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Autor Thema: [Kenia] Ngũgĩ wa Thiong'o – Der Fluß dazwischen  (Gelesen 164 mal)

Aldawen

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[Kenia] Ngũgĩ wa Thiong'o – Der Fluß dazwischen
« am: 01. Oktober 2009, 09:29:27 »



Inhalt: Auf zwei Höhenzügen liegen sich die beiden Agĩkũyũ-Gemeinschaften Kameno und Makuyu gegenüber, getrennt durch das Tal des Lebens und den Fluß Honia. Und noch etwas trennt die beiden Gemeinschaften: Kameno hält an den traditionellen Sitten, Gebräuchen und Riten fest, während Makuyu durch den Kolonialismus und die Missionare viel stärker beeinflußt ist und hier das Christentum schon eine feste Gemeinde bildet. Der Junge Waiyaki aus Kameno wird von seinem Vater eines Tages zu einem heiligen Platz mitgenommen und erfährt dort von einer Prophezeihung, als deren Verwirklichung der Vater ihn sieht: als den spirituellen Führer und Erneuerer der Gemeinschaft. Trotzdem schickt der Vater Waiyaki auf die Missionsschule, denn der Junge soll den Feind kennenlernen. Für die Beschneidung zur Aufnahme in seine Altersgruppe kehrt Waiyaki natürlich zurück, niemand hätte verstanden, hätte er es nicht getan. Für Muthoni und Nyambura, die Töchter des Gemeindevorstands Joshua in Makuyu, ist es dagegen undenkbar, sich beschneiden zu lassen – eigentlich. Denn Muthoni widersetzt sich dem Vater, stirbt aber an den Folgen der Operation.

Die Missionsschule in Siriana lehnt eine ganze Reihe der traditionellen Riten, darunter die Beschneidung natürlich ab, und da auch die Anzahl Schüler, die aufgenommen werden, beschränkt ist, kommt es zum Bruch zwischen der Schule und einem erheblichen Teil der ansässigen Bevölkerung. Waiyaki, inzwischen selbst Lehrer, eröffnet mit Freunden eine unabhängige Schule, die allen Agĩkũyũ-Kindern offensteht. Er organisiert auch weitere Lehrer, um mehr Schulen auch im weiteren Umkreis zu errichten. Er ist beliebt bei den Leuten, aber dann werden Zweifel an seiner Loyalität zu den Traditionen geschürt, denn es heißt, er liebe Nyambura, Joshuas jüngere Tochter ...


Meine Meinung: Den Hintergrund des Romans bildet die Ende der 1920er einsetzende Bewegung der Independent Schools unter den Agĩkũyũ. Dabei steht aber weniger die Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus im Mittelpunkt, sondern die internen Konflikte, denen die Gemeinschaft durch die von außen herangetragenen Veränderungen ausgesetzt ist. Jemand wie Waiyaki muß dabei zwangsläufig zwischen die Fronten geraten, wenn er versucht, Tradition (hier in Gestalt von Beschneidungsriten) und Moderne (hier im Schulwesen) in Einklang zu bringen. Tatsächlich war der Versuch, gegen die Beschneidung (vor allem bei Frauen) vorzugehen, ein wichtiger Konfliktpunkt. Auch der erste kenianische Präsident nach der Unabhängigkeit, Jomo Kenyatta, hat in seinem anthropologischen Werk über die Agĩkũyũ, Facing Mount Kenya (1938), die Beschneidung verteidigt.

Die aus diesen beiden Punkten resultierenden Konfliktlinien zeichnet Ngũgĩ sehr sorgfältig in seinen Charakteren nach. Und in Kenntnis des Hintergrundes war mir auch klar, wie die Angelegenheit für Waiyaki ausgehen muß, denn alles andere wäre schlicht im Kontext des Romans nicht denkbar gewesen. Gerade in der Person Waiyakis spiegelt sich das Dilemma in höchster Perfektion wider. Zum Zeitpunkt seines ersten Erscheinens 1964 hatte der Roman sicher noch eine ganz andere Wirkung als heute, denn in diesen Jahren rund um die Unabhängigkeit Kenias war die Selbstvergewisserung und Abgrenzung zu den Europäern natürlich von großer Wichtigkeit. Wieviele der Kenianer, die nach der Unabhängigkeit politische Positionen einnahmen, selbst Independent Schools besucht haben, weiß ich nicht, es dürften aber einige gewesen sein, da die Agĩkũyũ einen ziemlichen Anteil dieser Leute stellten. Möglicherweise sollte hier also auch an Erwartungen und durchgestandene Kämpfe erinnert werden, mit denen bestimmte Auswirkungen auf die Politik des jungen Staates erzielt werden sollten. Auf jeden Fall ist es ein interessanter, gut und vergleichsweise zielstrebig erzählter Roman.

 4ratten

Schönen Gruß,
Aldawen


« Letzte Änderung: 05. Dezember 2009, 22:00:21 von Aldawen »
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