Kapitän Whalley, der durch einen Bankencrash sein Vermögen verloren hat, muss sein Schiff verkaufen, um seine Tochter in Australien unterstützen zu können. Um selbst über die Runden zu kommen, beteiligt er sich mit seinen letzten Mitteln an einem Dampfer, der einmal im Monat die Handelsroute flußaufwärt befährt, und übernimmt das Kommando. Der erste Maschinist Massy ist zugleich Eigner und ein außerordentlich streitsüchtiger Mensch, dem es niemand recht machen kann und der ständig andere für seine Schwierigkeiten verantwortlich macht. Hinzu kommt der erste Offizier Sterne, der mit seiner aalglatten Art nur seine eigenen Ziele verfolgt. Beide sind von ganz anderem Schlag als der in sich ruhende Kapitän, der auf eine erfolgreiche Karriere zurückblicken kann und sich durch die ein oder andere Entdeckung verdient gemacht hat. Doch seine Zeit ist gemeinsam mit der der Segelschifffahrt vorbei und er sticht zwischen all den zwielichtigen Gestalten, die in "Ostindien" ihr Glück suchen, deutlich heraus.
Die Handlung umfasst etwa drei Jahre, ist aber immer wieder angereichert durch Rückblicke, um die Lebensgeschichte der Handelnden zu beleuchten. Das Erzähltempo ist ruhig, Conrad lässt der Geschichte Zeit, sich zu entfalten. Und vor allem lebt die Erzählung von den Personen, weniger von der Handlung. Conrad beherrscht es meisterhaft, seine Protagonisten zu charakterisieren und dem Leser einen Blick in ihr Inneres zu erlauben. Oft reichen ihm wenige Worte, um komplexe Hintergründe zu umreißen und Charakterzüge darzustellen. Die Handlungen der Protagonisten sind aus ihrer Charakterisierung heraus nachvollziehbar, ich hatte immer den Eindruck, dass die Person gar nicht anders gekonnt hätte als genau so zu handeln. Auch (moralisch) fragwürdige Handlungen bekommen so eine innere Notwendigkeit und tragen wiederum zur komplexen Darstellung bei.
Ähnlich mühelos wie Personen beschreibt Conrad die Umgebung und lässt Atmosphäre entstehen, er wusste mit Sprache umzugehen. Die grundsätzliche Stimmung ist melancholisch und geprägt von persönlichen Konflikten, wird aber auch vom sprichwörtlichen Silberstreif am Horizont begleitet. Besonders deutlich wird das bei Kapitän Whalley, mit dem Conrad anscheinend den Seeleuten des alten Schlags ein Denkmal gesetzt hat: er bewahrt sich seinen Stolz, auch wenn die Zeit ihn zu überholen scheint, und gibt sich selbst Kraft und Hoffnung. Im Gegensatz dazu folgt auch der erste Offizier Sterne seiner Hoffnung auf einen Karrieresprung, auch wenn er sich dazu ganz anderer Moralvorstellungen bedient. Selbst der pessimistische Maschinist Massy erlebt hoffnungsvolle Momente.

Übrigens finde ich es schade, dass im ersten Beitrag die gesamte Handlung bereits verraten wird. Auch wenn sich manches dem aufmerksamen Leser schon ankündigt, bevor es passiert, sollte man der von Conrad vorgesehenen Spannungskurve eine Chance geben.

Finsbury, vielleicht kannst Du nachträglich einen Teil der Inhaltsangabe verspoilern?
Viele Grüße
Breña
P.s. Gelesen habe ich die Ausgabe aus der Fischer Klassik-Reihe in der Übersetzung von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. Eine kurze Anmerkung zur ebenfalls enthaltenen Erzählung
Jugend gibt es
im Monatsrundenthread.

