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Autor Thema: Alina Bronsky - Scherbenpark  (Gelesen 565 mal)

Desdemona

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Alina Bronsky - Scherbenpark
« am: 25. Oktober 2008, 13:22:45 »



Über den Autor:

Alina Bronsky kam 1978 in der russischen Industriestadt Jekaterinburg zur Welt. Sie ist Tochter eines Physikers und einer Astronomin. Sie wuchs auf der asiatischen Seite des Ural-Gebirges sowie in Marburg und Darmstadt auf. Nach Abbruch ihres Medizinstudiums arbeitete sie als Werbetexterin und Zeitungsredakteurin. Sie lebt in Frankfurt. "Scherbenpark" ist ihr erster Roman.

Weitere Informationen:
Eintrag bei perlentaucher.de - mit Leseprobe
Kurzporträt und Interview bei Kiepenheuer & Witsch
Hompage zu "Scherbenpark"


Klappentext:

In diesem sehr heißen Sommer ist Sascha siebzehn, und sie hat nur zwei Träume: Sie will ihrer Mutter ein Buch schreiben, und sie will Vadim töten. Was es mit Vadim auf sich hat, warum Sascha ohne Mutter, aber mit ihrer Großtante lebt, wie die Familie durch ein Verbrechen erschüttert, und berühmt wurde und was es bedeutet in einem Dreiecksverhältnis mit einem Journalisten und seinem sechszehnjährigen Sohn zu geraten - all das erzählt sie mit Herz, Witz und einer Energie, die mitreißt.


Eigene Meinung:

"Fürchte diejenigen, die sich schwach fühlen. [...] Denn es kann sein, dass sie sich eines Tages stark fühlen wollen und du dich nie wieder davon erholen wirst."

Sascha ist 17; die Mutter tot, erschossen vom eigenen Stiefvater. Sie lebt zusammen mit der devoten Großtante Maria, ebenso aus Russland, aus Nowosibirsk, die Deutschkenntnisse ihrerseits mangelhaft, isoliert lebend, ohne viele Perspektiven, einzig für die Kinder, für Sascha, Alissa und Anton lebt sie. Sascha dagegen besucht ein katholisches Gymnasium, hat sehr gute Zeugnisse, spricht fließend Deutsch und hat die besten Chancen, beste Perspektiven auf ein Studium oder eine Ausbildung. Dennoch hat sie nur zwei Ziele: Ihrer Mutter ein Buch zu schreiben und Vadim zu töten. Vadim, der Prügelnde, der schlechte Ehemann, schlechte Vater, Mörder ihrer Mutter und dessen neuen Lebensgefährten. Ihr Leben hat er zerstört, nehmen will sie ihm seines. Minutiös geht sie die möglichen Tötungsmethoden durch: Vergiften? Erschlagen? Erstechen? Es bleibt alles ein reines Gedankenspiel, ein Ausleben von Trauer und Hass; Vergebung oder Verzeihung sind für sie keine in Frage kommenden Alternativen.
Geradezu schnoddrig ist der Ton in "Scherbenpark", geradezu gewaltgeladen und trotz der doch sehr heiklen und dramatischen Situation, in der die Protagonistin lebt, sarkastisch, beinahe zynisch. Direkt, ohne viel Umschweife, schmissig und altklug reagiert das Mädchen auf seine Umwelt. Die Traurigkeit, die Melancholie sind ein ständiger, aber nicht offenkundig immer genannter Faktor in Saschas Leben. Sie sucht sich ihren Platz in der Welt, in einer Welt der Plattenbausiedlung Solitär, in der gebrochene Existenzen, Russlanddeutsche, die auch nach zehn Jahren weder Deutsch noch mehr ihre Muttersprache Russisch sprechen können, leben. Arbeitslos, ohne viele Perspektiven oder Jobchancen, sind Alkoholismus, Drogen, Missbrauch und Misshandlung ständige Erscheinungen in der Siedlung am Rande von Frankfurt. Und doch bleibt dies nur der Rahmen. Alina Bronsky beschreibt hier weniger eine Milieustudie, als vielmehr die Entwicklung einer Jugendlichen zur jungen Frau, die selbstbewusst und verantwortungsvoll Entscheidungen zu treffen versucht, allein, ohne fremde Hilfe, ohne familiären Beistand.

