Okay, ich muss meine Meinung aus dem Post vorher revidieren. Zwar habe ich ziemlich lange gebraucht, bis ich mich eingelesen hatte, aber dann hat das Buch mich wirklich gefesselt. Mit Hilfe der Leserunde hier im Forum und der sehr nützlichen Zeittafel am Ende des Buches konnte ich richtig in die Geschichte eintauchen und habe sehr interessiert Josephs Erzählungen "gelauscht".
Obwohl Joseph der Erzähler ist, erfährt man über ihn selbst eigentlich nur wenig. Als Mischlingskind wächst er zusammen mit seinem älteren Bruder Jonah und seiner jüngeren Schwester Ruth in der Gebrogenheit seiner Familie auf. Die Eltern, ein weißer, jüdischer Deutscher und eine schwarze Sängerin, eröffnen ihren Kindern von klein auf die Welt der Musik. Und mit dieser Musik muss man sich als Leser auf jeden Fall auseinandersetzen. Ich glaube, es ist schwierig, dieses Buch zu mögen, wenn man keinerlei Verständnis für Musik hat. Powers geht immer wieder detailliert auf den Zauber von Musik allgemein, von Jonahs Stimme oder von bestimmten Kompositionen ein. Musik ist einfach allgegenwärtig und man muss sich auf dieses "stumme Klangexperiment" einlassen können. Ich persönlich fand diese Beschreibungen größten Teils toll, allerdings haben sie mich zum Schluss hin (bis auf das Kinderkonzert) dann doch etwas genervt.
Richard Powers vermag es gekonnt, das Musikthema mit den Rassenkonflikten in den USA zu verknüpfen. Irgendwo (ich glaube, auf Amazon) hat jemand die Meinung vertreten, dass dieses Thema total verschenkt wurde. Ich bin da ganz andere Meinung. Abgesehen davon, dass viele wichtige Ereignisse auf dem langen Weg zur Gleichberechtigung wirklich intensiv miteinbezogen werden (z.B. das Konzert von Marian Anderson, der Fall Emmett Till, Martin Luther King, ...) ist die Frage nach der Identität allgegenwärtig. Als Mischlingskinder gehören Jonah, Joseph und Ruth weder zu den Weißen noch zu den Schwarzen. Jedes der drei Kinder geht mit diesem Identitätsproblem anders um und es ist faszinierend, sie auf ihrem Weg zu begleiten.
Auch die Physik bzw. die Zeit spielt eine Rolle. Leider muss ich sagen, dass ich davon sehr wenig bis gar keine Ahnung habe und die Erklärungen von Josephs Vater meistens eher überflogen habe.
Das Buch hat seine Schwächen und Stärken. Der Einstieg fiel mir wirklich schwer und zum Schluss hin fand ich die Geschichte etwas zäh, den
hätte ich nicht unbedingt noch gebraucht. Auch gingen mir irgendwann die ganzen ausführlichen Musikbeschreibungen auf den Wecker. Aber die Lebensgeschichte der drei Geschwister und deren Eltern fand ich spannend, die Figurenkonstellationen und die Charaktere gelungen. Dieses Buch hat mit außerdem die Rassenkonflikte in den USA näher gebracht, eigentlich hatte ich gedacht, dass das alles schon viel länger her ist.
Insgesamt bin ich von einigen Aspekten ziemlich fasziniert, Ausgrenzung und Identitätssuche ziehen sich durch das komplette Buch und ergeben so einen roten Faden. Allerdings hatte die Geschichte auch einige Längen und ich würde es nicht nochmal lesen wollen. Deswegen von mir

+
Meine Empfehlung zum Schluss: Wer die Möglichkeit bzw. die Lust dazu hat, sollte dieses Buch mit anderen zusammen lesen. Es hinterlässt so viele Eindrücke und es gibt so viele Details, die man in einer abschließenden Rezi gar nicht alle ansprechen kann bzw. bis zum Schluss vielleicht wieder vergessen hat. Ein regelmäßiger Austausch lohnt sich hier auf jeden Fall.
