Meine Meinung:Für mich war "Der gestohlene Abend" ein ganz besonderes Leseerlebnis - das liegt vor allem daran, dass die Handlung autobiographisch ist und vom Autor selbst erlebt wurde. Die Ich-Perspektive fand ich in diesem Fall als besonders intensives Stilmittel, um dem Leser die Geschichte näher zu bringen. Ganz schön mutig von Wolfram Fleischhauer, der Öffentlichkeit so viel Einblick in seine Vergangenheit und in sein inneres Erleben zu geben.
Dabei sind die Vorgänge an der Hillcrest Universität in Kalifornien natürlich nicht Wort für Wort nacherzählt, Wolfram Fleischhauer hat aus dem Stoff ein tragfähiges Gerüst für eine spannende, unglaubliche und mitreissende Story gebastelt, in der man nie genau weiß - ist das nun genau so passiert oder hat der Autor in seinem Einfallsreichtum einen erzählerischen Trick verwendet, um die wahren Geschehnisse zu umschreiben?
Die Handlung hat mich stets in Atem gehalten und mir einen ungewohnten Blick in das Leben einer Universität verschafft. Dabei spielt einerseits das ganz normale Studentenleben mit seinen oft überfrachteten Lerninhalten und dem Ringen nach der besten Kombination an Seminaren eine Rolle, andererseits aber gibt es auch eine Ebene hinter den Kulissen, auf der heftigst intrigiert wird und Machtspielchen gespielt werden.
Den geisteswissenschaftliche Aspekt in der Geschichte fand ich spannend und höchst brisant, ohne allerdings auf eine ausreichende Wissensbasis zu verfügen, um das Ganze halbwegs zu begreifen. Trotzdem war ich mit der Lektüre nie überfordert, denn Wolfram Fleischhauer hat es verstanden, die literaturtheoretischen Abschnitte so zu schildern, dass sie auch für Laien verständlich und interessant ist.
Faszinierend fand ich die Charakterzeichnungen der Figuren, von denen die wenigsten Fiktion sind und die meisten tatsächlich existieren. Hier prallen im wahrsten Sinne des Wortes Welten aufeinander, und insbesondere bei der Konfrontation mit lange zurückliegenden Geschehnissen während des Dritten Reiches zeigen so manche Figuren plötzlich ihr wahres Gesicht. Diese Entwicklung fand ich sehr schön ausgearbeitet und letztendlich liegt darin auch die Antwort verborgen, warum Wolfram Fleischhauer heute der ist, der er ist.
Ein spektaktuläres Buch, das sich auf keinen Fall in eine Schublade pressen lässt; eine Handlung, die viele Anworten enthält, aber noch mehr Fragen aufwirft; ein Roman, in dem der Autor sich selbst wiederspiegelt und Stellung bezieht. Und, wie immer, ein Lesegenuss durch den brillanten Schreibstil, der mich von Beginn bis zum Ende gefesselt hat.
Das gibt Höchstwertung:

und ist außerdem ein

Viele liebe Grüße

Miramis