„Mein kleines Menschennest“
Und ich werde nie wieder in ihm leben, flüsterte Melanie.
So haben wir uns unsere Zukunft beide nicht vorgestellt, was? flüsterte ich zurück.
Nein. Keine von uns hat geplant keine Zukunft zu haben.
Dies ist nur eine der mitreißenden Episoden dieses Buches. Um es zu Anfang möglichst kurz und knapp auszudrücken, es handelt sich um eins der emotionalsten Bücher die ich bisher gelesen habe.
Rührend geschrieben, voll soviel Herzens-Wärme das mir an vielen Stellen einfach die Tränen aufsteigen wollten
Es ist nicht nur eine „fantastische“ Geschichte sondern auch ein hoch philosophisches Meisterwerk.
Die kleine Seele Wanda, ehemals Wanderer oder auch Lives in the Stars wird in den Körper von Melanie eingesetzt. Doch Melanie kämpft. Sie hängt zu sehr an ihrer Familie, dem kleine Jamie und ihrer großen Liebe Jared. Sie verschwindet nicht, sieht und hört was Wanda sieht und hört. Versucht mit ihr in Kontakt zu treten, sie zu beeinflussen.
Die beiden schienen sich immer ähnlicher zu werden.
Wanda und Melanie brauchen sich. Vermissen einander wenn es zu still ist.
Melanie teilt mit Wanda ihre Erinnerung um die zu retten die ihr am meisten bedeuten. Dabei spürt Wanda diese starke Bindung zwischen den Menschen. Gefühle die sie noch nie erlebt hat. Bei den Blumen oder Fledermäusen gab es solche Zwischenmenschlichen Empfindungen nicht. Überrumpelt und betört zugleich folgt sie ihrem Gewissen, Melanie, der Stimme in ihrem Hinterkopf. Zuerst ängstlich, doch nach und nach von ihrer eigenen Willenskraft geführt bahnt sie sich ihren Weg. Sie gewöhnt sich an Melanie, die eigentlich nicht da sein dürfte, und sie sich an die kleine Seele.
Sie werden aufgenommen. Unter Menschen gehen sie nahezu in einander auf. Als Versteckte unter Versteckten lernen sie zu leben und zu fühlen.
Doch was sehen diese Menschen? Sehen sie den Körper, das weibliche Abbild ihres Gleichen, oder die fremde Seele Wanda welche den Körper führt und für ihn spricht?
Durch die gemeinsamen Erlebnisse und das gegenseitige Miterleben und mitfühlen der Gedanken holen sie sich Rat bei dem jeweils anderen.
Wie können sie überleben, überzeugen, helfen und vor allem sich selber finden?
Sich, und nur sich entdecken, in einem Nest von Menschen, umringt von menschlichen Seelen.
So scheint fast Wanderer, als Fremde unter den Menschen deren Lebenslinien zu erkennen, zu beschreiben und nachzuvollziehen. Wonach leben wir eigentlich? Bevor sie erkennt das wir beherrscht werden von durchaus positiven Gefühlen wie Liebe, Freundschaft, Vertrauen und Hingabe, ist sie erschüttert von der Kälte mit der wir um uns schmeißen. Hass, Neid und Gewalt sind ebenso Phänomene die sie nicht kennt und nicht verstehen kann. Aber sind sie überhaupt zu verstehen?
Was steckt hinter Geborgenheit, Ruhe und der Zeit zu trauern? Trauern wie die Fledermäuse, das habe ich gelernt, von Wanda.
Sie verstehen einander, ohne große Worte obwohl sie doch so verschieden sind. Sie fangen an sich zu mögen, zu lieben wie Geschwister. So das nach einer Zeit Wanda nicht mehr ohne Melanie kann, sie verzweifelt sucht wenn sie sich zurückzieht und innerlich nach ihr ruft, sie zu kitzeln versucht. Doch Melanie kann nicht sie selber sein, ohne Köper, eingezwängt in ihren Hinterkopf. Aber auch Wanda kann Mel nicht ersetzen und für sie leben, weder in sich, noch nach außen. Was würden wir tun? Weiterleben, oder uns opfern um einen von uns geliebten Menschen sein Recht auf Existenz und Individualität wieder zu geben? Will Melanie dies überhaupt?
Die Macht des Buches kann man kaum beschreiben. Wie schon erwähnt, der Erzählstil ist mitreißend, emotional, rührend und einfach beeindruckend. Klare Gedankenslinien verschwimmen mit Gefühlen und inneren Zwiegesprächen.
Lachen und Heiterkeit wechselt ab mit Bestützung und Trauer. Was Wanda mit Melanie erlebt, Melanie mit Wanda, und die anderen Bewohner mit beiden zusammen, vereint in einem Körper, erlebt auch der Leser Haut nah.
Häufig musst ich schmunzeln bei dem Gedanken eine Stimmt im Hinterkopf zu haben die sich plötzlich einmischt, mit mir streiten will.
>Sie spricht mit dir<
>Sie schreit mich an< berichtigte ich.
>Das kann ich jetzt erkennen. Ich kann sehen, wie du dich auf das Gespräch konzentrierst. Das ist mir bis heute nicht aufgefallen<
> Sie ist nicht immer so laut<
Diese Zwiegespräche wirken in keiner Weise albern oder unnütz. Sie vervollständigen die Bilder von Seele, Gewissen und Gedanken. Wer führt uns wirklich? Haben wir tatsächlich einen freien Willen? Wer hat ein Recht auf Glück und was müssen wir dafür aufgeben? Wiegt fremdes Glück mehr als eigenes?
Das Buch beschwört Fragen herauf die sich jeder einmal stellen sollte. Vielleicht verändert es auch bei euch was.... so wie bei mir.
