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Autor Thema: [Neuseeland] Lloyd Jones - Mister Pip  (Gelesen 1669 mal)

schokotimmi

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[Neuseeland] Lloyd Jones - Mister Pip
« am: 06. November 2008, 10:38:12 »

Lloyd Jones - Mister Pip



Inhalt:
Der Roman spielt in Papua-Neuguinea auf der Insel Bongrainville. Erzählt wird die Geschichte des Mädchens Matilda, welches in einem kleinen Küstendorf zusammen mit Ihrer Mutter aufwächst. Ihr Vater ist als Gastarbeiter nach Australien gegangen. Der Bürgerkrieg Ende der 80er / Anfang der 90er verändert ihr Leben, zuerst nur wenig doch am Ende ganz gravierend. Weitere Hauptfigur in dem Buch ist Mr. Watts, einziger "Weißer" in dieser Gemeinde. Nachdem die Insel von der Außenwelt abgeschnitten ist, übernimmt Watts die Rolle des Lehrers für die Kinder und versucht mit Dickens "Great Expectations" ein bisschen heile Welt und Normalität für die Kinder zu erhalten. Familienmitglieder unterstützen ihn und bringen den Kinder ihr Wissen von der Welt näher. Doch auch die Repressalien und die Gräueltaten der Rebellen und Regierungstruppen werden beschrieben - Babies die wegen mangelnder medizinischer Versorgung an Malaria sterben, der Verlust weil Häuser und Habe verbrannt werden. Pip, die Hauptfigur in Dickens Roman wird zur Schlüsselfigur der Geschichte, trotz seiner nur imaginären Existenz.

Autor:
Der Autor Lloyd Jones ist 1955 nahe Wellington, Neuseeland geboren und hat dort studiert. Als Journalist war er weltweit tätig, unter anderem auch als Korrespondent während des Bürgerkrieges in Papua Neuguinea. Für den Roman "Mister Pip" hat er mehrere Literaturpreise erhalten.

Resume:
Ich habe das Buch in English gelesen, so hoffe ich alles richtig verstanden zu haben. Ein kleines Problem hatte ich mit Matildas Vater, aber das hat sich am Ende alles geklärt.
Die Geschichte ist berührend geschrieben, Matildas Sicht auf die Dinge, die Hoffnung und der Optimismus, den sie trotz Schicksalsschlägen bewahrt hat. Es war oft auch eine kindliche Sicht auf die Dinge erkennbar, z.B. die Euphorie um Pip und sein Leben, Gedanken der Kinder wie "Wie ist es weiß zu sein?" brachten mich manchmal zum Schmunzeln, trotz der immer trauriger werdenden Geschichte. Auch menschliche Spannungen, wie sie zwischen Mr. Watts und Matildas Mutter auftreten sind berührend und glaubwürdig dargestellt, auch oder gerade weil sie in einer gewissen Einfachheit geschrieben sind.
Das Ende hat mich dann doch ein wenig überrascht - im ersten Moment empfand ich es als zu "gut" für die Stimmung des Buches, doch je mehr ich darüber nachdenke um so besser gefällt es mir.
Der Roman hat eine Tiefe die mir beim Lesen nicht direkt aufgefallen ist, die sich aber nach und nach ergibt, wenn ich über bestimmte Szenen und deren Zusammenhänge nachdenke. Ich weiß nicht ob es an der Sprache oder am Buch selbst liegt, dass mir bestimmte Einsichten erst nach und nach kommen, es macht mir jedenfalls Spaß - ein Buch das nachwirkt und das meine geografisch-geschichtliches Wissen erweitert hat.

Von mir gibt es  4ratten

Grüße
schokotimmi


Land im Betreff eingefügt. LG, Aldawen
« Letzte Änderung: 21. Dezember 2009, 11:13:09 von Aldawen »
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stefanie_j_h

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Re: Lloyd Jones - Mister Pip
« Antwort #1 am: 06. November 2008, 13:02:04 »

Danke für die interessante Rezi, das Buch hat es schon wegen des farbenfrohen Covers auf meine Wunschliste geschafft, es rutscht jetzt ein ganzes Stück nach oben. Ist ja auch sehr gut geeignet für die literarische Weltreise  :zwinker:
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Breña

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Antw:Lloyd Jones - Mister Pip
« Antwort #2 am: 27. August 2009, 23:42:51 »

Je länger ich dieses Buch nachwirken lasse umso besser wird es, schon beim Lesen war ich überrascht von der Vielschichtigkeit, die Jones seinen Lesern bietet. Im Wesentlich kann man die Themen darauf reduzieren, wie Erzähltes ein Leben verändern kann. Schaut man genauer hin, geht es darum, wie ein Buch zu einer Fluchtmöglichkeit wird, aber auch wie es seine Leser verändert bzw. im Gegenzug von den Umständen verändert wird. Um die Macht der Fantasie und die Magie eines Buches. Es geht darum, dass einem seine Erinnerungen nicht genommen werden können, und dass man lernen muss mit Verlusten umzugehen. Dass man für seine Ideale einstehen muss, aber vom Leben auch etwas  zurück bekommt. Es geht um Konflikte, sei es der Bürgerkrieg, der auf der Insel wütet, oder die Streiteren zwischen Mr. Watts und Matildas Mutter oder Mutter und Tochter selbst. Es geht um Gegensätze. Und es geht um das Ende einer Kindheit.

