Julie Harris: Der lange Winter am Ende der Welt

Den Inhalt hat Aldawen ja schon zusammengefaßt, daher hier gleich
Meine Meinung:Bevor ich das Buch las, hatte ich Aldawens Rezension gelesen, die ja nicht besonders positiv klingt. Ich hatte also keine allzugroßen Erwartungen, und so konnte es dem Buch gelingen, mich sehr positiv zu überraschen. Ich fand das Buch dermaßen spannend, daß ich es in zwei Tagen durchgelesen habe.
17 Jahre verbringt John Robert Shaw nach seinem Flugzeugabsturz bei einem Inuitstamm auf einer einsamen Aleuten-Insel ohne Kontakt zur sonstigen Zivilisation. Er wurde nach dem Absturz von den Inuit gefunden, gerettet und gesundgepflegt. Er braucht sehr lange, um sich von seinen Verletzungen zu erholen, sich an die rauhen Bedingungen auf der kargen, kalten Insel zu gewöhnen und sich als Fremder in das Leben in der Inuitgruppe einzufügen. Aber "Der lange Winter am Ende der Welt" ist nicht nur geographisch gemeint. Es ist vor allem der Winter in John Robert Shaw selbst, der außer seinen Erinnerungen nichts mehr hat, was ihn mit seiner vorherigen Lebenswelt verbindet. Er erinnert sich an sein Leben in South Carolina und Florida vor dem verhängnisvollen Flug, in dem es reichlich unverarbeitete Schicksalsschläge und offenbar sehr viel Unausgesprochenes gab, und er schreibt diese Erinnerungen nieder. Durch das einfache Leben am "Ende der Welt", durch seine Familie die er dort gründet, und durch die Freundschaft mit dem Schamanen Asuluk gelingt es John Robert allmählich, die Dämonen der Vergangenheit loszuwerden und zu sich selbst zu finden, Frieden zu finden. In der Arktis, wo es nichts Nebensächliches gibt, was ihn ablenkt, und alle für das Überleben aufeinander angewiesen sind, kann er sich auf die wirklich wichtigen Werte des Lebens besinnen. Nach und nach wird er zu einem geachteten und anerkannten Mitglied der Inuitgruppe, auch wenn er immer ein Fremdling bleibt.
Unmerklich verändert er sich selbst, so daß es den Leser nicht wundert, daß John nach der Evakuierung der Insel im Jahr 1943 (bei der John von seiner Familie getrennt wird, und die Inselbewohner übrigens wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden) feststellt, daß er nicht mehr in die Welt des Amerika der vierziger Jahre paßt, die sich in den letzten 17 Jahren ohne ihn weitergedreht hat. So ist es nur folgerichtig, daß John, nachdem er das Schicksal seiner Mutter und Schwester aufgeklärt hat, erkennt wohin er gehört, und zurückkehrt zu seiner Inuitfamilie. (Das "bequeme Leben", das er bei seiner Schwester führen könnte, empfindet er vor allem als inhaltsleer - dort wird er als nutzloser Krüppel behandelt, der täglich seine Tabletten nehmen soll, und seinem Beruf als Flieger kann er sowieso nicht mehr nachgehen.)
Ein wenig hat auch mich gestört, daß der Teil des Buches nach der Evakuierung ziemlich kurz abgehandelt wird. Hier sind manche Textstellen so knapp, daß sie schon nicht mehr verständlich sind (wurde da gekürzt? An manchen Stellen, auch als es um die Lebensweise der Inuit ging, habe ich mich auch gefragt, ob der Bericht wirklich authentisch oder nicht vielleicht doch erfunden ist.)
Daß der Leser so wenig über das Leben der Inuit nach der Umsiedlung erfährt, hat mich dagegen nicht so sehr gestört. Das Hauptthema des Buches ist die Reise Johns zu sich selbst, und die ist bereits beendet.
Warum er sich immer noch so an seinen toten Freund Bobby klammert, selbst noch, als er sich in die Inuitgruppe integriert hat, blieb für mich eher unverständlich.
Das ist für mich nicht unverständlich. Bobby war sein Freund, mit dem er eng verbunden war und jahrelang zusammengearbeitet hat, und außerdem fühlt John sich schuldig, weil er Bobbys Tod nicht verhindern konnte. Das kann jemanden schon ein Leben lang beschäftigen.
Von mir bekommt das Buch

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Viele Grüße
Katja