Hallo Yvaine,
Deine sehr schöne Rezension hat mich auf die Idee gebracht, die Erzählung "Die Sanfte" zu lesen. Ich habe in der älteren Übersetzung von E. K. Rashin gelesen (Piper-Verlag, SP 408, "Der Spieler Späte Romane und Novellen".
Dein Vorhaben, ersteinmal die (sog.) kleineren Werke Dostojeskijs zu lesen, halte ich für sehr sinnvoll. Ich habe damals mit "Schuld und Sühne" begonnen, was durchaus zu machen ist, dann las ich "Der Idiot", übrigens zweimal. An den "Dämonen" bin ich letzten Endes gescheitert.
Johannes v. Gühnter, ein etwas älterer Übersetzer, sagte einmal:
"Die Weltgeltung dieses großen russischen Dichters kommt von seinen Romanen her, über die unzählige Bücher geschrieben worden sind (...), doch nirgends zeigt sich das Genie Dostojewskijs vollendeter als in seinen Meistererzählungen." (aus dem Nachwort zu Dostojewski, Meistererzählungen, Diogenes).
Also, lieber erst mal klein anfangen, als am GROSSEN zu scheitern

Das nur zur Einführung. Es folgen nun meine persönlichen Eindrücke zu Dostojewskis Erzählung "Die Sanfte":
„...Solange sie hier liegt, ist ja noch alles gut: jeden Augenblick kann ich zu ihr gehen und sie ansehen...Aber morgen, wenn man sie fortträgt, wie...wie soll ich dann allein bleiben?“Ein Pfandleiher heiratet ein völlig verarmtes sechzehnjähriges Mädchen, um von ihr verehrt zu werden, schließlich habe er sie ja aus der Armut geholt, außerdem von ihren entsetzlich bösen Tanten befreit, unter denen das Mädchen wie eine Sklavin behandelt worden war. Ihre Ehe mit dem wesentlich älteren Pfandleiher erweist sich aber als Katastrophe.
Der Protagonist, ehemals ein Offizier, der unehrenhaft aus der Armee entlassen wird, treibt sich völlig verarmt auf der Straße herum, bis eine kleine Erbschaft es ihm ermöglicht, seinen Lebensunterhalt als Pfandleiher aufzubauen. Dieser Pfandleiher heiratet nun das Mädchen, um in ihr Selbstbestätigung zu finden, weil er sich innerlich noch als Versager fühlt. Es scheint, er will die Strenge, die er beim Militär erfahren hat, zu Hause fortsetzen und mit unerhörter egoistischer Machtgier die Scham übertünchen, die ihm eine Narbe in seiner Seele geschlagen hat. Völlig überbläht und selbstherrlich:
„...ich bin's, dem sie eine Wohltat erweisen würde, nicht umgekehrt -“
„Im Herzen aber wollte ich, daß sie mich anbetete“.Er will das, weil er eben selber unglücklich war:
„Oh, auch ich war doch unglücklich! Ich war von allen verstoßen, verworfen und vergessen worden, und keiner, kein einziger wußte das!“Als Pfandleiher hat er außerdem die Möglichkeit,
sich an der Gesellschaft zu rächen. Völlig abgedreht von der Realität, im Wahn seiner Rache, merkt er es erst zu spät, dass er das sanftmütige Wesen, seine Frau, die trotz ihrer Armut nie ihren Stolz nie verloren hat, regelrecht aus dem Leben gedrückt hat. In dem Dostojewski das Verhalten der Frau umschreibt, lässt seinen Leser in die Seele der Frau blicken. Es ist so, ich stelle es mir so bildhaft vor, als wenn jemand einem Vögelchen die Kehle zudrückt. Ja, solch eine schaurige Wirkung transportiert die Geschichte.
Der Pfandleiher wollte sie nach seinen Vorstellungen Formen, macht sie aber zum seelischen Krüppel. Eine tiefe Seelenschau.....am Ende bleibt der Mann wieder allein. Die grausame Einsamkeit erreicht ihn wieder.
Ja, eine sehr ergreifende Geschichte.
