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  • Henry Fielding - Tom Jones: 18. April 2008

Autor Thema: Henry Fielding - Tom Jones  (Gelesen 8305 mal)

fairy

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Henry Fielding - Tom Jones
« am: 18. April 2008, 13:21:12 »

Hallo!



Inhalt:

Gutsherr Allworthy findet einen Säugling und zieht den Jungen an Sohnes Statt auf. Der Findling – Tom Jones – wächst und gedeiht prächtig, in den Augen seines Ziehvaters mitunter sogar etwas zu prächtig. Als sich Tom in die Nachbarstochter verliebt, die Allworthys Neffen versprochen ist, verweist der Gutsherr Tom des Hauses. Der junge Mann macht sich auf nach London, wobei ihn seine Reise quer durchs Land und auch durch sämtliche Schichten der vorviktorianischen Gesellschaft führt. Auf Toms Suche nach sich selbst, seiner Herkunft und vor allem nach der großen Liebe erschließt sich ein wahres Panoptikum des 18. Jahrhunderts.

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Viel Spaß!
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aquacat

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Re: Henry Fielding - Tom Jones
« Antwort #1 am: 18. April 2008, 15:08:39 »

Ich finde mein Buch nicht  :redface:, dabei habe ich beim letzten SUB-Umbau vor fünf Wochen extra alles rausgelegt, was ich in den nächsten zwei Monaten brauche.
Am Wochenende bin ich unterwegs, also rechnet frühestens Montag mit mir  :rollen:
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Doris

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Re: Henry Fielding - Tom Jones
« Antwort #2 am: 18. April 2008, 23:34:02 »

Hallo zusammen,

mein Buch stand seit Wochen im Blickfeld und wartete auf den Startschuss. Weit bin ich allerdings heute nicht gekommen, gerade mal bis 1. Buch, 7. Kapitel. Momentan bin ich noch dabei, mich an den Stil zu gewöhnen. Das geht mir allerdings generell so, nicht nur bei Klassikern. Ich lese die Insel-Ausgabe.

Viel ist bisher noch nicht passiert, nur der Säugling wurde gefunden und seine Mutter ebenfalls. Die Art und Weise, wie die Vertraute des Squires Allworthy, Mrs. Deborah, bei der Suche vorging, macht deutlich, dass soziale Machtspiele auch damals oder vielleicht gerade damals schon an der Tagesordnung waren: Egal, welchen Rang man einnimmt, nach oben wird gekuscht und nach unten getreten. Sehr symphatisch ist mir die Dame nicht.

Schmunzeln musste ich am Ende des 2. Kapitels bei dem Seitenhieb Fieldings gegen die Kritiker, denn auch ich habe mir schon oft Gedanken darüber gemacht, warum sich manche Menschen zum Kritiker berufen fühlen und wo sie sich die Kompetenzen dafür angeeignet haben.

Grüße
Doris
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illy

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Re: Henry Fielding - Tom Jones
« Antwort #3 am: 19. April 2008, 08:36:22 »

Ich habe gestern nur noch Buch 1, Kapitel 1 geschafft. Das altmodische Englisch verlangt schon einiges an Konzentration (ich sage nur: "he hath" statt "he has"), da muss ich mich erst mal einlesen und für die nächste Woche mal ein paar ruhige Lesestunden einplanen.

 :winken:
illy
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Saltanah

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Re: Henry Fielding - Tom Jones
« Antwort #4 am: 19. April 2008, 18:08:42 »

Das altmodische Englisch verlangt schon einiges an Konzentration
Das kann ich unterschreiben! Vor allem auf den ersten Seiten habe ich einige Sätze mehrfach lesen müssen, um sie zu verstehen. Aber das sind die üblichen Startschweirigkeiten und mittlerweile "flutscht" es richtig gut.

Nach dem ersten Buch ist mein Zwischenfazit: Wunderbar! Ich weiß wieder, weshalb mir das Buch (auf Deutsch) vor ca. 20 Jahren so gut gefallen hat und kann überhaupt nicht verstehen, weshalb die englische Version 12 Jahre (laut im Buch gefundenen Kassenzettel) lang subben musste.

