Die Zeitrechnung ist mir nicht geheuer. Ich dachte, ich hätte auch irgendwo gelesen, dass Sancho Panza seit Jahrzehnten den Knappen mimt, was sich mit den zwei Monaten nach der Sierra Morena nicht wirklich deckt.
Das sagt Sancho während ihrer "Gehaltsverhandlungen" (Kap. 28):
»Ei, bei meiner armen Seele!« sagte Sancho, »wie seid Ihr bei dieser Rechnung im Irrtume; denn was das Versprechen der Insel betrifft, so müßt Ihr von dem Tage rechnen, an welchem Ihr es mir zuerst gegeben habt, bis zu der gegenwärtigen Stunde, in welcher wir uns jetzt befinden.«
»Aber ist es denn schon lange, Sancho, daß ich dir dies versprochen?« fragte Don Quixote.
»Wenn ich mich recht erinnere«, sagte Sancho, »so müssen es wohl zwanzig Jahre sein, etliche Tage mehr oder weniger.«
Dies stellt dann Quijote gleich richtig und antwortet:
»Seit ich im Schwarzen Gebirge war, ja seit ich überhaupt ausgezogen bin, sind kaum zwei Monate verflossen, und du sagst, Sancho, daß es schon seit zwanzig Jahren ist, daß ich dir die Insel versprochen habe?
Hier spielt Cervantes meiner Meinung nach mit verschiedenen Zeitrechnungen. Einerseits dient ein Knappe seinem Herrn in "Wirklichkeit" (der der Ritterromane) über einen langen Zeitraum hin und auch die Abenteuer werden nicht innerhalb einiger Wochen absolviert. Da ist es schon ganz angemessen, dass Sancho dem Don schon seit Jahrzehnten folgt.
Der hingegen rechnet nach dem "wirklichen Leben", der Zeit, die für ihn und Sancho wirklich vergangen ist - ein paar schnöde Monate sind sie erst unterwegs (mit Unterbrechung). Also eine Umkehrung der üblichen Verhältnisse, in der Sancho mal die Rittersicht vertritt, der Don hingegen die normale.
Als dritte Zeitrechnung kommt dann noch die der Leser hinzu, für die zwischen erstem und zweitem Teil 11 Jahre vergangen sind und die glauben könnten, die beiden wären ebenso lange zu Hause gewesen.
(Wenn man ganz logisch argumentiert - wobei man glaube ich, bei diesem Buch mit Logik nicht unbedingt sehr weit kommt - kann man auch "beweisen", dass keine 20 Jahre vergangen sein können: Der Don ist nämlich zu Anfang des Buches im ersten Absatz ein Mann "um die Fünfzig". Als Siebzigjähriger wäre er wohl wirklich nicht mehr in der Lage, weitere Abenteuer zu überstehen.)
"Wer sich zurückzieht, flieht nicht." - Hat Don nicht eine ähnliche Verteidigung an den Tag gelegt, als Sancho gewippt wurde? Fakt ist doch, dass unserer tapferer Ritter sich immer zurückzieht, wenns brenzlig wird.
Hm, ja, einerseits flieht er schon, lässt Sancho im Stich, aber andererseits hatte er ja keine andere Wahl (außer sich auch von den Bauern verprügeln zu lassen). Eine Chance, sie zu besiegen hatte er ja nicht. Hier unterscheidet er sich eben von seinen großen Vorbildern, den unbezwingbaren Rittern, die auch die größte Übermacht besiegen. Hier wird der Don mal wieder mit der Wirklichkeit jenseits seiner Fantasien konfrontiert und muss sich ihr unterwerfen. Eine einzelne Person kann eben nicht gegen mehrere Dutzend gewinnen.
Was ich ihm eher übel nehme ist nicht die Flucht an sich, sondern die Verbrämung als taktischer Zug. Er gibt eben nicht zu, dass er im Prinzip besiegt wurde, schmählicherweise noch dazu ganz unstandesgemäß von Bauern.
Irgendwie erschließt sich diese Figur mir nicht so ganz. Bis jetzt. Auch weiß ich nicht, worauf Cervantes hinaus wollte: Sollte man den Ritter nun lieben oder hassen?
Ich glaube, man soll ihn schon mögen (das tue ich zumindest), aber man soll auch seine Schwächen sehen - und durch ihn die "Wahrheit" über die heldenhaften Ritter der Romane erkennen.