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Autor Thema: Miguel de Cervantes - Don Quijote (2. Buch, Kap. 19 - 35)  (Gelesen 3108 mal)

Lullyblue

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Re: Miguel de Cervantes - Don Quijote (2. Buch, Kap. 19 - 35)
« Antwort #15 am: 04. August 2008, 08:45:50 »

Myriel, mir hat saltanah auf die Sprünge geholfen. Wenn sie mich nicht dran erinnert hätte, dass die Originalfassung ja eigentlich arabisch ist *g*, wer ich jetzt auch immer noch völlig konfus.

Die Zeitrechnung ist mir nicht geheuer. Ich dachte, ich hätte auch irgendwo gelesen, dass Sancho Panza seit Jahrzehnten den Knappen mimt, was sich mit den zwei Monaten nach der Sierra Morena nicht wirklich deckt. Sollte ich heute Zeit haben, geh ich auch noch mal schnüffeln. Kann auch sein, ich irre mich, stellenweise lese ich einfach nur runter, weil es mir zu langweilig ist.

Die Geschichte mit dem Boot hat mich prächtig amüsiert. Für meine Begriffe war das bisher das Beste von allen Abenteuern. Die Idee mag nicht so originell sein, aber hier hat Cervantes einen Stil der Beschreibung gefunden, der mich angesprochen hat. Ich hatte den Ritter absolut bildlich vor mir, aufrecht in diesem Boot, was am Ufer schaukelt, und dann dieser Monolog mit dem Ptolomeischen Weltbild und seine Überschreitung des Äquators. Genial. Nebenbei bemerkt: Kann es sein, dass Cervantes immer mal den Stil wechselt. Mir kommt es so vor, als schreibt er immer so, wie er gerade drauf ist. Oder les ich so, wie ich gerade drauf bin ... :redface:

"Wer sich zurückzieht, flieht nicht." - Hat Don nicht eine ähnliche Verteidigung an den Tag gelegt, als Sancho gewippt wurde? Fakt ist doch, dass unserer tapferer Ritter sich immer zurückzieht, wenns brenzlig wird. Schließlich darf er ja auch nicht gegen gemeines Fußvolk kämpfen. Der Kerl hat schon so seine schlechten Charakterzüge und ist ganz gewiss keine schwarz-weiß-Figur. Trotzdem bleib ich dabei: Irgendwie erschließt sich diese Figur mir nicht so ganz. Bis jetzt. Auch weiß ich nicht, worauf Cervantes hinaus wollte: Sollte man den Ritter nun lieben oder hassen?
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Saltanah

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Re: Miguel de Cervantes - Don Quijote (2. Buch, Kap. 19 - 35)
« Antwort #16 am: 04. August 2008, 10:15:01 »

Die Zeitrechnung ist mir nicht geheuer. Ich dachte, ich hätte auch irgendwo gelesen, dass Sancho Panza seit Jahrzehnten den Knappen mimt, was sich mit den zwei Monaten nach der Sierra Morena nicht wirklich deckt.

Das sagt Sancho während ihrer "Gehaltsverhandlungen" (Kap. 28):
Zitat
»Ei, bei meiner armen Seele!« sagte Sancho, »wie seid Ihr bei dieser Rechnung im Irrtume; denn was das Versprechen der Insel betrifft, so müßt Ihr von dem Tage rechnen, an welchem Ihr es mir zuerst gegeben habt, bis zu der gegenwärtigen Stunde, in welcher wir uns jetzt befinden.«
»Aber ist es denn schon lange, Sancho, daß ich dir dies versprochen?« fragte Don Quixote.
»Wenn ich mich recht erinnere«, sagte Sancho, »so müssen es wohl zwanzig Jahre sein, etliche Tage mehr oder weniger.«
Dies stellt dann Quijote gleich richtig und antwortet:
Zitat
»Seit ich im Schwarzen Gebirge war, ja seit ich überhaupt ausgezogen bin, sind kaum zwei Monate verflossen, und du sagst, Sancho, daß es schon seit zwanzig Jahren ist, daß ich dir die Insel versprochen habe?
Hier spielt Cervantes meiner Meinung nach mit verschiedenen Zeitrechnungen. Einerseits dient ein Knappe seinem Herrn in "Wirklichkeit" (der der Ritterromane) über einen langen Zeitraum hin und auch die Abenteuer werden nicht innerhalb einiger Wochen absolviert. Da ist es schon ganz angemessen, dass Sancho dem Don schon seit Jahrzehnten folgt.
Der hingegen rechnet nach dem "wirklichen Leben", der Zeit, die für ihn und Sancho wirklich vergangen ist - ein paar schnöde Monate sind sie erst unterwegs (mit Unterbrechung). Also eine Umkehrung der üblichen Verhältnisse, in der Sancho mal die Rittersicht vertritt, der Don hingegen die normale.
Als dritte Zeitrechnung kommt dann noch die der Leser hinzu, für die zwischen erstem und zweitem Teil 11 Jahre vergangen sind und die glauben könnten, die beiden wären ebenso lange zu Hause gewesen.
(Wenn man ganz logisch argumentiert - wobei man glaube ich, bei diesem Buch mit Logik nicht unbedingt sehr weit kommt - kann man auch "beweisen", dass keine 20 Jahre vergangen sein können: Der Don ist nämlich zu Anfang des Buches im ersten Absatz ein Mann "um die Fünfzig". Als Siebzigjähriger wäre er wohl wirklich nicht mehr in der Lage, weitere Abenteuer zu überstehen.)

