Der Darstellung, Einschätzung und Bewertung von Breña kann ich mir nur anschließen. Eine gut geschriebene und gut übersetzte Geschichte, über die man länger nachdenken kann. Ich habe sie in dem Fischertaschenbuch "
Japan erzählt" von 1990 gelesen, übersetzt von Margarete Donath und Itsuko Gelbrich, knappe 37 Seiten lang. Ist das 78-seitige Buch jetzt nur eine neue Ausgabe oder eine Neuübersetzung?
Die Studentin mit ihren Sorgen kann ich zwar ansatzweise verstehen, aber eine Schwangerschaft ist vermeidbar (auch schon 1958, dem Erscheinungsjahr der Erzählung), daher hält sich mein Mitleid in Grenzen.
Ohne überhaupt das geringste darüber zu wissen, wer die Studentin ist, wie sie zu dem Kind kam und was überhaupt los ist, stellt sich mir die Frage nach Mitleid höchstens aufgrund hineininterpretierter Umstände oder eigener Voreinstellungen. Ôe schreibt statt über diese Umstände vielmehr, dass die Studentin nach dem Tag mit den Toten ihre Meinung ändert:
"Jetzt bin ich fast soweit, daß ich das Kind zur Welt bringen möchte. Als ich nämlich die Leute in der Wanne sah, kam mir die Überzeugung, daß ein Kind, selbst wenn es zum Sterben bestimmt ist, erst einmal geboren werden und eine richtige Haut bekommen sollte. Sonst bleibt alles in der Schwebe."
Da ahnte der damals 23-jährige Ôe wahrscheinlich noch nicht, dass er sich 5 Jahre später, als sein behinderter Sohn geboren wurde, in ähnlicher Weise Fragen nach Leben und Tod stellen würde.
Der Professor, der den Studenten herunterputzt, weil er mit diesem Job Geld für sein Studium verdienen will, steht ja wohl auch neben der Realität. Oder warum sollte es verwerflicher sein, mit einer Umlagerung sein Geld zu verdienen als als Pathologe?
Ob das Geldverdienen der Grund dafür ist, dass der Professor ihn herunterputzt, oder ob mehr hinter den Vorwürfen des Professors "Genieren Sie sich nicht, solche Arbeiten zu tun? Hat eure Generation denn gar keinen Stolz?", steckt, sei mal dahingestellt. Komisch finde ich auch, dass ausgerechnet ein Mediziner das sagt, der möglicherweise früher selber diesen Job gemacht hat. Aber vielleicht ist das Aufbrausen des Professors nur ein - vom Plot her nicht unbedingt ganz schlüssiger - Anlass für Ôe, um über die Schwierigkeiten eines 23-Jährigen mit dem Erwachsenwerden schreiben zu können:
Der Professor zog das Gesicht in Falten und lachte schallend und kindisch: "Ein Student, der über Racine schreibt, als Leichenträger!"
Ich preßte die Lippen zusammen und schwieg.
"Wozu machen Sie denn dann die Arbeit hier?" fragte der Professor und versuchte, ein ernstes Gesicht zu machen. Aber er war noch kurzatmig vom Lachen. "Eine solche Arbeit?"
"Wie bitte?" fragte ich erstaunt.
"Sie haben doch offenbar ein wissenschaftliches Interesse an den Leichen."
"Ich wollte Geld verdienen."
Wie ich vorausgesehen hatte, berührte ihn das zutiefst: es konnte nicht gutgehen. Er nahm einen harten Gesichtsausdruck an.
"Genieren Sie sich nicht, solche Arbeiten zu tun? Hat eure Generation denn gar keinen Stolz?"
Warum war es nur so schwer, mit einem Lebenden zu sprechen! Jeder Kontakt mit den Lebenden entwickelte sich in unvorhergesehener Richtung und erwies sich als sinnloses Unterfangen. Der Professor schien wie von einer schleimigen Schicht umhüllt zu sein, und diese zu durchdringen und seinen feisten Körper wirklich mit der Hand zu fassen, mußte ungeheuer schwer sein. Ich fühlte, wie Müdigkeit meinen ganzen Körper vollsaugte, und schwieg verwirrt.
"Nun, was ist?"
Ich hob die Augen und blickte dem Professor in das von Haß und Ärger erfüllte Gesicht. Hinter ihm stand der Verwalter und starrte mich mit unverhohlener Verachtung an. Da übermannte mich eine große Kraftlosigkeit. Dieses Knäuel von schwerwiegendem Mißverstehen war nicht zu entwirren. Einen lebendigen Menschen zum Partner zu haben ist wohl nicht zu bewältigen.
Selbst der Verwalter, den er vorher noch irgendwie bewundert hatte, starrt ihn mit Verachtung an:
Der Verwalter nahm die Stange, die er eben abgestellt hatte, wieder auf und wog sie in beiden Händen, während er nach der Wanne sah. Er wirkte selbstsicher und erfahren wie ein Techniker, mußte ich staunend zugeben. Anscheinend war er stolz auf seine Arbeit. Wir Menschen sind Geschöpfe, die auf die seltsamsten Dinge stolz sein können.
Das sind übrigens die beiden Stellen in der Erzählung, wo von "Stolz" die Rede ist - neben dem Titel. Darüber muss ich zwar noch nachdenken, aber volle Punktzahl verdient die Erzählung allemal ...