hintergründe des Mordes aufzuklären.
Widerstrebend macht sich Shan an die Arbeit, denn er weiß, dass er – egal zu welchem Ergebnis er kommen wird – sich damit nur weitere Feinde machen wird und die chinesischen Besatzer an der Wahrheit nur dann interessiert sind, wenn sie ins Politschema passt. Im Laufe der Ermittlungen lernt Shan die tibetische Kultur tiefer kennen und muss sich bald entscheiden, auf welcher Seite er stehen will.
Der erste Satz:„Sie nannten es die Viererwahl.“
Meine Meinung zum Buch:Ich habe lange überlegt, wie ich das Buch insgesamt beurteilen soll, komme aber zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis, zu unterschiedlich haben mir die einzelnen Kriterien gefallen.
Sehr schön fand ich die Sprache. Das Buch ist flüssig und ohne Pathos geschrieben, es ist wirklich gut zu lesen. Für die fremdartigen Begriffe aus der tibetischen Kultur gibt es ein kleines Glossar am Ende des Buches, das war sehr hilfreich.
Pattisons Beschreibungen würde ich sogar als brillant bezeichnen. Es ist unglaublich, wie bildhaft er schreibt. Ganz zu Anfang ist eine kleine Szene beschrieben, in der ein Gebetsschal vom Wind hochgetragen wird. Ich hatte dies beim Lesen genau vor Augen, es war richtig toll.
Die Hauptperson Shen ist mir leider sehr fremd geblieben, seine Handlungen erschienen mir oft nicht nachvollziehbar. Ich konnte keine Logik erkennen, alles wirkte sehr ungeplant. Auch erschienen mir seine Freiheiten beim Ermitteln unglaubwürdig – schließlich ist er ein Häftling, den man aus Peking weit weg nach Tibet in den Gulag abgeschoben hat, da kann ich mir schlecht vorstellen, dass er von einer Minute zur anderen machen kann was er will, trotz Aufpasser. Spannend war allerdings, dass Shens Vergangenheit und der Grund, warum er in Tibet als Gefangener Straßen bauen muss, nur langsam gelüftet wird. Das fand ich einen guten Einfall.
Die übrigen Personen sind sehr gut charakterisiert, man kann sie sich immer gut vorstellen. Besonders gut hat mir Choje gefallen – genau so stelle ich mir einen buddhistischen Mönch vor. Auch die Pathologin Dr. Sung war sympathisch. An ihr wird der Spagat zwischen wissenschaftlicher Arbeit und dem Erarbeiten des politisch gewünschten Ergebnisses sehr deutlich.
Verwirrend fand ich die vielen fremdartigen und teilweise sehr ähnlich klingenden Namen. Schon nach wenigen Seiten musste ich zum ersten Mal zurück blättern, weil ich mit den Personen durcheinander kam und das wurde mit der Zeit immer schlimmer, vor allem, als immer mehr und immer unterschiedlichere Spuren auftauchten, denen Shan nachging. Irgendwann in der Mitte des Buches habe ich dann auch mal komplett den Faden verloren. Ich habe dann aber einfach weiter gelesen und irgendwann war ich dann auch wieder dabei.
Die tibetische Kultur kommt natürlich in diesem Buch nicht zu kurz, ich habe viel gelernt, wenn mir auch z. B. der Dämonenglaube und der Glaube an Zauber und Beschwörungen fremd blieben. Für einen „westlich“ denkenden Menschen ist das alles schwer nachvollziehbar, teilweise kamen mir die beschriebenen Riten sehr fantasymäßig vor, was sie natürlich nicht sind. Auf einer Internetseite habe ich gelesen, dass Pattison sehr gut recherchiert habe, also denke ich schon, dass er sich an die tibetische Realität gehalten hat.
Positiv empfand ich noch das überraschende Ende. Das hat mich noch etwas mit dem Buch versöhnt. Trotzdem werde ich die weiteren Bücher um den Ermittler Shen nicht lesen.
Meine Bewertung:

Viele Grüße von Annabas