"Wer sich zurückzieht, flieht nicht." - Hat Don nicht eine ähnliche Verteidigung an den Tag gelegt, als Sancho gewippt wurde? Fakt ist doch, dass unserer tapferer Ritter sich immer zurückzieht, wenns brenzlig wird.
Hm, ja, einerseits flieht er schon, lässt Sancho im Stich, aber andererseits hatte er ja keine andere Wahl (außer sich auch von den Bauern verprügeln zu lassen). Eine Chance, sie zu besiegen hatte er ja nicht. Hier unterscheidet er sich eben von seinen großen Vorbildern, den unbezwingbaren Rittern, die auch die größte Übermacht besiegen. Hier wird der Don mal wieder mit der Wirklichkeit jenseits seiner Fantasien konfrontiert und muss sich ihr unterwerfen. Eine einzelne Person kann eben nicht gegen mehrere Dutzend gewinnen.
Was ich ihm eher übel nehme ist nicht die Flucht an sich, sondern die Verbrämung als taktischer Zug. Er gibt eben nicht zu, dass er im Prinzip besiegt wurde, schmählicherweise noch dazu ganz unstandesgemäß von Bauern.

Irgendwie erschließt sich diese Figur mir nicht so ganz. Bis jetzt. Auch weiß ich nicht, worauf Cervantes hinaus wollte: Sollte man den Ritter nun lieben oder hassen?
Ich glaube, man soll ihn schon mögen (das tue ich zumindest), aber man soll auch seine Schwächen sehen - und durch ihn die "Wahrheit" über die heldenhaften Ritter der Romane erkennen. 


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Myriel

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Re: Miguel de Cervantes - Don Quijote (2. Buch, Kap. 19 - 35)
« Antwort #17 am: 04. August 2008, 10:40:21 »

Trotzdem bleib ich dabei: Irgendwie erschließt sich diese Figur mir nicht so ganz. Bis jetzt. Auch weiß ich nicht, worauf Cervantes hinaus wollte: Sollte man den Ritter nun lieben oder hassen?

Ich glaube, man sollte beides. Ihn einerseits für seine Verrückheit lieben, aber andererseits an den Stellen, an denen er mit seinem Wahn anderen Menschen Schaden zufügt, sollte man ihn dafür hassen. Genau das macht diesen Charakter so interessant: in einem Moment gibt er eine wahrhaft hochintelligente Rede von sich und ihm nächsten Moment begeht er wieder den größten Unsinn.
Ich kann mich jedenfalls nicht für eine Sichtweise entscheiden, ich liebe und hasse ihn gleichzeitig.  :zwinker:
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Lullyblue

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Re: Miguel de Cervantes - Don Quijote (2. Buch, Kap. 19 - 35)
« Antwort #18 am: 04. August 2008, 10:56:56 »

Hier wird der Don mal wieder mit der Wirklichkeit jenseits seiner Fantasien konfrontiert und muss sich ihr unterwerfen. Eine einzelne Person kann eben nicht gegen mehrere Dutzend gewinnen.

Da würde Don ja eine wahrhaft heldenhafte Logik an den Tag legen  :breitgrins: Der Mann kämpft gegen alles und jeden und sollte dann so viel Einsicht zeigen, wenn ein anderer leiden muss? Da wird ihm plötzlich klar, dass er das nicht schaffen kann? Also das muss eindeutig ein männliches Symptom sein  :breitgrins:

@myriel: Das isses ja! Ich kann mich auch nicht für eine Sichtweise entscheiden.  :zwinker:
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Doris

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Re: Miguel de Cervantes - Don Quijote (2. Buch, Kap. 19 - 35)
« Antwort #19 am: 04. August 2008, 22:12:33 »

Das sagt Sancho während ihrer "Gehaltsverhandlungen" (Kap. 28):
Zitat
»Ei, bei meiner armen Seele!« sagte Sancho, »wie seid Ihr bei dieser Rechnung im Irrtume; denn was das Versprechen der Insel betrifft, so müßt Ihr von dem Tage rechnen, an welchem Ihr es mir zuerst gegeben habt, bis zu der gegenwärtigen Stunde, in welcher wir uns jetzt befinden.«
»Aber ist es denn schon lange, Sancho, daß ich dir dies versprochen?« fragte Don Quixote.
»Wenn ich mich recht erinnere«, sagte Sancho, »so müssen es wohl zwanzig Jahre sein, etliche Tage mehr oder weniger.«
Dies stellt dann Quijote gleich richtig und antwortet:
Zitat
»Seit ich im Schwarzen Gebirge war, ja seit ich überhaupt ausgezogen bin, sind kaum zwei Monate verflossen, und du sagst, Sancho, daß es schon seit zwanzig Jahren ist, daß ich dir die Insel versprochen habe?

Ich denke, die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Sancho liebt Superlative, er hat sie mehrfach im Buch angebracht. Da ist es wahrscheinlich, dass er Don Q. schon seit einigen Jahren dient, aber sicher keine zwanzig, und auch nicht zwei Monate.

Irgendwie erschließt sich diese Figur mir nicht so ganz. Bis jetzt. Auch weiß ich nicht, worauf Cervantes hinaus wollte: Sollte man den Ritter nun lieben oder hassen?

Ich stehe dem Ritter eher neutral gegenüber. Als "normaler" Mensch ist er mir fast lieber, weil ungefährlicher, doch sein Ruf ist letztlich nur durch die verrückten Abenteuer begründet, also gehören sie einfach dazu. Mein Liebling ist Sancho Pansa, der im Lauf der Geschichte immer mehr dazugewinnt, weil er manche Eigenschaften offenbart, die ich ihm anfangs nicht zugetraut habe.
Ich glaube, man soll ihn schon mögen (das tue ich zumindest), aber man soll auch seine Schwächen sehen - und durch ihn die "Wahrheit" über die heldenhaften Ritter der Romane erkennen. 
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