Ich konnte mich zwar noch an einiges inhaltliche von meiner Erstlektüre erinnern, hatte aber vergessen, wie scharfzüngig Fielding ist, wie treffsicher er seine Mitmenschen aufs Korn nimmt! Große Teile des ersten Buches habe ich mit einem fetten Grinsen im Gesicht gelesen :breitgrins: .

Erstes Buch:
Fielding schreibt in seiner "Speisekarte" im 1. Kapitel, welches Gericht er uns servieren wird: Die menschliche Natur. Und das tut er schon in den nächsten Kapitel ausführlich.
Dort werden mit
Squire Allworthy, dem herzensguten, moralisch unantastbaren Mann,
seiner Schwester Bridget, die sich in Gefahr befindet, eine "alte Jungfer" zu werden (und die sich vor den Fallstricken der Gesellschaft umso mehr in Acht nimmt, als sie geringen Grund dafür hat :breitgrins: ),
der Haushälterin Mrs Deborah Wilkins, die ihre soziale "Überlegenheit" gegenüber den Dorfbewohnern deutlich zur Schau stellt,
dem sich gut verheiratenden Heuchler Mr Blifil, der sich schnell verliebte, nämlich in Haus, Garten und sonstigen Besitz des Squires :breitgrins: .
und nicht zuletzt dem anfangs noch namenlosen Säugling, der so überraschend gefunden wird,
die Protagonisten vorgestellt.
Außer den Lebensumständen der Personen erfahren wir einiges über deren Einstellung zu Moral, aus gegebenem Anlass insbesondere dem Problem "in Sünde geborener" außerehelicher Kinder und dem korrekten Umgang mit jenen, was Fielding guten Anlass zu spitzen Bemerkungen über seine Zeitgenossen bietet - eine Gelegenheit, die er voll ausnutzt :breitgrins: . (In der leider sehr kurzen Autorenvorstellung zu Beginn meines Buches wird angedeutet, dass "Tom Jones" unter seinen Zeitgenossen und auch später durchaus auch Anstoß erregte, etwas, das ich gut verstehen kann, auch wenn ich ganz anderer Meinung bin. Dass viele sich auf den Schlips getreten fühlten oder das Buch für unmoralisch hielten, ist nicht überraschend, so viel kann ich schon nach nur wenigen Seiten feststellen. Mir gefallen aber genau diese damaligen Kritikpunkte besonders gut.)

Auf zum zweiten Buch! :klatschen:
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illy

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Re: Henry Fielding - Tom Jones
« Antwort #5 am: 20. April 2008, 17:50:10 »

Ich habe gerade auch das erste Buch beendet.

dem sich gut verheiratenden Heuchler Mr Blifil, der sich schnell verliebte, nämlich in Haus, Garten und sonstigen Besitz des Squires :breitgrins: .

findet das jetzt eigentlich alles chronologisch statt?
d.h. diese Heiratspläne von ihm passieren, während Tom gerade mal einen Monat alt ist oder gab es da irgendwo einen Zeitsprung, den ich verpasst habe?


Ich finde diesen Abschnitt über Klatsch und Tratsch, gerade in Bezug auf Jenny als unverheiratete Mutter sehr interessant, wie schnell Gerüchte in dem kleinen Dörfchen sich entwickeln.
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Saltanah

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Re: Henry Fielding - Tom Jones
« Antwort #6 am: 20. April 2008, 18:13:41 »

dem sich gut verheiratenden Heuchler Mr Blifil, der sich schnell verliebte, nämlich in Haus, Garten und sonstigen Besitz des Squires :breitgrins: .

findet das jetzt eigentlich alles chronologisch statt?
d.h. diese Heiratspläne von ihm passieren, während Tom gerade mal einen Monat alt ist oder gab es da irgendwo einen Zeitsprung, den ich verpasst habe?