Lloyd Jones erzählt seine Geschichte sensibel, ohne vor den Schrecken des Krieges zurückzuschrecken und ohne Kitsch und Klischees. Die Handlung entfaltet sich überlegt, aber auch überraschend, und die Protagonisten sind detailliert charakterisiert, auch Nebenfiguren bekommen einen Wiedererkennungswert. Dabei lebt auch seine Sprache von Vielfältigkeit, indem Jones sowohl Dickens'sche Formulierungen als auch
Pidgin-Einflüßen der Inselbewohner einbaut. Da ich das Buch im Original gelesen habe, interessiert mich wie gelungen die Übersetzung dies umgesetzt hat.

Zuletzt zur Frage, ob man Große Erwartungen kennen muss um Mister Pip zu lesen: Sicher nicht unbedingt, da ein Abriss der Handlung und die wichtigsten Verbindungen von Jones geliefert werden. Allerdings entgehen einem bestimmt einige Facetten der Geschichte, wenn man das Buch ohne Vorkenntniss der Erwartungen liest. Und wenn es gar nicht anders geht: einfach zweimal lesen!

 5ratten

Viele Grüße
Breña
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Mandel

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Antw:Lloyd Jones - Mister Pip
« Antwort #3 am: 11. September 2009, 20:44:39 »

Von Breña empfohlen, werde ich mir dieses Buch auch genehmigen. Von der Story und dem Hintergrund her, müsste es genau in die Sparte Buch "Besonders Wertvoll" in meinem Bücherregal passen. Ich bin gespannt. *Wunschliste hinzugefügt* ;)
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MfG Mandel :-)
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Breña

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Antw:Lloyd Jones - Mister Pip
« Antwort #4 am: 11. September 2009, 21:09:07 »

Fein, ich bin gespannt auf deinen Eindruck!
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Mandel

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Lloyd Jones - Mister Pip
« Antwort #5 am: 12. März 2010, 21:07:19 »



Auf Bougainville, einer   tropischen Insel im Südpazifik in der Nähe von Neuseeland, herrscht   Bürgerkrieg. Die Bewohner fürchten um ihr Hab und Gut. Sie verlieren   nicht nur liebe Menschen, sondern alles was sie haben. Die einzige   Hoffnung für das kleine Mädchen Matilda ist Mister Pip - eine Romanfigur   von Charles Dickens. Während dieser schweren Zeit wird er ihr bester   Freund. Gemeinsam mit ihrem Lehrer erschaffen sich Matilda und ihre   Schulkameraden eine bessere Welt ohne Krieg, Trauer und Verlust. Auch   außerhalb des Unterrichts wird Pip Matildas stetiger Begleiter. Ein   Begleiter, der ihr nicht genommen werden kann.
 
"Mister Pip"
ist ein Buch, dass eine herzzerreißende Geschichte   erzählt, die für uns kaum vorstellbar ist. Sie erzählt Leid und Schmerz,   aber auch von den Freuden, die man während schwerer Zeiten erleben   kann. Als erwachsene Frau erzählt Matilda aus ihrem Leben als Kind auf   einer Insel, welche vom Bürgerkrieg regelrecht zerstört wird. Ein   tropisches Paradies verwandelt sich in ein Schreckensszenario ohne Ruhe   und Sicherheit. Gemeinsam mit ihrer Mutter durchlebt sie die wohl   schlimmsten Monate ihres Lebens.

Hoffnung schöpft die kleine Matilda einzig aus einem Buch. „Große   Erwartungen“ von Charles Dickens zeigt ihr und ihren Freunden   eine Welt auf, in die sie flüchten können. In Gedanken reist Matilda   jeden Tag zusammen mit Pip in das England der Kolonialzeit. Doch obwohl   ihr Freund ihr so viel Kummer nimmt, bringt er ihr umso mehr Ärger.   Dennoch ist er bis zuletzt für sie ein Rückzugspunkt, der ihr hilft   stets neuen Mut zu fassen.

Dieses Buch von Lloyd James erzählt nicht nur eine bloße Geschichte,   sondern bringt sehr viel mit sich. Es zeigt auf, wie Bücher und vor   allen Dingen Geschichten den Menschen ihre Sorgen nehmen, wie sie sich   in eine bessere Welt denken und somit dem Alltag entfliehen können. Es   ist eine Erzählung von der Liebe zu Geschichten.

