Mythen werden nicht dadurch Wahrheit, daß man sie ständig wiederholt

Neuere Forschungen zum transatlantischen Sklavenhandel (und „neuer“ meint hier: seit den 1960er Jahren!) haben quasi alle diese Punkte wiederlegt.
Vorweg nur so viel: Mit Sklaven liess sich gut Geld verdienen und die "Einkaufspreise" waren verhältnismässig niedrig und die Verkaufspreise zumindest nicht übermässig hoch.
Mythos Nummer 1. Die Europäer unterhielten an der afrikanischen Küste nur Stützpunkte, der Handel lief über einheimische Mittelmänner (staatlich oder frei, beides kam vor). Und diese Geschäftspartner wußten sehr genau, was sie an Waren haben wollten: indische Stoffe, Eisenprodukte, landwirtschaftliche und Haushaltsgeräte, Waffen, Alkoholika ... alles hochwertige Manufaktur- bzw. später Industrieerzeugnisse, die auch im Einkauf teuer waren. Die Briten haben im 18. Jahrhundert krampfhaft und erfolglos versucht, die afrikanischen Händler mit billigeren europäischen Tuchen statt der indischen zufriedenzustellen. Untersuchungen haben gezeigt, daß allein die Tauschgüter für den Sklaveneinkauf zwei Drittel der gesamten Schiffsausrüstungskosten ausmachten, und das obwohl zur Kontrolle der Sklaven eine größere Mannschaft als auf einem normalen Handelsschiff gebraucht wurde.
Die Profite lagen bei um die 10 %, was man mit anderen Investitionen gleichfalls erreichen konnte. Das resultiert neben den hohen Einkaufspreisen für die Tauschgüter und dem maximal möglichen Verkaufspreis der überlebenden Sklaven auch daraus, daß die Rückfahrt von Amerika nach Europa meist leer oder unter Ballast erfolgte, weil die Sklavenhändlerschiffe für den Transport der landwirtschaftlichen Massenerzeugnisse Amerikas viel zu klein waren. Anteilsscheine an Sklavenhandelsfahrten zeichneten überwiegend Leute, die reich genug waren, auch einen etwaigen Verlust verschmerzen zu können. Kleinanleger bevorzugten sicherere Investitionsobjekte.
Überhaupt funktionierte die ganze Sache nach dem Prinzip Masse statt Klasse - vor allem in Bezug auf afrikanische Sklaven. Ein einzelner Sklave hatte den Einkäufer wenig gekostet, insofern war es auch keine wirtschaftliche Tragödie, wenn er auf der Überfahrt nach Amerika an Unterernährung oder Krankheit starb.
Mythos Nummer 2. Die Mortalitätsraten auf den Sklavenschiffen waren hoch, wenn auch mit abnehmender Tendenz über das 18. Jahrhundert hinweg. Aber natürlich sind selbst Sterberaten von 5 % unter einer ausgewählten Gruppe von jungen, gesunden Männern keinesfalls normal. Tatsächlich aber war es für die Sklavenhändler nicht besonders attraktiv, ihre „Ware“ einfach sterben zu lassen. Denn angesichts der hohen Einstandskosten muß man davon ausgehen, daß der durchschnittliche Verlust von 10 bis 15 % unter den Sklaven den Gewinn um 20 bis 30 % reduzierte. So weit konnte auch ein Sklavenhändler rechnen, weshalb das sog. „tight-packing“, die Überbelegung, relativ schnell aus der Mode kam (abgesehen davon, daß sie auch verboten war).
Erstaunlich war die Erkenntnis, dass man nur männliche Sklaven kaufte bzw. zu kaufen bekam. Soviel Kurzsicht hätte ich da nun nicht vermutet. Der Nachschub war nicht gerade unproblematisch.
Das war aber eher ein Angebotsproblem auf afrikanischer Seite. In den überwiegend matrilinear organisierten westafrikanischen Gesellschaften genossen Frauen ein hohes Prestige, weil über sie nicht nur die Familie, sondern auch der Status definiert wurde. Und polygame Gesellschaften haben weniger Probleme mit einem Frauen- als einem Männerüberschuß. Es wurden also schlicht deshalb weniger Frauen in Amerika angelandet, weil viel weniger in Afrika angeboten wurden. Kinder waren als Fracht unattraktiv, weil sie weniger Ertrag brachten, aber praktisch das gleiche kosteten wie ein Erwachsener.
Dann die Frage, wie lange konnte so ein Sklave eingesetzt werden, sprich wann war er zu schwach zur Arbeit?
Es geisterte lange die Zahl von sieben Jahren als Durchschnitt herum, nachgewiesenermaßen ist diese Zahl zu niedrig. Ich habe aber auf die Schnelle keine konkrete andere gefunden.
Waren Sklaven dann ein alltäglicher Gebrauchsartikel?
Zu fast allen Zeiten und in fast allen Gesellschaften: Ja.
Schönen Gruß,
Aldawen