Es wird nicht ausdrücklich gesagt, wann Doktor Blifil seinen Bruder, den Captain Blifil einlädt. Aber es dürfte nicht viel später gewesen sein, da sonst für die Ereignisse des zweiten Buches, das endet, als Tom zwei Jahre alt war, nicht genügend Zeit gewesen wäre. Und vorher kann es aus Gründen, an die ich mich noch von der Erstlektüre erinnere :breitgrins: , nicht stattgefunden haben.

Ich finde diesen Abschnitt über Klatsch und Tratsch, gerade in Bezug auf Jenny als unverheiratete Mutter sehr interessant, wie schnell Gerüchte in dem kleinen Dörfchen sich entwickeln.
Besonders gut fand ich, dass auch mal von der Klatschzentrale der (angeblich nicht klatschenden :rollen: - aber Fielding als echter Menschenkenner weiß es besser) Männer die Rede ist!
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Doris

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Re: Henry Fielding - Tom Jones
« Antwort #7 am: 20. April 2008, 22:31:52 »

Ich habe momentan ein wenig zu kämpfen mit dem Buch. Mittags, wenn ich richtig aufnahmebereit bin, turnt meine Tochter um mich herum und nervt ständig, so dass von Ruhe keine Rede sein kann, und abends, wenn ich endlich meine Ruhe hätte, fällt es mir schwer, mich zu konzentrieren, weil ich immer noch mit dem Sprachstil kämpfe. Aber ich bemühe mich, am Ball zu bleiben und nicht zu weit hinter euch zurückzufallen.

Im 2. Buch bin ich noch nicht weit gekommen und kann wenig Gehaltvolles dazu beitragen. Doch zum 1. Buch fiel mir noch etwas auf, das den lieben Squire betrifft. Während seiner Zurechtweisung von Jenny erschien er mir, als würde er die moralische Integrität über alles stellen und soziale oder psychologische Gründen nicht gelten lassen. Mit dieser Einstellung ist er Friedensrichter! Es mag sein, dass das zur Zeit des Erscheinens des Romans die allgemein übliche Denkweise war, aber nicht nur aus heutiger Sicht sollte man doch von jemandem in seiner Position weniger Engstirnigkeit erwarten können. Schließlich gibt er zu, dass er Jenny ganz anders verurteilt hätte, wenn er nicht seinen Nutzen aus ihrer Zwangslage ziehen könnte. Damit macht er sich mir nicht sehr sympathisch. Selbiges gilt auch für Mrs. Deborah, die ebenso bigott erscheint wie ihr Dienstherr. Vor ihr erwarte ich noch einiges.
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Re: Henry Fielding - Tom Jones
« Antwort #8 am: 21. April 2008, 18:56:56 »

Doch zum 1. Buch fiel mir noch etwas auf, das den lieben Squire betrifft. Während seiner Zurechtweisung von Jenny erschien er mir, als würde er die moralische Integrität über alles stellen und soziale oder psychologische Gründen nicht gelten lassen. Mit dieser Einstellung ist er Friedensrichter! Es mag sein, dass das zur Zeit des Erscheinens des Romans die allgemein übliche Denkweise war, aber nicht nur aus heutiger Sicht sollte man doch von jemandem in seiner Position weniger Engstirnigkeit erwarten können. Schließlich gibt er zu, dass er Jenny ganz anders verurteilt hätte, wenn er nicht seinen Nutzen aus ihrer Zwangslage ziehen könnte. Damit macht er sich mir nicht sehr sympathisch. Selbiges gilt auch für Mrs. Deborah, die ebenso bigott erscheint wie ihr Dienstherr.