Der Roman erscheint witzig, geradezu humorvoll. Die Sprache bleibt, trotz oder sogar wahrscheinlich aufgrund des Milieus in dem Alexandra lebt, direkt, klar, ohne Verschönerungen oder Schnörkel. Im jugendlichen Jargon lässt sie den Leser als stillen Beobachter, nicht zuletzt als Teilhaber, ihre Verbrechen, Taten und Gedanken miterleben. "16-Mal sei das Wort "ich" auf einer Seite vorhanden", beschwert sich David Hugendick in einer ZEIT-Rezension (Link) und man wünscht sich bei Zeiten nicht hinschauen zu müssen, einmal Distanz wahren zu können, die Protagonisten einmal von außen, nicht nur von ihnen betrachten zu können bzw. vielleicht sogar eine andere Perspektive kennen zu lernen, einen anderen Blick nicht nur auf das Geschehen sondern auch auf Sascha selbst.
Und doch bleibt einem die Figur der Sascha immer sympathisch, immer verständlich in ihren Arten zu handeln und mit ihrer Umwelt zu agieren; sie ist direkt, intelligent, sehr offen und freundlich, aber auch altklug und in gewissen Punkten sehr grausam. Eine Figur mit Ecken und Kanten bleibt Sascha immer und es gelingt der Autorin so, dass die Figur nicht ein Konstrukt bleibt, sondern der Leser sie, ohne großartige Beschreibungen ihrerseits über ihr Äußeres zu erhalten, sehr gut imaginieren und vorstellen kann.

Die Frage, die beim Lesen immer wieder redundant auftaucht, ist, welches Genre dieser Roman angehören will. Als Milieustudie bedient er sich vieler Klischees, ohne wirklich viele Perspektiven zu offenbaren wirkt das Bild zu allgemein, zu Schwarz-Weiß; Alina Bronsky durchkreuzt, durchmischt die Klischees einer gewaltbereiten, alkoholkranken, arbeitslosen russischen Gemeinde mit einer zur Pazifismus und Unterwürfigkeit neigenden, deutschen Gesellschaft, bricht diese immer wieder auf - Dies wirkt sehr bemüht, sehr mechanisch, ohne viele Details oder Emotionen. Menschliche Schicksale werden nur selten ins Blickfeld des Lesers geführt, und wenn geschieht dies immer durch das negative Auffallen dieser Persönlichkeiten.
Als Liebesroman, also Sascha im Dreiecksverhältnis zu Volker und Felix, ist dieses Debut auch nicht gut kategorisiert worden, schließlich hat die Protagonistin eine gewisse Affinität sich stark über Sex zu definieren, in diesem Themenbereich, bzw. wenig bis gar nicht emotional zu reagieren. Mag dies auch Maske sein, so wirkt sie eher berechnend, unterkühlt, emotionslos, ohne viel Zeit verbrauchen zu wollen für einen schönen Moment. Aber vielleicht ist gerade diese Emotionslosigkeit auch nur ein Produkt dessen, dass sie, bei der Beobachtung der Ehe ihrer Mutter, eine zu naive, zu liebevolle Einstellung gegenüber dem Mann dazu führt, schluss endlich verraten und verletzt zu werden.
Also doch ein Entwicklungsroman, meiner Ansicht nach. Sascha entdeckt ein Leben außerhalb des "Solitärs", außerhalb ihres Horizonts, welcher durch einen rauen Alltag geprägt ist. Dabei lernt sie nicht nur die Liebe kenne, auch welche Schwierigkeiten ein Leben mit sich bringen kann, welche Kraft notwendig ist seinen eigenen Weg zu finden und diesen auch zu leben.

Die Geschichte dessen, dass Alina Bronsky das Manuskript unaufgefordert eingeschickt und beim Verlag Kiepenheuer & Witsch sofort einen Vertrag erhalten hat, mag eine stark übertrieben Darstellung der Ereignisse sein (Aussagen dazu im Buchmesse-Podcast des Literaturcafes) und doch erscheint es bei diesem wirklich starken Debut nicht unwahrscheinlich. Die Sprache bleibt klar, immer direkt, immer auf einem gewissen, sehr jugendlichem Niveau, was das Buch und somit auch die Hauptfigur sehr sympathisch machen.
Mag auch die Liebesgeschichte für einige Leser daneben, unpassend und am Ende konstruiert erscheinen, so ist sie doch eine lebendig beschriebene Station auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Dennoch, zugegebenermaßen, sind Szenen der Zärtlichkeit sehr harsch, sehr rau, sehr distanziert beschrieben, geradezu emotionslos und unbeteiligt wirkt Sascha, nicht nur beim Akt selbst, sondern auch dann wenn es um die Beschreibung ihrer Gefühle geht.

Trotzdem, ein gelungenes, interessantes Debut von einer Autorin, von der ich hoffe mehr zu hören.


