Die Schlafwandler ist wieder so ein Buch, nach dem ich Zeit verstreichen lassen musste, bevor ich eine Rezension schreibe. Es wirkt alles noch immer nach; die Stimmungen, die Atmosphäre, der subtile Horror durch die seltsamen Vorkommnisse nach der Veröffentlichung des "Rabenwelt"-Comics.
Als ich von dem Buch erfuhr, wurde ich direkt neugierig, aber ich hatte mir den Roman erst Anfang des Jahres gegönnt. Ich wusste nicht genau, worauf ich mich einlasse, ich war nur von den einzelnen Meinungen angetan und dachte, "Dass musst du auch lesen!"
Und als ich anfing, konnte ich so gut wie nicht mehr aufhören. Zuerst fiel mir die Gestaltung der Charaktere positiv auf - Onkel Flossie und Lina, zwei Einzelgänger, die einander gut verstehen und sehr mögen. Linas Eltern sind krass dargestellt. So krass, dass es schon grotesk wirkt. Sie sind gefühlskalte Roboter, die ich sofort hassen gelernt habe. Ferdinand ist ebenfalls ein Einzelgänger, der sehr verschlossen und zurückhaltend ist.
Lossaus Schreibstil war der zweite Aspekt, der mich fast atemlos weiterlesen ließ. Eine derartige Wortwahl habe ich bisher noch nicht genießen dürfen. Seine Sätze sind so konstruiert und mit den passenden Wörtern geschmückt, dass die Gefühle und Stimmungen sehr greifbar werden.
Zuletzt interessierte mich das Thema des Romans. Obwohl es genügend Literatur gibt, die sich um das Naziregime und die Zeit danach dreht, klingt es hier nicht abgedroschen oder zum x-ten Male durchgekaut. Im Gegenteil, hier habe ich sogar etwas neues aus der Vergangenheit erfahren, von dem ich bisher noch nichts gehört hatte. Die Grausamkeiten der KZ-Zeiten werden hier zwar nicht in den Vordergrund gestellt, aber unter den Tisch fallen sie ganz und gar nicht.
Durch ihren Comic haben Lina und Ferdinand etwas losgetreten, was ein paar Personen mehr als sauer aufstößt, und so geraten sie in einen Strudel voller Angst, Panik und Terror, den Lossau wahnsinnig gut beschreibt. Wenn ich abends beim Kaminfeuer las, konnte mich nichts mehr aus der Alzeyer Welt hervorholen. Ich war gebannt bis zum letzten, und mein Herz klopfte vor Spannung und Erwartung dessen, was hinter der nächsten Ecke - bzw. dem nächsten Kapitel - lauerte. Ich hätte am liebsten noch beim Essen weitergelesen, aber das verstößt gegen meine Prinzipien.

Einzig das Ende ist mir irgendwie eine Prise zu amerikanisch. Ich kann es nicht genau beschreiben, aber der "Showdown" war mir etwas zu actionlastig.
Doch es reicht nicht für den winzigsten Punktabzug, das Buch hallt in mir noch lange nach. Es ist eines der ganz, ganz wenigen, welches ich direkt noch einmal lesen könnte. Das Abtauchen war stets eine warme Wonne, trotz des ernsten und bedrückenden Themas, das Auftauchen geschah immer widerwillig und nie ganz.

&

P.S.:
Holden, ich glaube, Du meinst Ferdinand. In dem Buch kommt kein Friedrich vor.