 :confused: :schulterzuck: Engstirnig? Bigott?? Squire Allworthy???
So schätze ich ihn überhaupt nicht ein. Im Gegenteil ist er doch der großzügigste, ehrlichste und verständnisvollste aller Personen, die bisher aufgetaucht sind. Ich habe eben das 7. Kap., in dem er Jenny "verurteilt", noch einmal gelesen um mich zu vergewissern, dass ich es einigermaßen richtig aufgefasst habe. Entweder bin ich hoffnungslos naiv, oder wir lesen verschiedene Bücher :zwinker: .
Es stimmt schon, bei der Standpauke, die er Jenny hält, redet er viel von ihrem Verstoß gegen die "Gesetze Gottes", von der Gefahr, in die sie ihre unsterbliche Seele gebracht hat. Als bigott würde ich ihn deswegen aber nicht bezeichnen. Meiner Meinung nach ist er ein echt gläubiger Christ, der sich ernsthaft Sorgen um Jennys Zukunft macht, sowohl auf dieser Welt, als auch im Jenseits.
Insofern vertritt er tatsächlich die damalige Meinung, aber engstirnig ist er deswegen absolut nicht. Er sieht zwar Jennys Fehltritt, verurteilt sie aber nicht! Ein Verhalten, dass ein großes Maß an unabhängiger Urteilskraft zeigt. Im Gegensatz (vermute ich) zu den meisten anderen Friedensrichtern (und zu den Erwartungen der Dorfbewohner) steckt er sie eben nicht in ein house of correction, sondern gibt ihr eine zweite Chance, ermöglicht ihr einen Neuanfang anderswo. Hier zeigt er sich meiner Meinung nach als wahrer Christ, der einer Sünderin vergibt und ihr hilft, nicht weiter zu sündigen. Alles andere als bigott.

Zitat
Während seiner Zurechtweisung von Jenny erschien er mir, als würde er die moralische Integrität über alles stellen und soziale oder psychologische Gründen nicht gelten lassen.
Ich denke, es geht ihm hier weniger darum, Ursachenforschung zu betreiben als Jenny vielmehr von weiteren Fehltritten abzuhalten. Dabei fährt er zweigleisig. Einerseits natürlich die religiöse Schiene (Sünderinnen kommen in die Hölle), andererseits führt er ihr - und diese Argumentation habe ich in einem so alten Buch nicht erwartet - die weltlichen Konsequenzen deutlichst vor die Augen, als Abschreckung. Er macht ihr klar, dass sie von ihren Mitmenschen verurteilt werden wird, keine Chance bekommen wird, ihren Lebensunterhalt auf ehrliche Weise zu verdienen und dass ihr ein Leben in Elend bevorstehen wird.
Sein ganzer Vortrag sagt eigentlich nur eines: "Kind, lass das (in Zukunft) sein; es wird übel ausgehen!", und als Ursache für seine Zurechtweisung sehe ich ernsthafte Sorge um Jennys Wohlempfinden.

Wie wenig engstirnig und wie unabhängig er von der herrschenden Meinung ist, zeigt sich auch daran, dass er nicht - wie die meisten - die "Schuld" nur bei Jenny sucht. Im Gegenteil möchte er auch die andere Partei bestrafen, die sonst meist ungeschoren davonkommt. Er denkt daran, dass zur Zeugung eines Kindes zwei Personen notwendig sind, wo sonst üblicherweise nur die Frau verurteilt wird.

Zitat
Schließlich gibt er zu, dass er Jenny ganz anders verurteilt hätte, wenn er nicht seinen Nutzen aus ihrer Zwangslage ziehen könnte.
Das verstehe ich jetzt überhaupt nicht. Welchen Nutzen hat er denn? Und wo sagt er, er hätte sie anders verurteilt? Er redet davon, dass er sie in seiner Funktion als Friedensrichter hart bestrafen könnte, und dass sie vielleicht eine noch härtere Strafe deswegen erwartet, weil sie "ihre Sünde vor seiner Tür abgelegt hat", sagt dann aber auch, dass er über solche persönlichen Belange hinweg sieht. Im Gegenteil deutet er diese Handlung positiv, von Sorge um ihr Kind bestimmt. Welcher andere Freidensrichter hätte denn so argumentiert?
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Doris

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Re: Henry Fielding - Tom Jones
« Antwort #9 am: 21. April 2008, 22:37:09 »

Hallo Saltanah,

mag sein, dass Du es anders siehst, aber Du kennst das Buch bereits und weißt besser, wie man Mr. Allworthy einschätzen muss.

