Hallo,
obwohl ich momentan nur sehr wenig Zeit zum Lesen habe, ist das Buch doch so spannend, dass ich die tiefen Stunden der Nacht nutze und nun bis ins achte Kapitel vorgedrungen bin.
Gurney ist schon ein leidenschaftlicher Erzähler und Faktensammler, deshalb ist dieses Buch nicht nur eine Geschichte der Antarktis-entdeckungen, sondern allgemein der Seefahrt zum Zwecke der Forschung.
Wir erfahren in den ersten Kapiteln - wie bereits geschildert - Grundlegendes zu den Legenden um den Südkontinent, zur Ortsbestimmung auf offener See und zu Ernährung und Gesundheit der Seeleute. Zum Mittleren, der Ortsbestimmung, kann ich übrigens nur Dava Sobels tolles Buch "Längengrad - Die wahre Geschichte eines einsamen Genies, welches das größte wissenschaftliche Problem seiner Zeit löste" empfehlen. Sie schreibt die Biografie des englischen Tüflters und genialen Uhrmachers John Harrison, dem es als erstem gelang, eine Uhr zu bauen, die erstens bereit in der Mitte des 18. jahrhunderts auch langfristig auf die Sekunde genau ging und zweitens so konstruiert war, dass sie sowohl extremem Seegang als auch ebensolchen Temperaturschwankungen trotzte. Damit war das Problem der Längengradbestimmung gelöst und das Entdecken und genaue Vermessen konnte erst richtig losgehen.


Um zu unserem Buch zurückzukehren: Gurney stellt den großen Entdecker James Cook sehr liebevoll und einprägsam dar. Am Anfang muss dieser sich erst langsam in der Handelsmarine und Royal Navy empordienen, bevor sein Talent ihm dann das Kommando über die "Resolution" und "Adventure" zur Erforschung des Südpazifik und des bis dahin vermuteten großen und fruchtbaren Südkontinents übergibt.
Cook entdeckt zwar nicht die Antarktika, obwohl er sich ihr bis auf 60 Seemeilen nähert, aber er weist nach, dass es keinen nutz- und besiedelbaren Südkontinent unter erträglichen Temperaturen gibt. Er erkennt bereits auch aufgrund der hohen Dichte der Eisberge, dass es rund um den Südpol eine untentdeckte Landmasse geben muss, die er aber eben aufgrund der extremen Klimaverhältnisse nicht aufsuchen kann.
Das Buch ist spannend geschrieben, verlangt aber waches Mitdenken und, wenn man alles verstehen will, viel Vorwissen.
Das Kapitel über Vermessung ist bedauernswerterweise etwas an mir vorbeigerauscht, weil ich mich nur noch rudimentär an die Inhalte der sphärischen Trigonometrie erinnern kann und bei der Vorstellung der nicht weiter erklärten Gerätschaften wie den Theodoliten völlig versage. Unter den astronomischen Details, wie der Berechnung der geografischen Länge nach Mondphasen oder Venusdurchgang kann ich mir schon eher etwas vorstellen und verstehe auch, warum das Vorhandensein von Eisbergen auf Land schließen lässt, aber Gurney lässt einen mit solchen Rückschlüssen ziemlich allein.
Wie dir, jääkaaappi, ist auch mir eine gewisse Arroganz und Unüberlegtheit in der Wortwahl aufgefallen: Nicht nur, dass „Mörderwal“ populistisch und falsch ist, auch seine Schilderung der Naturvölker, denen Cooks Expedition begegnet, ist manchmal ein wenig reißerisch und auch von gewisser kolonialer Arroganz bestimmt. Dabei fallen mir seine farbigen Ausmalungen zu den menschenfresserischen Maori und seine schon als beleidigend anzusehenden Bemerkungen zu den Yahgan, einem Volksstamm am Kap Hoorn, ein. Sicherlich will er nicht unbedingt so einen Eindruck erwecken, aber wenn er indirekt Passagen aus zeitgenössischen Werken zitiert, täte der Konjunktiv recht gut. Natürlich kann das auch an der Übersetzung liegen.
Insgesamt aber ein Sachbuch, das sich spannender liest als so mancher Roman!
HG
finsbury