So, dann versuche ich mal meine fragmentarischen Notizen und Erinnerungen zum Rest des Buches zu sammeln, bevor ich es komplett verdrängt habe.

Du merkst, ich mochte das Buch nicht wirklich - unter angenehmer und anregender Lektüre stelle ich mir etwas anderes vor und ohne unsere kleine Diskussion hätte ich frühzeitig aufgegeben. Leider kann ich mit meinen "älteren" Notizen schon nicht mehr viel anfangen, weil ich sie meist nur schnell in mein Handy getickert habe (bzw. sie etwas wirr sind, ähem).

An vielen Stellen hätte ich das Buch fast wie eines für die Uni lesen wollen: mit Marker, Bleistift und Post-its. Im Endeffekt habe ich's aber doch nicht.
S. 217: die Leidensfähigkeit der Tiere, die Paul angesichts einer Wiese auffächert, ist grandios und bedrückend beschrieben.
S. 277: morbider Zufall - ist das der philosophische Ausdruck für "shit happens"?
S. 283: "...hatte sie bei der überraschenden Feststellung [...], dass sie ihr ganzes Leben die gleiche Schwester haben würde, zum ersten Mal eine merkwürdige Müdigkeit verspürt. Sie konnte Freunde und Liebhaber wechseln, ...niemals aber würde sie die Schwester auswechseln können. Laura war eine Konstante ihres Lebens, was für Agnes um so ermüdender war, als ihre Beziehung von Kindheit an einem Wettlauf glich: Agnes lief vorn und die Schwester hinter ihr her." Ein neues Beispiel für die tiefschwarze Stimmung des Buches, aber auch ein ganz starker Moment meiner Ansicht nach.
S. 289: Avenarius fragt den Autor, was dieser schreibe. Der Autor liefert keine Antwort, da ein gutes Buch nicht adaptierbar sein darf. An diese selbst aufgestellte Regel hat Kundera sich wunderbar gehalten...
Die Sprünge zwischen den beiden Erzählsträngen um Avenarius und den Autor und dem des Selbstmordmädchens waren mal wieder nervig, die Beschreibung des Mädchens selbst mochte ich hingegen gern. Außerdem ist sie ein wunderbares Beispiel dafür, wie Kundera kleine Elemente wiederholt in die Erzählung einfließen läßt und, vor allem, wie diese Details von tragender Bedeutung werden können.
Interessant fand ich außerdem Agnes' Gedanken dazu, dass Tote all ihre Menschenrecht verlieren, einschließlich des Rechts auf Persönlichkeit und Privatheit.
S. 313: "Das, was am Leben unerträglich war, war nicht
zu sein, sondern
ein Ich zu sein."
S. 410: Kundera schließt den Kreis und läßt Laura die Geste ausführen, die angeblich ausschlaggebend für die Entstehung des Romans war, von mehreren Frauen benutzt worden ist und grundlegend für seine Theorie zu Gesten ist. Fein.
Insgesamt gefiel mir die negative Grundstimmung des Buches überhaupt nicht. Und auch die Mehrschichtigkeit des Textes, über die ich mir in anderen Büchern mit Vergnügen den Kopf zerbreche, hat mich eher kalt gelassen, weil ich zuviel Kraft darauf verwendet habe mich zu ärgern (oder zu langweilen). Dass die Figuren auf verschiedenen Eben miteinander agieren, neue Konstellationen entstehen, sich neue Blickwinkel auftun hat Kundera kunstvoll verwoben - aber ich kann es einfach nicht honorieren. Ich habe mich lediglich über jedes neue Puzzelteilchen gefreut, dass sich in die Figur von Agnes einfügte. Kannst du nachvollziehen, was ich meine? Ich glaube, ich war einfach übersättigt.
Das fünfte Kapitel heißt Der Zufall, und zwischendurch gibt es immer wieder ein paar Gedanken, die ich ganz erhellend und schön formuliert finde, z. B. die Straße als Entwertung des Raumes im Gegensatz zum Weg als Lob des Raumes.
Stimmt, das ist auch eine schöne Stelle. Leider habe ich das Gefühl, das Kundera lediglich Gelesenes/ Gehörtes zusammenträgt, was meine Bewunderung für ihn arg schmälert.
Gegruselt hat es mich bei der Erzählung vom Tod des Vaters, der in seinen letzten Augenblicken das Angesehenwerden verweigert und schon in den Jahren davor bemüht war, jede Spur, die er hinterlassen könnte, zu tilgen. In der Philosophie des Erzählers wirkt der Vater - der übrigens als relativ sympathische Figur gezeichnet ist - als jemand, der den Kampf um die Individualität durchschaut hat und verweigert; mir persönlich wird kalt, wenn ich mir so etwas vorstelle - so wie ja das ganze hier gezeichnete Universum letztlich kalt ist und Liebe immer nur als Illusion existiert.
Der Vater ist auch für mich Sympathieträger. Und wenn man sich vor Augen hält in welch einer Welt er gelebt hat, also speziell auf Kunderas Buch bezogen, ist sein Handeln durchaus schlüssig.
Im sechsten Kapitel, Das Zifferblatt, wird eine neue Figur eingeführt: Rubens, der allerdings bereits vom Erzähler angekündigt war: Ich freue mich schon riesig auf den sechsten Teil. Dort wird nämlich eine völlig neue Figur auftauchen. Und am Ende wieder so verschwinden, wie sie gekommen ist, ohne eine Spur zu hinterlassen. Sie ist die Ursache von nichts und hat keine Folgen. Und gerade das gefällt mir. Ruben (genannt Rubens) ist also das vergönnt, wonach Agnes und ihr Vater sich so sehr sehnen: folgenlose, spurlose Existenz.
Ach, diese Stelle hatte ich ganz vergessen. Allerdings bin ich anderer Meinung als Kundera: Ruben hinterlässt sehr wohl Spuren, indem er Agnes auf gewisse Art und Weise prägt. Kundera geht darauf nicht ein, damit seine These sich entfallten kann, dennoch habe ich das Gefühl, dass durch die anderen Einblicke in die Person der Agnes seine Spuren aufgezeigt werden.
Ziemlich witzig fand ich die Stelle, als Ruben im Ehebett der Name seiner ehemaligen Geliebten entfährt und er versucht, die Situation zu entschärfen
Den erotisch aufgeladenen Teil um Ruben fand ich problematisch, diese Geplänkel um Sex vermischt mit intelektuellen Ausführungen mochte ich gar nicht, da haben auch nicht die ständigen Erwähnungen irgendwelcher bildenden Künstler geholfen.
Lieben Gruß
Breña,
die nun hundemüde ins Bett fällt