Wie wenig engstirnig und wie unabhängig er von der herrschenden Meinung ist, zeigt sich auch daran, dass er nicht - wie die meisten - die "Schuld" nur bei Jenny sucht. Im Gegenteil möchte er auch die andere Partei bestrafen, die sonst meist ungeschoren davonkommt. Er denkt daran, dass zur Zeugung eines Kindes zwei Personen notwendig sind, wo sonst üblicherweise nur die Frau verurteilt wird.

Das ist richtig. Allerdings lässt er sich anhand einiger fragwürdiger Aussagen sehr schnell davon überzeugen, dass es sich bei dem Übeltäter um Mr. Partridge handelt, der die "Tat" vehement leugnet. Die Aussage von Jenny hätte ein völlig anderes Ergebnis gebracht, war aber nicht möglich, da Jenny vorübergehend nicht anzutreffen war. Kann man dann schon ein Urteil fällen?

Zitat
Schließlich gibt er zu, dass er Jenny ganz anders verurteilt hätte, wenn er nicht seinen Nutzen aus ihrer Zwangslage ziehen könnte.
Das verstehe ich jetzt überhaupt nicht. Welchen Nutzen hat er denn?

Er bekommt einen Erben.

Und wo sagt er, er hätte sie anders verurteilt? Er redet davon, dass er sie in seiner Funktion als Friedensrichter hart bestrafen könnte, und dass sie vielleicht eine noch härtere Strafe deswegen erwartet, weil sie "ihre Sünde vor seiner Tür abgelegt hat", sagt dann aber auch, dass er über solche persönlichen Belange hinweg sieht. Im Gegenteil deutet er diese Handlung positiv, von Sorge um ihr Kind bestimmt. Welcher andere Freidensrichter hätte denn so argumentiert?

Eben diese Stelle meine ich: "...weil sie ihre Sünde vor seiner Tür abgelegt hat". Hätte sie den Säugling etwa vor der Kirchentüre abgelegt, hätte er sie also mit aller Strenge verurteilt? Da drängt sich mir die Frage auf, wie er reagieren würde, wenn dieses Beispiel Schule machte und andere uneheliche Kinder bei ihm abgegeben würden  :breitgrins:. Nein, ich sehe das ein bisschen egoistisch von ihm, daher auch meine schlechte Meinung. Viele Gedanken hat er sich nicht darüber gemacht, wie es für eine Frau sein muss, die ihr Kind irgendwo ablegt, weil sie es vielleicht nicht ernähren kann oder auch die Reaktion ihrer Mitmenschen fürchtet. Doch alles, was dem Richter wichtig ist, sind die öffentlichen Sitten. Auf die Idee, dass die Schwangerschaft nicht unbedingt das Ergebnis einer freiwilligen Beziehung war, kommt er ebenso wenig. Das sind alles Dinge, die ein Richter meines Erachtens ins Kalkül ziehen sollte. Stattdessen stempelt er Jenny als schwache Person ab, die einem "Verderber" erlegen ist. Zugegeben, er gibt ihr die Möglichkeit, ein neues Leben zu beginnen, allerdings auch zu erschwerten Bedingungen, indem sie z. B. keinerlei Besitztümer mehr haben darf.


Das war meine Meinung über den Squire nach dem 1. Buch. Mittlerweile (ich bin jetzt im 3. Buch) hat sie sich etwas gebessert, wenn auch der Vorfall im ..... Buch, als er den Wildhüter entlässt, weil der mit seinem Ziehsohn gewildert hat, um seine hungernden Kinder satt zu kriegen, schon wieder einen Schatten auf ihn fallen lässt. Auch hier ging es ihm nur um die Einhaltung seiner Gesetze; einmal Gnade vor Recht ergehen zu lassen oder auch eine Bestrafung zur Bewährung aufzuerlegen, kam ihm nicht in den Sinn.

Nun, ich habe ja immernoch genügend Seiten und Zeit, um mich eines Besseren belehren zu lassen.