Sowohl kraftvoll, atemberaubend, als auch mit viel Ruhe, vermittelt der   Roman dem Leser ein Bild, welches lebendig, bunt, aber auch erschreckend   ist. Obwohl Bougainville im Ausnahmezustand ist, wird nicht nur die   Brutalität des Krieges pointiert, sondern vielmehr das Leben mit dem   Krieg. Es zeigt auf welche Ängste Menschen durchleben, aber vor allen   Dingen, wie sie lernen damit zu Recht zu kommen, auch wenn sie sich in   ihre eigene Fantasy oder in ihre Religion flüchten.

Lloys Jones hat mit „Mister Pip“ einen sehr atmosphärischen Roman   erschaffen, der sehr lebensecht herüber kommt. Dies mag vor allen   Dingen daran liegen, dass der 1955 nahe Wellington geborene   Schriftsteller, bei dem Bürgerkrieg in den 1990er Jahren als Journalist   vor Ort war. 

Fazit: Sehr beeindruckend, vielseitig und hintergründig. Auch   nach der Lektüre, wird man noch oft an Matilda und ihren Mister Pip   zurückblicken.

Bewertung:
 5ratten

PS: Danke Breña für deine Tipp!

Ich habe Deinen Beitrag an den bestehenden Thread angehängt. LG, Aldawen
« Letzte Änderung: 12. März 2010, 21:17:34 von Aldawen »
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Aldawen

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Re: [Neuseeland] Lloyd Jones - Mister Pip
« Antwort #6 am: 02. Mai 2010, 08:57:18 »

Vor allem Breñas Kommentar habe ich kaum etwas hinzuzufügen. Was Jones wirklich sehr gut gelungen ist, ist der schleichende Übergang von einer Kindheitsidylle in den Terror des Guerilla- bzw. Bürgerkrieges. Daß eine Blockade verhängt wird, und die „Weißen“ bis auf Mr Watts das Dorf verlassen, ist für die Menschen zunächst gar kein Problem. Land und Meer stellen die Versorgung sicher, und als Mr Watts auch noch den Schulunterricht übernimmt, scheint alles im Lot. Aber dauerhaft kann sich auch dieses Dorf nicht den Einflüssen des Krieges entziehen, sowohl Regierungstruppen als auch Rebellen statten immer wieder Besuche ab, und je länger der Krieg dauert, desto brutaler wird er geführt. Die Entmenschlichung scheint dabei auf Seiten der Regierungstruppen sogar weiter fortzuschreiten als bei der Gegenseite. Zu all dem bildet Dickens' Große Erwartungen einen drastischen Kontrast, weit über die offensichtlichen Unterschiede zwischen einer tropischen Insel und dem Londen des 19. Jahrhunderts hinaus, und daß gerade die Begeisterung der Kinder und hier besonders Matildas für Pip dem Dorf letztlich zum größten Verhängnis wird, ist eine bittere Ironie.

Trotz des recht schmalen Umfangs gelingt es Jones, seine Figuren recht lebendig zu gestalten, und das gilt nicht nur für die Erzählerin Matilda, ihre Mutter und Mr Watts, die eine herausgehobene Position einnehmen, sondern auch für eine ganze Reihe von Nebenfiguren, einschließlich Watts' Frau Grace, die während des ganzen Romans selbst kein einziges Wort äußert. All dies ist wirklich gut gemacht und läßt mich neugierig auf weitere Werke des Autors zurück. An der Höchstwertung schrammt er aber knapp vorbei, und dafür gibt es im wesentlichen zwei Gründe.

Zum ersten war die idyllische Einleitungsphase ein kleines bißchen zu lang geraten, ich hatte mich irgendwann schon zu fragen begonnen, wann denn wohl endlich etwas Einschneidendes passieren wird. Angesichts des Gesamtaufbaus geht das aber rückblickend so gerade noch in Ordnung. Zum anderen war ich mit dem Schlußteil stellenweise nicht besonders glücklich. So verständlich Matildas weitere Spurensuche im Hinblick auf Dickens' einerseits und auf Mr Watts andererseits ist, so wirkte die ein oder andere Szene daran für mich doch eher wie ein Fremdkörper in der Gesamterzählung. Es war nur gut, daß etliche Fragen zu Mr Watts letztlich doch offen bleiben, sonst wäre es doch recht unglaubwürdig geworden. Aber insgesamt war es doch ein recht beeindruckendes Buch, bei dem ich die Preisverleihungen und Nominierungen endlich einmal nachvollziehen kann.

 4ratten + :marypipeshalbeprivatmaus:

Schönen Gruß,
Aldawen
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Kinywa ni jumba la maneno.
Der Mund ist der Palast der Worte. – Sprichwort aus Ostafrika