Nur einen Abend, einen kleinen Teil des darauffolgenden Nachmittages und die auf diesen folgende Nacht hat es gedauert, bis ich mit diesem manischen Monolog, diesen geharnischten Gedankengängen von Thomas Bernhard durch war - als ich vor einigen Wochen in der hiesigen Thalia-Filiale auf einmal, oder, wie Bernhard sagen würde, aufeinmal, bei dem Buchstaben
B stand, einige von Bernhards Werken entdeckte, mich erinnerte, dass dieser Autor schon seit einiger Zeit auf meinem inneren Merkzettel ziemlich weit oben vermerkt war, mir
Holzfällen herausgriff und die ersten Zeilen betrachtete, hätte ich eine solch kurze Lesezeit auf Anhieb für plausibel gehalten, verfügt Bernhard doch wirklich über einen flüssigen, ja nahtlosen Stil, und zwar nicht nur in Bezug auf das Seitenlayout, sondern auch inhaltlich. Wenn der Autor einen von jetzt auf jetzt per offenem Anfang in das Geschehen versetzt, wie auch bei Kurzgeschichten üblich, hab ich das ohnehin ganz gerne.
Wie schier exzessiv Bernhard dann allerdings Seite für Seite über die Auersbergerischen herzieht und er dem Ohrensessel dieses Ehepaares einen zentraleren Platz in seinem Text einräumt als es jeder Innenarchitekt mit solch einem Möbelstück in jedwedem Raum je könnte, ist, wenn nicht ein Indiz, so doch schon ein Indikator für den regelrecht sublimen Humor, den ich an diesem Autor entdeckt zu haben mir einbilde und der mir sehr gut gefällt. Für die mentalen Kiefermuskeln sowie auch für die Augen ist das Ganze jedoch stellenweise ein wenig mühsam, die Worte
Auersbergerischen,
Auersberger und
Ohrensessel so oft zu lesen, dass man das Gefühl bekommt, der Autor würde aus diesen Worten, und nur aus diesen, ganze Sätze formen.
Spaß beiseite, zuweilen ist der Protagonist bzw. Bernhard selbst sicherlich sehr bissig oder, was deutlich seltener geschieht, aber doch vorkommt, er schildert andere Figuren des Geschehens als beinahe ebenso bissig - an manchen Stellen amüsiert man sich, um beim Vergleich zu bleiben, darüber so sehr, wie ein Kleinkind über einen Cartoon, in dem ein Hund Jagd auf den Briefträger macht, bei der Begebenheit, in der der Auersberger den Burgschauspieler darauf anspricht, dass es doch verwunderlich sei, dass so wenig Burgschauspieler Selbstmord begingen, wo sie doch allen Grund dazu hätten, habe ich am Boden gelegen. Auch bei der Stelle, der ich unmittelbar nach dem Lesen in meiner Signatur eine Hommage setzen musste. An anderen Stellen fühlt man jedoch eher so eine Art Schrecken, den Spaziergänger erleben, wenn ihr eigenes Tier von einem fremden Hund angefallen wird, man ist für eine Sekunde ein wenig erschüttert und beinahe betroffen, wie gemein der Protagonist doch auch sein kann.
"Wir haben nichts zu berichten, als dass wir erbärmlich sind", hat Bernhard einmal selbst in einer Rede über Autoren wie sich gesagt. Der Protagonist in
Holzfällen könnte wohl dasselbe über sich und die Gesellschaft des künstlerischen Abendessens behaupten - und tut es ja auf paraphrasierende Weise auch desöfteren in seinem Monolog.
Marcel Reich-Ranicki nannte Bernhard "einen von den Geschlagenen, den Alpträumern und den Amokläufern." Gut möglich, dass er das war und noch besser möglich, dass auch sein Protagonist hier so einer ist, doch ist, glaube ich doch, kein Mensch nur eines dieser Dinge oder alle drei - zumindest der Wille, sich nicht immer geschlagen zu geben, auch einmal friedlich und ruhig zu schlafen und nicht mit Gewalt und Aversion gegen andere an-, sondern vielmehr mit ihnen mitzugehen, ist sicherlich jedem Menschen zu eigen. Auch dem Protagonisten in
Holzfällen meint man diese Züge anzumerken. So mag man es auf den ersten Blick womöglich auf Feigheit oder Menschenfurcht zurückführen, dass der Protagonist den Auersbergerischen bzw. irgendjemandem, den Schriftstellern, der Billroth, der Schreker, den Ingenieuren oder wem immer, nie das, was er die meiste Zeit über im Ohrensessel denkt, ins Gesicht sagt und stattdessen am Ende sogar überaus höflich und liebenswürdig im Benehmen zu der Auersberger zu sein gewesen scheint, zumal er ja noch den Burgschauspieler, der sich eben diese verbalisierten Ausbrüche geleistet hat, schier beneidet.
Allerdings sind die Antipathie, ja Verachtung in seinen Gedanken, in denen er mehr als einmal von
Hass spricht, so plastisch und finden sich ja auch mehrere Gelegenheiten, bei denen er Dinge im Ohrensessel laut vor sich hin sagt und dabei von den anderen gehört wird, dass ich fast meinen möchte, er ist weder zu feige und schon gar nicht seine negativen Gedanken am Ende nicht stark genug, als dass er diese nicht deutlich hätte zum Ausdruck bringen können, nein, im Endeffekt sieht er sich wohl doch als ein richtiger Teil dieses Wiens, dieser Stadt und insbesondere seines künstlerischen Milieus.
Somit beschreibt dieses Werk doch auch auf eindrückliche Weise, wie man manchmal gegen Dinge, Zustände, Situationen und eigene Zugehörigkeiten ankämpft - oft, um diese zu verändern, zu bewältigen oder, im Falle der Zugehörigkeit, diese erst zu finden -, wenngleich all diese Dinge, Situationen und Zugehörigkeiten doch eigentlich wunderbar in Ordnung gewesen sind und man selber es war, der sich oder seine Sicht zu ändern hatte.
Für alle, denen diese meine Eindrücke blödsinnig oder aus der Luft gegriffen scheinen oder, da sie das Werk noch nicht kennen, scheinen werden, bleibt jedenfalls ein Werk von bemerkenswertem Stil und trefflichem Humor.

Ich jedenfalls werde, nach einigen anderen Autoren und Werken als Ablenkung,
Wittgensteins Neffe angehen, welches hier noch subt und in naher Zukunft Nachschub an Bernhard-Werken aquirieren.