Grüße
Doris

« Letzte Änderung: 21. April 2008, 22:39:32 von Doris »
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Saltanah

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Re: Henry Fielding - Tom Jones
« Antwort #10 am: 21. April 2008, 23:23:56 »

Allerdings lässt er sich anhand einiger fragwürdiger Aussagen sehr schnell davon überzeugen, dass es sich bei dem Übeltäter um Mr. Partridge handelt, der die "Tat" vehement leugnet.

Fragwürdige Aussagen? Gut, wir wissen, dass sie fragwürdig sind. Aber welcher Richter würde ihn nicht verurteilen, nachdem seine Frau ihn (angeblich) mit Jenny im Bett erwischt hat? Immerhin machte er auch noch den Versuch, eine Aussage von Jenny zu bekommen. Es sprach schon einiges für seine Vaterschaft. Beweise gab es zwar (mangels Gentest) nicht, aber Indizien existierten durchaus.

Zitat
Schließlich gibt er zu, dass er Jenny ganz anders verurteilt hätte, wenn er nicht seinen Nutzen aus ihrer Zwangslage ziehen könnte.
Das verstehe ich jetzt überhaupt nicht. Welchen Nutzen hat er denn?

Er bekommt einen Erben.
Sagt er wirklich, er würde das Findelkind zu seinem Erben machen? Ich kann mich daran nicht erinnern, kann aber auch das Gegenteil nicht beschwören. Aber wenn er unbedingt einen Erben haben wollte, könnte er ja ebensogut ein anderes Kind adoptieren; da ist er nicht auf Jennys "Geschenk" angewiesen.

Doch alles, was dem Richter wichtig ist, sind die öffentlichen Sitten.
Nein, es geht ihm meiner Meinung nach vor allem um das Wohlergehen der Betroffenen, in diesem Fall von Jenny (um deren Zukunft in dieser und der nächsten Welt er sich Sorgen macht) und das Kind, von dem er ganz richtig bemerkt, dass er wohl besser für es sorgen könnte als Jenny.

Auf die Idee, dass die Schwangerschaft nicht unbedingt das Ergebnis einer freiwilligen Beziehung war, kommt er ebenso wenig.
Okay, er geht davon aus, dass Jenny "wollte", aber auf die Frage nach dem Kindsvater hatte sie doch Gelegenheit, von einer eventuellen Vergewaltigung/Nötigung erzählen.

Zugegeben, er gibt ihr die Möglichkeit, ein neues Leben zu beginnen, allerdings auch zu erschwerten Bedingungen, indem sie z. B. keinerlei Besitztümer mehr haben darf.
??? Kannst du die entsprechende Stelle zitieren? Ich kann mich daran beim besten Willen nicht erinnern.

Der Squire ist vielleicht nicht perfekt - ein wenig leichtgläubig ist er schon - und geht auch mir mit seinem "Außerehelicher Geschlechtsverkehr ist etwas Furchtbares"-Haltung etwas auf die Nerven. Aber so Unrecht hat er darin ja auch nicht; nicht in der damaligen Zeit, wenn man die Folgen, die er Jenny ja so eindringlich schildert (Ausstoß aus der Gesellschaft, Unmöglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen), bedenkt.

Ich sehe den Squire als einen zutiefst gütigen Menschen, dem das Wohlergehen seiner Mitmenschen am Herzen liegt.
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wolves

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Re: Henry Fielding - Tom Jones
« Antwort #11 am: 22. April 2008, 09:41:06 »

Ich schleich mich mal gerade in euren Thread rein. Es macht Spaß eure Beiträge zu verfolgen! Ich glaube, das Buch könnte auch was für mich sein. Ich werde eure Leserunde weiterverfolgen und wünsch euch noch viele schöne Lesestunden mit dem Buch und interessante Diskussionen hier im Thread :winken:
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Saltanah

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Re: Henry Fielding - Tom Jones
« Antwort #12 am: 22. April 2008, 10:07:37 »

