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Autor Thema: Heinrich Böll - Der Zug war pünktlich  (Gelesen 790 mal)

foenig

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Heinrich Böll - Der Zug war pünktlich
« am: 09. Oktober 2008, 07:54:26 »

Heinrich Böll - Der Zug war pünktlich (Erzählung)



Kurzbeschreibung:
Die erste Buchveröffentlichung Heinrich Bölls - eine erbitterte Anklage gegen den Krieg

»Ich will nicht sterben, aber das Schreckliche ist, daß ich sterben werde ... bald!« Mit dieser Gewißheit steigt der junge Soldat auf dem Bahnhof einer Stadt im Ruhrgebiet in den Fronturlauberzug, der ihn an die Ostfront zurückbringen soll. Es wird eine trostlose Fahrt. Männer, die der Zufall zusammengewürfelt hat, spielen Skat, teilen miteinander Brot und Wurst und versuchen ihre Angst mit Schnaps zu betäuben. Andreas erinnert sich an seinen Freund, an eine Frau, in deren Augen er nur für Bruchteile einer Sekunde blicken konnte, er denkt an seine früheren Verwundungen, und er haßt alle, die den Krieg als eine Selbstverständlichkeit empfinden. In Lemberg hält der Zug. Hier begegnet Andreas einer Spionin, die als Prostituierte Nachrichten für den polnischen Widerstand sammelt ...

Heinrich Böll hat diese Geschichte vom sinnlosen Sterben mit überzeugendem Realismus zu einer erbitterten Anklage gegen den Krieg verdichtet.


Meine Meinung:

Mit ca. 140 Seiten handelt es sich um ein recht schnell gelesenes Buch, das aber dafür umso länger in Erinnerung bleibt. Ich habe versucht mir Ruhe und Zeit für dieses Buch zu nehmen, da es sehr bewegend geschrieben wurde.
Die Handlung erhält ihre Spannung nicht über irgendwelche Geschehnisse, sondern über Rückblicke und Gedanken, die sich Andreas bei seiner Zugfahrt macht. Zunächst weiss man über Andreas nichts außer dass er bald sterben wird. Im Laufe der Erzählung erzählt Andreas aber immer wieder Ausschnitte aus seinem Leben.
Am meisten fasziniert hat mich die Tatsache, dass er genau weiss, wo und wann er sterben wird. Zuerst kann er seinen Zeitpunkt des Sterbens nur ungefähr mit einem "Bald" definieren. Je näher dieser Zeitpunkt kommt, desto konkreter wird aber sein Wissen über den genauen Zeitpunkt und Ort. Obwohl Andreas dies nur über seine Gefühle weiss, kamen mir beim Lesen nie Zweifel, dass es nicht stimmen könnte, da es mit so einer Sicherheit von Andreas erzählt wird.
Die "Wandlung" von Olina (der polnischen Spionin) hat mich ein bißchen verwundert. Ich konnte nicht ganz nachvollziehen, warum sie sich so verhält. Aber so ist ein Funken Hoffnung entstanden, dass Andreas seinen Sterbezeitpunkt vielleicht doch falsch vermutet...

Mein Fazit:
Ein leicht zu lesendes Buch, was aber einen langanhaltenden Nachgeschmack hinterlässt.
 5ratten
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Miramis

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Re: Heinrich Böll - Der Zug war pünktlich
« Antwort #1 am: 18. Mai 2011, 13:11:47 »

Meine Meinung:

Ich hab mir für die Lektüre dieser Erzählung aus der deutschen Nachkriegsliteratur viel Zeit gelassen - denn Zeit zum Nachdenken braucht man sicherlich bei diesem Stoff. Der Soldat Andreas ist unterwegs an die Ostfront. Er hat einen Heimaturlaub hinter sich und kehrt jetzt zurück in das Grauen des Krieges, überzeugt davon, dass er in Kürze sterben wird. Dabei verdichtet sich seine Vision immer mehr, von einem "bald werde ich sterben" zu einer konkreten Vorstellung von Zeit und Ort seines Todes.

Im Angesicht des bevorstehenden Endes seine Lebens breitet Andreas seine ganz Gefühlswelt vor dem Leser aus; ob es um Erlebnisse aus seiner Kindheit geht, um die Frau, in deren Augenpaar er sich verliebt hat oder um seine Bekanntschaft mit einem Kaplan, bei dem er das Gewehr vergessen hat, sämtlich Aspekte des Lebens finden Berücksichtigung und werden gestreift. Seine Mitfahrer, mit denen er gemeinsam Karten spielt und Vorräte teilt, haben ihre eigene Geschichte im Gepäck und lassen ihn daran teilhaben. Schliesslich landet Andreas bei einem Aufenthalt in Lemberg gemeinsam mit seinen Reisegefährten in einem Bordell, wo er die polnische Prostituierte Olga kennen lernt und sich in sie verliebt - doch kann diese Liebe ansgesichts der Umstände eine Zukunft haben?

Böll lässt am Ende einiges offen, aber so ganz aus der Luft gegriffen sind die Todesahnungen seines Protagonisten nicht. Wäre Andreas wohl ein erfolgreicher Pianist geworden, wenn der Krieg nicht dazwischen gekommen wäre? Viele Menschen, die die damalige Zeit miterlebten, fragen sich noch heute, was denn ohne Krieg wohl aus ihnen hätte werden können. Mich hat die Erzählung sehr beeindruckt, da sie die Auswegslosigkeit der damaligen Kriegsbetroffenen eindringlich darstellt und ihr Seelennöte thematisiert. Es geht um die großen Lebensfragen, um Liebe, Religion, Zukunft, Tod.

Mein Fazit: ein Buch, das aufrüttelt und bewegt, eine nachhaltige Lektüre und eine Empfehlung für alle, die sich mit dem Thema auseinandersetzen wollen. Interessant ist auch der wikipedia-Artikel zum Buch, der macht vor allem deutlich, dass in der Erzählung sehr viel mehr Symbolik und Gesellschaftskritik enthalten ist, als ich beim Lesen wahrgenommen habe. Offensichtlich gibt es dazu noch einiges an Interpretationen und Sekundärliteratur für solche Leser, die noch tiefer einsteigen wollen. Mit dem Schreibstil bin ich recht gut zurecht gekommen; noch besser hätte es mir gefallen, wenn Böll nicht soviel .... Punkte verwendet hätte, sondern seine Sätze mit einem ordentlichen Satzzeichen beendet hätte. Das war mir etwas zuviel des Guten... deswegen fehlt auch die fünfte Ratte.

 4ratten
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:lesen: Kai Meyer - Die Gebannte

Valentine

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Re: Heinrich Böll - Der Zug war pünktlich
« Antwort #2 am: 18. Mai 2011, 13:53:49 »

Das klingt eindrucksvoll und bewegend, vielen Dank für die Rezi.
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The best piety is to enjoy--when you can. You are doing the most then to save the earth's character as an agreeable planet. And enjoyment radiates. It is of no use to try and take care of all the world; that is being taken care of when you feel delight--in art or in anything else. Would you turn all the youth of the world into a tragic chorus, wailing and moralising over misery?
George Eliot: Middlemarch