Hallo Martin!
Habe den Tribun in den letzten Tagen verschlungen. Es hat mir wirklich sehr gut gefallen, vor allem, da das klassische Römer:Germanen bild jetzt bei mir korrigiert wurde.
Freut mich sehr, daß es dir Spaß gemacht hat -- und noch mehr, daß es darüberhinaus auch Denkanstöße geliefert hat.

Die Propaganda von Caesar, Vergil und Augustus, die ich in Latein immer mitbekommen habe, hat bis jetzt gut gewirkt.
Jetzt ist bei mir endlich der Groschen gefallen und ich fange an das ganze noch mehr zu hinterfragen, nur war bin ich pro Rom vorgeschädigt.
Es gibt ja zwei Arten von Propaganda im deutschsprachigen Raum: die klassisch-humanistische, bei der die Barbaren als unzivilisierte Wilde abschneiden, die auf Bärenfellen liegen, würfeln, Bier saufen und jedem Passanten den Kopf abhacken -- und die deutschnationale, bei der zwischen den "edlen (arischen) Wilden" und den "welschen" Römern unterschieden und die militärische Glanzleistung des Arminius als deutsche Heldentat gepriesen wird. Beides ist letztendlich Kappes!
Schon die griechische und römische Geschichtsschreibung liefert ein ganz anderes Bild -- aber die Legenden waren eben im Zuge der Entwicklung der Nationalstaaten so liebgewonnen, daß man sie sogar in den Wissenschaften gebetsmühlenartig weitererzählte.
Ein bißchen wollte ich natürlich auch an diesen Fundamenten des romanischen und germanischen Selbstverständnisses rütteln ...

Zum Tod von Liuba: Da hatte ich wirklich keine Sekunde Mitleid mit dem Menschen. Der war mir schon von anfang an sehr unsymphatisch. Vor allem in seiner Art wie er mit Thauris und Saldir umgeht.
Er ist quasi meine Abrechnung mit dem Bild des "edlen Wilden" -- auch wenn er kein reales Vorbild hat, verkörpert er viele Züge, die du auch heute noch auf dem Lande finden wirst (z.B. bei Burschenereinsmitgliedern -- ich habe einige Jahre im tiefsten Oberbayern verbracht ...
) und er ist durch Kriegserfahrung und individuelles Leid hochgradig traumatisiert. Trotzdem wollte ich nicht, daß das als Entschuldigung reicht, sondern "nur" als Erklärung dient: Er ist keineswegs als Bösewicht geboren, sondern dazu geworden -- nicht zuletzt aufgrund seiner Erfahrungen mit dem "Feind".Zum Tod von Inguiomeres: Da hat Herbert recht, ohne den Tod würde irgendwas fehlen. Sonst kann es fast zu keinem Kampf auf Leben und Tod zwischen Cinna und Liuba kommen, ohne das Cinna dann als Unsymphatler aus diesem herausgeht.
Es gab tatsächlich keinen anderen Ausweg, und es ist mir sehr schwer gefallen. Am Ende stand ich vor der Entscheidung, eines der beiden Kinder zu opfern -- und die hat mir lange Kopfzerbrechen gemacht ... 
Bin schon auf Tiberius gespannt. Nachdem wie er im Epilog war, ist er mir sehr unsymphatisch. Passt aber auch gut, weil ich ihn nie richtig mochte. Tacitus lässt grüßen. Obwohl sein Alterswohnsitz auf Capri ist nicht zu verachten
Sueton, die alte Klatschbase!

Wobei ich vorsichtig damit bin, dem jüngeren Tiberius die Laster des steinalten in die Senatorenstiefel zu schieben. Einen Knacks hat er wohl durch die verkorkste Ehe mit der Augustus-Tochter Iulia erlitten (nicht zuletzt durch den Krippentod des (einzigen) gemeinsamen Kindes), einen weiteren durch Augustus' notorische Nichtachtung des sowohl militärisch als auch politisch klug agierenden Stiefsohnes; als dann noch die Rivalität mit Germanicus/Agrippina, die häuslichen Intrigen, die ekelhafte Schleimerei der Senatoren dazukamen und obendrein die üblichen Altersgebrechen, da hat 's ihm wohl endgültig gereicht mit der Menschheit ...
Mach dich also mit dem Gedanken vertraut, daß "mein" Tiberius (noch) keine Skandalnudel à la "der alte Bock von Capri" ist. :breitgrins"
Liebe Grüße
Iris
