Hallihallo!
Da bin ich wieder am Ausgraben uralter Threads, aber da ich
Métaphysique des tubes gerade erst gelesen habe und durchaus über genügen Senf verfüge, den es sich von mir zu geben lohnt, sei er ausgegraben.

(Die Hitze macht ein bisschen wirr heute)
Meine Meinung:Diese Geschichte beginnt mit einem sehr seltsamen Baby. Es kommt zur Welt wie im Koma. Es rührt sich nicht, es schreit nicht, es reagiert nicht einmal auf den probeweisen Essensentzug der verwirrten Eltern. Mit zwei Jahren wacht dieses namenlose Wesen plötzlich aus seiner Starre auf und brüllt sich ein haltes Jahr die Seele aus dem Leib. Dann kommt die Großmutter aus Belgien zu Besucht, reicht dem Baby ein Stück weiße Schokolade und das Kind wird zum Sonnenschein.
Amélie Nothomb erzählt aus der Ich-Perspektive über die ersten drei Jahre in ihrem Leben (so erinnere ich mich sie jedenfalls in einem Interview sagen gehört zu haben). Sie ist überdurchschnittlich begabt und erlernt zeitgleich und ohne Mühe die japanische und die französische Sprache. Dass sie zuerst denkt, sie sei Gott, ist gleichzeitig so ironisch und herzzerreißend, dass man dabei nur schmunzeln kann. So etwa, wenn das kleine Mädchen zu ihrem dritten Geburtstag fest damit rechnet, dass die Bürger der Stadt zu ihr kommen und sie loben und preisen würden.

Es ist eine Freude, über Amelie zu lesen, zumindest sobald sie aus ihrer Starre erwacht ist. Ihre kleine Welt und ihre täglichen Abenteuer sind teilweise lustig beschrieben, teilweise sehr tiefgründig und philosophisch und teilweise auch ein bisschen beängstigend. Man hat nicht das Gefühl, einem Kleinkind gegenüber zu stehen, sondern einem Erwachsenen, dem sehr viel Wissen fehlt.
Obwohl es ein bisschen sonderbar ist, wollte ich das Buch eigentlich nie weglegen. Bei den knappen 150 Seiten ist das auch gar nicht nötig, weil man nach einer Stunde sowieso schon wieder damit fertig ist. Es ist definitiv nicht mein liebstes Buch von ihr, aber ich fand es lesenswert, alleine schon, weil ich das Kleinkinderdasein noch nie aus einer solchen Perspektive betrachtet habe. Oder Karpfen...

