Oliver Twist von Charles Dickens



Deutscher Umschlagtext: Schurken, schmieriges Elend, ein hilfloses, unterdrücktes Waisenkind. Dutzende Film- und Fernsehadaptionen hat Dickens' Roman inspiriert. Einst wühlte das krasse Porträt des jüdischen Schurken Fagin die Gemüter auf. Heute stört sich Roman Polanski an der Hoffnung, dass das Gute im Menschen über die Ungerechtigkeit triumphieren kann. Dickens' "Oliver Twist" lebt weiter, weil er eine existenzielle Spannung gestaltet: der Einzelne gegen die Gesellschaft.
Zur Ausgabe: Die deutschte Ausgabe (linker Amazon Link) enthält ausserdem Daten zu Leben und Werk Dickens' und einen Werkbeitrag aus der dritten, völlig neu bearbeiteten Auflage des Kindlers Literatur Lexikon.
Charles Dickens' "Oliver Twist" spielt grösstenteils in den verwahrlosesten Gegenden um und in London. Oliver wird in einem Arbeitshaus geboren, seine Mutter starb nach seiner Geburt, Oliver wurde als Waisenkind von der Kirchspielbehörde in die Obhut einer Frau gegeben, die noch andere Waisenkinder zu versorgen hatte. Dort erfuhr er eine grobe Behandlung. Später wird er bei einem Bestatter in Lehre gegeben. Dort wird er jedoch von der Gattin des Bestatters und dessen zweiten, älteren Lehrling drangsaliert. Oliver erträgt es nicht länger und flüchtet ganz alleine in Richtung London. Auf dem Weg macht er die Bekannschaft eines jungen Herrn, dem "Baldowerer", welcher ihm den Weg nach London zeigt und in mit zum Juden Fagin nimmt. Fagin ist der Kopf einer Diebesbande und nimmt verwaiste Jungen und Mädchen auf um sie zu Dieben, Dirnen und allerlei anderem kriminellen Menschen zu erziehen. Doch Oliver sträubt sich dagegen zu stehlen, wird aber von den Diebesfreunden reingelegt und von einem alten Herrn des Diebstahles angeklagt. Während Oliver vor dem Polizeikommissär steht und angeklagt wird, beginnt er zu fiebern und wird ohnmächtig. Der alte Herr nimmt seine Anklage zurück, ist überzeugt von der Unschuld des Jungen und nimmt in mit zu sich nach Hause, wo er ihn gesund pflegen lässt. Eigentlich möchte Oliver für immer bei dem alten Herrn und seinen Angestellten bleiben, doch dann wird er nach London geschickt um Bücher zurückzubringen und dabei von Fagins Leuten gekidnappt. Sie zwingen Oliver bei einem Einbruch mitzumachen, bei welchem er angeschossen wird. Die Leute, welche ihn angeschossen haben, kümmern sich später um ihn und Oliver darf lange Zeit bei ihnen bleiben. Sie machen für ihn den alten Herrn ausfindig und als sie ihn finden, beginnen sie alle zusammen das Rätsel von Olivers Herkunft zu lösen.
Dickens' hat mit dieser Geschichte ein unglaubliches, aufrüttelndes Portrait der damaligen Zeit geschaffen. Ich konnte mich sofort hineinversetzten in das damalige London und war doch oftmals verstört und angeekelt. Es ist ja bekannt, wie schmutzig und wie arm gewissen Teile Europas damals waren, dennoch ist es eindrücklich, besonders wenn man schon selbst in London war und dann diese Teile, die im Buch beschrieben werden, vor seinen Augen hat, sie aber so anders aussehen als es heute der Fall ist.
Auch hat Dickens' eine Reihe interessanter Charaktere entworfen. Ich war beeindruckt von Nancys Sinneswandel, fand Sikes sehr interessant und musste immer wieder über den Kirchspieldiener lachen. Nur sind mir manche Charaktere leider ein bisschen zu flach geblieben. So zum Beispiel Fagin. Fagin verkörpert den gerissenen, kriminellen, hinterlistigen, geldgierigen Juden. Er bleibt bis zum Ende uneinsichtig und böse. Viele von Dickens' Figuren lassen sich nur in Gut und Böse einteilen, es gibt fast nichts dazwischen, was das ganze etwas unglaubwürdig macht. Auch fand ich es lange seltsam, dass das Buch zwar "Oliver Twist" heisst, er auch ganz klar der Hauptcharakter ist, jedoch kaum zu Wort kommt. Oliver wird hin und her gereicht wie ein Bierkrug, aus dem jeder mal einen Schluck nimmt. Er ist zwar der Hauptcharakter, aber eigentlich nur ein Spielball. Anfangs habe ich mich daran gestört, dann musste ich aber auch denken, wie genial das ist. Oftmals fühlt man sich doch gerade so im eigenen Leben: Man ist das Opfer äusserer Umstände und es ist unglaublich schwer aus diesem Teufelskreis auszubrechen. Schön, hat es Oliver am Ende mehr oder weniger geschafft. Ich habe mich überhaupt nicht an dem Happy-End gestört, für mich war es absolut nötig. Dem armen Oliver passieren so viele grauenhafte Dinge, da wünschte ich mir einfach einen guten Ausgang.
Oliver Twist ist sicher ein Buch, das sich lohnt gelesen zu werden, aber ich würde es jetzt nicht unbedingt ein zweites Mal lesen. Es gibt viele tolle, spannende Stellen, aber auch viele langatmige Beschreibungen, wie es für die damaligen Literatur und Dickens' nunmal so üblich ist. Als Maturalektüre für Englisch, kann ich es jedoch nur empfehlen. Das Englisch ist sehr toll! Ihr müsst unbedingt einmal den Originaltext lesen, denn die Übersetzung lässt leider einiges verschwinden und nimmt Dickens' Text einen Teil seiner Magie.
Fazit: Ein gelungenes Buch, ein zeitloser Klassiker, aber leider manchmal etwas langatmig und manche Charaktere etwas zu flach.
