Gelesen habe ich die Hardcover-Ausgabe:

Inhalt: AnnaIn hat einen Ruf erhalten und macht sich daraufhin mit ihrer Freundin Nina auf den Weg unter die Stadt, in die Katakomben, die Unterwelt. Vor dem Tor muß Nina zurückbleiben, während AnnaIn vom Türhüter durch sieben Tore geführt wird, dabei jeweils etwas von ihrem Schmuck oder ihrer Kleidung zurücklassen muß, bevor sie nackt und bloß vor ihrer Schwester steht. Und da von dort niemand zurückkehrt, bleibt auch AnnaIn tot zurück. Nina allerdings hat den Auftrag, nach drei Tagen die Väter aufzusuchen. Diese verweigern allerdings die Hilfe, so macht sich Nina auf den Weg zu AnnaIns Mutter. Diese stellt den Vätern ein Ultimatum, und tatsächlich erschafft der eine zwei Fliegen, die AnnaIns Schwester umschmeicheln und die Tote zum Leben wiedererwecken. Allerdings stellt die Schwester eine Bedingung: AnnaIn darf nur gehen, wenn dafür ein Ersatz kommt. Die Dämonen, die AnnaIn zurück auf die Erde begleiten, um den Austausch in Empfang zu nehmen und in die Tiefe zu geleiten, lassen sich nur mit Mühe davon abbringen, den erstbesten Bekannten AnnaIns mitzuschleppen. Und so bleibt am Ende nur noch eine Wahl, aber auch dagegen regt sich Widerstand ...
Meine Meinung: Tokarczuk hat mit dem Mythos der sumerischen Göttin Inanna ein Vorbild gewählt, das man wohl mit Fug und Recht als einen Urmythos der Menschheit bezeichnen kann, da er in regionalen und zeitlichen Variationen extrem weit verbreitet ist. Dazu flicht sie geschickt eine Reihe von Verweisen und Parallelen zu verwandten Mythen ein. All das transferiert sie zwar in ein moderneres Umfeld, daher stolpert man mit AnnaIn und Nina auch zwischen Kabeln, verrosteten Metalltüren und Aufzugsschächten umher, aber sie trimmt den Mythos nicht krampfhaft auf realistisch oder eine „rationale“ Erklärung. Der mythische Faktor bleibt in vollem Umfang erhalten, und aus dieser Kombination ergibt sich schon eine sehr eigene Atmosphäre, die mich gefangen genommen hat.
All das wird unterstützt von einer sehr bildhaften und plastischen Sprache. Tokarczuk sagt im Nachwort, wenn sie zeichnen könne, hätte sie den Bildern Vorrang vor dem Wort eingeräumt. Das finde ich gar nicht nötig, es ist auch so sehr ausdrucksstark. Zwei Dinge sind hierbei noch besonders erwähnenswert. Da ist zum ersten das Ultimatum, das AnnaIns Mutter durch Nina an die Väter übermitteln läßt. Dieses zeichnet sich durch eine ungeheure Wortgewalt aus, und wegen des Übermittlungsweges hat man das Vergnügen, es zweimal zu lesen. Normalerweise schätze ich solche Wiederholungen nicht besonders, aber hier paßte es einfach in den Erzählfluß und erinnerte zudem daran, daß diese Geschichten früher nicht gelesen, sondern erzählt wurden. Besonders zentrale Teile wurden also vom Rhapsoden mehrfach wiederholt, damit das Publikum keine wichtigen Punkte verpaßte oder vergaß. Der zweite Punkt betrifft den eingebauten Schöpfungsmythos, den Nina während ihrer Suche nach AnnaIns Mutter von Anna Enhudu bekommt. Dieser hat mehr als nur leichte Ähnlichkeiten mit der Genesis der Bibel, wobei diese Parallelen nicht überraschen, aber auch dieser war großartig erzählt..
Was mich allerdings gestört hat, war diese Silbenvertauschung von Inanna zu AnnaIn, vor allem gegen große I im Wort bin ich ziemlich allergisch. Ich kann mir bislang auch noch keinen hinreichenden Grund zurechtlegen, wofür diese Umstellung nützlich gewesen sein soll, zumal im Text auch immer wieder einmal die Ausgangsform auftaucht. Dieses Umdrehen erleben allerdings auch zwei andere Frauen hier, nämlich Anna Enhudu, als Enhuduanna antike Autorin eines Poems über Inanna, sowie Anna Geszti, Gesztianna, Inannas Schwägerin. Die Tatsache, daß durch die Umstellung nun alle Frauen Anna heißen, ist zwar irgendwie ganz witzig, aber einen besonderen Sinn kann ich trotzdem nicht darin erkennen.
Letzteres ist aber nur in kleiner Wermutstropfen in einem ansonsten wirklich großartigen Roman!

Schönen Gruß,
Aldawen