Privilege:Heißt diese zweite Geschichte auf Deutsch wirklich
Unverletzbarkeit? Der englische Titel spielt meiner Meinung nach auf den Beginn der Geschichte nach, wo sich spätere Freunde von Rose wünschen, arm aufgewachsen zu sein. Rose hatte dieses "Privileg", und kann einiges darüber erzählen.
Für ihre erste Verliebtheit (meiner Meinung nach ist sie da noch vor der Pubertät - immerhin ist sie einige Jahre hünger als Cora und auch die ist noch nicht in der High School) hätte sie sich durchaus ein schlechteres Objekt suchen können. Von Cora lernt sie immerhin, wie man sich die Jungen vom Leibe hält, was, wie man an Franny McGills Beispiel sieht, überlebenswichtig sein kann. Aber - und das fand ich an der Episode mit Franny eigentlich am erschütterndsten - ein Akt
"performed on Franny had no general significance, no bearing on what could happen to anyone else". Gut, einer Gruppenvergewaltigung vor den Augen der gesamten Schule würde Rose wohl nicht ausgesetzt werden, aber die Gefahr anderer (sexueller) Gewalt verspürt sie durchaus - zu recht, meine ich. Von Cora lernt sie, sich nicht wie ein potentielles Opfer zu verhalten.
Flos Verhalten - ihre herablassenden, oft verletzenden Bemerkungen über und zu Rose - sind auch schlimm. Sie stützt ihre Tochter (ich glaube nicht, dass es eine Bedeutung hat, dass Rose nicht ihr leibliches Kind ist) nicht, sondern hält sie klein. Andererseits hat sie oft genug auch recht, z. B. wenn sie sagt, dass Cora später fett werden wird. Das wird sie ja tatsächlich, nur geht es Flo hier ja hauptsächlich darum, das Liebesobjekt ihrer Tochter (und damit gleichzeitig deren Liebe) lächerlich zu machen.
Aber Flo handelt auch auf Basis ihrer eigenen Erfahrungen, und die sind nicht immer so schön. Liebe führt ihrer Meinung/Erfahrung nach zu
"enslavement, self-abasement, self-deception", was ja auch immer eine Möglichkeit ist. Ich denke, sie will Rose eben nicht nur verletzen (was sie durch ihre Bemerkungen tut), sondern sie auch vor Verletzungen (durch Liebe) bewahren.
Half a Grapefruit:Auch in der High School sitzt Rose "zwischen den Stühlen". In der Grundschule hatte sie versucht, neutral zu sein, jetzt ist sie es unfreiwillig. Sie gehört weder zu den Städtern noch zu den Landkindern, wobei ihr sehr klar ist, was begehrenswerter ist.
ich lese gerade im zweiten Durchgang "Eine halbe Grapefruit" und habe mir Gedanken darüber gemacht, was die Überschrift wohl bedeuten mag. Vielleicht etwa so, wie halbe Portion?, also in dem Sinne, dass Rose von ihrer Umwelt nicht ganz für voll genommen wird.
Ach je, ich neige immer dazu, Sachen wörtlich zu nehmen. Ich kam überhaupt nicht auf die Idee, die halbe Grapefruit auch symbolisch zu lesen. Dazu passt es einfach zu gut: es ist etwas, das niemand anders genannt hat, "fein" genug, um städtisch zu sein, und eine ganze Grapefruit würde man nicht essen. Aber dass das im Zusammenhang so glaubwürdig ist, hindert ja nicht an der Möglichkeit, es auch symbolisch zu deuten.
Flo kann ich nicht so negativ sehen wie du, Mombour. Ja, sie hat die Fuchtel in der Hand, aber wer sollte das auch sonst haben? Immerhin ist sie nicht nur "Hausfrau und Mutter", sondern versorgt die Familie auch finanziell. Dass der Vater mit seiner Reparaturwerkstatt nicht viel verdient, wird in der ersten Geschichte ja angedeutet, und später kann er krankheitsbedingt nicht mehr arbeiten, wird zu einer weiteren Belastung für Flo, die zu allem anderen auch noch Krankenbetreuerin werden muss.
Sie kämpft weitgehend allein für das Überleben der Familie, und das ziemlich erfolgreich. Dafür hat sie meine Achtung und mein Mitgefühl. Was mich aber nicht daran hindert, ihre Schwächen zu sehen.
Sie unterstützt Rose bei dem Versuch, eine bessere Schulbildung zu bekommen, nicht, aber hindert sie auch nicht aktiv daran. Indirekt, nämlich durch ihre Bemerkungen, tut sie es schon, hat aber zum Glück keinen Erfolg damit. Aber auch vom Vater bekommt Rose keine Unterstützung, und dessen Auffassung, wie eine "perfekte Frau" zu sein habe, nämlich wie Flo (energisch, praktisch, gut im Umgang mit Geld, aber ihrem Mann intellektuell auf jeden Fall unterlegen), ist auch nicht besser als Flos Warnung, nicht zu smart zu werden.
Und als Rose eine pikante Geschichte von drei Jungs und einem Mädchen erzählt, sagt Flo, es sei ihr (Rose`s) Ende, wenn sie jemals mit so einem Jungen was anfängt.
Womit sie ja auch nicht ganz unrecht hat. Wir befinden uns immerhin in der Vorpillenzeit und ich kann mir nicht vorstellen, dass die Jungen Kondome benützen. Eine Schwangerschaft würde auf jeden Fall das Ende von Flos Schulgang bedeuten, und eine eventuelle Ehe mit einem der Jungs sehe ich auch als wenig erstrebenswert. Unter den gegebenen Bedingungen halte ich Flos Warnungen vor Liebe und Sex für durchaus berechtigt.
Mir gefallen die Geschichten bisher sehr gut. Besonders hat es mir die Art, wie die Ereignisse geschildert werden, angetan. Diese wenig emotionale, distanzierte Art erzeugt in mir eine leicht traurige, aber zugleich akzeptierende Stimmung von "so ist das Leben". Es gilt, es zu nehmen, wie es ist.
Und obwohl wir ja nur kleine Ausschnitte aus Roses Leben erfahren, habe ich doch den Eindruck, sehr viel über sie zu wissen. Munro erzählt tatsächlich viel mehr als sie ausspricht.