Ich habe das Buch gerade auf leserunden.de gelesen und es hat mich sehr begeistert. Hier ist meine Meinung dazu:
In dem Roman „Die Kapelle der Glasmaler“ lernen wir auf der einen Seite einen Glasmaler mit Familie kennen auf dem Weg zu einer neuen Baustelle in Paris, der Kapelle Sainte-Chapelle, und auf der anderen Seite einen kleinen Jungen, der auf fürchterliche Weise seine Heimat verliert und jahrelang schon auf der Suche nach seiner Identität ist. Die Wege der beiden kreuzen sich auf schicksalhafte Weise, verlieren sich aber auch wieder. So wie man sich bei mancher Begegnung, die man selber hat, immer mal wieder fragt, was der andere wohl tut, ohne jemals wieder von ihm zu hören, so bleibt auch hier eine gedankliche Verbindung und auch wenn sie immer geringer wird, so schließt sich doch für mich am Ende der Kreis.
Dazwischen nehmen wir Leser aber am teilweise schweren Schicksal von beiden Parteien teil und ich empfand dabei beide Erzählstränge gleichwertig, hätte mich manchmal am liebsten zerrissen, um beide Schicksale gleichzeitig weiter zu verfolgen. Doch es geht nicht nur um diese beiden Personen und ihre Familien, denn einige andere sind jeweils mit betroffen. Es hat mir sehr gut gefallen, dass es keine wirkliche Hauptperson gab, sondern alle eine besondere Bedeutung und Wertigkeit hatten, alle waren mir wichtig. Auch die Nebenfiguren waren so intensiv und detailliert beschrieben, dass ich sie direkt vor mir sah und ich mich für sie und ihr Schicksal genauso interessierte.
Überhaupt ist es eine große Stärke von Kirsten Schützhofer, Figuren und Schauplätze zum Leben zu erwecken. Im ihrem ersten Buch „Die Tochter des Advokaten“ bzw. „Die Farbe der Revolution“ war mir schon auf den ersten Seiten aufgefallen, wie durch ihre Beschreibungen der Umgebung und des „Drumherums“ ein Film im Kopf ablief. Und so war es auch hier im Buch wieder (und ich meine sogar verstärkt) dass durch kleine, wie nebenbei erwähnte Details, wie z. B. wild klappernde Schilder, ein Lehrjunge, der einen Ellbogen ins Gesicht bekommt, Holzeimer, die einfach stehengelassen wurden, etc. das Gefühl entsteht, mitten in der Geschichte zu sein. Sogar den Geruch der Stadt oder der Kräuter im Kloster (und leider auch der Fäulnis und der Krankheit

) konnte man riechen. Genauso erging es mir mit den Personen selbst und ihren Gedanken und Handlungen. Ihre Emotionen waren so gut zu spüren, dass mir das ein oder andere Mal vor Traurigkeit ein Kloß im Hals saß oder ich selbst zusammen mit den Protagonisten tief getroffen war von den Geschehnissen
Die Personen selbst waren sehr vielschichtig, liebevoll erarbeitet und wirkten sehr realistisch. Es fiel sehr leicht, sie liebzugewinnen, sie zu bedauern oder auch sie nicht zu mögen, wobei auch die böseren Charaktere nicht einfach nur böse waren, sondern auch teilweise einen emotionalen Hintergrund hatten, mit dem man sich auseinandersetzen konnte. Und auch die „Guten“ hatten ihre Schwächen und Fehler. So waren ihre Handlungen nicht immer vorhersehbar, aber egal was sie taten, man konnte es oft nachvollziehen. Manchmal stand man aber auch einfach nur fassungslos vor dem was da passierte. Manche Entwicklung war am Ende nicht nach dem typischen Happy-End-Schema, aber gerade das hat mir sehr gut gefallen, denn ein bisschen Traurigkeit, ein bisschen Unwissenheit, ganz viel Hoffnung, Raum für eigene weiterführende Gedanken fand ich hier sehr gut.
Zwischen den Handlungen zogen sich kleine Kapitel durch die Geschichte, deren Bedeutung sich im Laufe des Romans erschloss, aber besonders durch die detaillierten Beschreibungen über die Glasmalerei für mich eine besondere Ruhe ausstrahlten, es mir ermöglichten, kurz Atem zu schöpfen. Mir wurde immer ganz warm, wenn ich der jungen Frau bei ihrer ruhigen Arbeit mit den Farben über die Schulter schauen konnte.
Vervollständigt wird der Roman durch ein sehr interessantes Glossar, das noch mehr Einblick in die Arbeit an den gigantischen Fenstern gibt.
Für mich ist dieser Roman ein besonderes Leseerlebnis gewesen und Kirsten Schützhofer endgültig zu einer Autorin geworden, deren Bücher ich in Zukunft blind kaufen werde, so sehr begeistert mich ihr Schreibstil.