Bewertung:

 4ratten
« Letzte Änderung: 25. Oktober 2008, 13:30:00 von Desdemona »
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Fridaa

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Re: Alina Bronsky - Scherbenpark
« Antwort #1 am: 26. März 2009, 14:59:47 »

Ich habe Scherbenpark vor einem Monat gelesen, weil ich in meiner Arbeit (Arbeitskreis für Jugendliteratur) darauf aufmerksam wurde. Davor hatte ich noch nichts von dieser Autorin gehört gehabt. Ich muss sagen, das Buch hat mir sehr gut gefallen.
Diese Heldin, die so tough und doch auch verletzlich ist und, obwohl sie oft etwas Harsches an sich hat doch zu bedingungsloser Liebe (zu ihren Geschwistern) und wirklichen Gefühlsausbrüchen fähig ist.
Auch die Beziehungskiste mit ihr, Volker und Felix finde ich sehr interessant. Insbesondere ihr Verhältnis zu Volker ist ja sehr provokativ. Also ich muss sagen ich habe mich dadurch wirklich provoziert gefühlt und mir viele Fragen gestellt. Ist er schuldig? Sollte sie ihn nicht verurteilen?
Sehr packend ist an dem Buch auch die Darstellung von Gewalt, die das Buch durchzieht wie ein roter Faden.
Ich muss auch sagen, dass mich das Cover angesprochen hat.
Das Buch wurde in der Sparte Jugendbuch für den deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Ich frage mich jedoch, ob es eher ein Jugendbuch oder ein Erwachsenenbuch ist und tendiere es in die Kategorie "für junge Erwachsene" zu stecken.

Ich gebe dem Buch ebenfalls  4ratten
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illy

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Antw:Alina Bronsky - Scherbenpark
« Antwort #2 am: 30. August 2009, 08:42:52 »

Um Bücher, die das harte Leben deutscher Ghettokinder aus pseudobiographischre Perspektive beschreiben, würde ich normalerweise einen ganz großen Bogen machen, aber der Klappentext versprach eine direkte und vor allem nicht mitleidheischende Herangehensweise und so ist „scherbenpark“ in mein Regal gewandert.

Die 17jährige Sascha wird im „Solitär“ dem Hochhausblock voller russischer Einwanderer schief angesehen, hauptsächlich wegen der Tragödie, durch die sie ihre Mutter verloren hat. Aber auch vorher schon war sie eher eine Außenseiterin, die eine gute Schulbildung erhielt und nicht zwischen Wodka und Kleinkriminalität in Perspektivlosigkeit versank. Als sie eine Beziehung zu einem Journalisten und seinem 16jährigen Sohn eingeht, ergeben sich so einige Veränderungen in ihrem Leben.

Das Buch hat mich von Anfang an gefangen genommen. Die Erzählerin Sascha ist hart und direkt, ihre Gefühle hat sie tief in sich begraben und so dauert es auch als Leser ein wenig, bis man glaubt sie zu kenne. Nachvollziehbar sind ihre Entscheidungen trotzdem nicht immer, dazu ist die eigenen Erfahrungswelt zu weit von der Saschas entfernt. „scherbenpark“ ist ein Buch das einen mitnimmt, man schwankt zwischen Bewunderung für die Stärke, die Sascha zeigt und Mitleid. Man möchte sie umarmen und ihr helfen ihre Verantwortung für die eigentlich zu großen Aufgaben, die sie auf sich genommen hat, abzugeben. Der traumatisierte kleine Bruder, die unglückliche, im fremden Land überforderte Pflegemutter und das unterschwellige Gefühl, mit einem anderen Verhalten vielleicht den Tod der Mutter hätte verhindern zu können, sind verständlicherweise zu viel für eine 17jährige, die dann in der Begegnung mit dem Journalisten Normalität sucht.

Die Autorin nutzt, wenn man es genau bedenkt, so einige Klischees, macht es aber geschickt genug, dass es nicht auf den ersten Blick auffällt, sondern erst merkt, wenn man darüber nachdenkt, dass so einiges zu plakativ ist. Die Sprache ist direkt und ausdrucksstark und in ihrem Stil dem jugendlichen Alter der Ich-Erzählerin angemessen.

Insgesamt hat mir das Buch gut gefallen, für ein Debüt war es ziemlich gelungen, ich hoffe es gelingt der Autorin über dieses biographisch angehauchte Thema hinauszuwachsen und weitere, anders gelagerte Bücher zu schreiben – deren Lektüre könnte sich durchaus lohnen.

4ratten
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Ein Buch, das man liebt, darf man nicht leihen, sondern muss es besitzen.  (Friedrich Nietzsche)