2. Buch:
Also eigentlich ziehe ich ja kurze, effektiv erzählte Bucher vor, aber Fielding gelingt es trotz seiner ausgedehnten Erzählweise, mich zu begeistern. Auch wenn er mehrere Kapitel braucht um zu schildern, was alle schon gleich zu Beginn ahnen: wer nämlich (vielleicht/angeblich) der Vater des Kindes ist. Fielding hat einfach einen zu tollen, absolut ausgefeilten Stil, um mich zu langweilen! Und die Seitenhiebe auf zwar nicht Gott, aber die gesamte Welt sind dermaßen bissig, dass ich ständig grinsen muss, zum Beispiel (1. Kap.) über die Beobachtung, dass Zeitungen immer gleich viel Buchstaben haben, egal wie viel es zu berichten gibt - Sauregurkenzeit gab es also schon vor 250 Jahren :breitgrins: .
Oder auch über Captain Blifils Gedanken zu "wahrer Wohltätigkeit im christlichen Sinne" (5. Kap.), deren letzter Zweck es wohl ist, sein (Blifils) zukünftiges Vermögen nicht zu mindern. Armer Blifil übrigens - da hat er sich seine Zukunft als Erbe (na ja, Vater des Erben, aber über solche Feinheiten sieht er großzügig hinweg) von Allworthys Vermögen so schön ausgemalt, als ihm ein Strich durch die Rechnung gemacht wird:
Zitat von: 9. Kap.
Mir nichts, dir nichts stirbt er einfach! Zutiefst betrauert :zwinker: von seiner Witwe natürlich und von Mr Allworthy mit einem Nachruf versehen (okay, Allworthy ist wirklich etwas arg gutgläubig) der zeigt, dass sein Verfasser "den Captain wirklcih sehr gut kannte". totlach
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fairy

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Re: Henry Fielding - Tom Jones
« Antwort #13 am: 22. April 2008, 14:57:48 »

Hallo ihr!

Entschuldigt, dass ich mich jetzt erst melde, aber ich lag die letzten Tage wirklich flach und konnte nicht mal mehr lesen. Gestern Abend konnte ich dann aber endlich anfangen und habe heute das 1. Buch beendet.

Ich finde diesen Abschnitt über Klatsch und Tratsch, gerade in Bezug auf Jenny als unverheiratete Mutter sehr interessant, wie schnell Gerüchte in dem kleinen Dörfchen sich entwickeln.

Ja, den Abschnitt fand ich auch sehr interessant. Vor allem war ich erstaunt, wie schnell die Stimmung bei den Bewohnern umschwingt. Am Anfang sind sie noch alle von Allworthy und seinen edlen Taten begeistert und kurze Zeit später geht das Gerücht um, dass er selbst der Vater ist und schon ist er der Böse.
 
Auf die Idee, dass die Schwangerschaft nicht unbedingt das Ergebnis einer freiwilligen Beziehung war, kommt er ebenso wenig.
Okay, er geht davon aus, dass Jenny "wollte", aber auf die Frage nach dem Kindsvater hatte sie doch Gelegenheit, von einer eventuellen Vergewaltigung/Nötigung erzählen.

Irgendjemand erwähnt auf jeden Fall, dass Jenny vergewaltigt oder gezwungen worden könnte oder dass ihr derjenige eine Heirat versprochen hat und es dann nicht eingehalten hat. Ich weiß aber nicht, ob Allworthy das auch in Betracht zieht, in der Bevölkerung scheint sie ja nicht so schlecht dazustehen. Die meisten haben nur Mitleid mit ihr. Und es könnte viele Gründe geben, aus denen sie eine Vergewaltigung verschweigt.

Bis jetzt gefällt mir das Buch sehr gut. Das einzige, was mich stört, sind diese arg kurzen Kapitel. Irgendwie ist das total unangenehm zu lesen, finde ich.

fairy
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Re: Henry Fielding - Tom Jones
« Antwort #14 am: 22. April 2008, 16:12:24 »

 :redface: Ist mir ja wirklich peinlich, aber ich finde das Buch nicht mehr.  :redface:
Buchkaufsucht und Messietum sind eine furchtbare Kombination  :rollen:
und wenn man das Buch dann auch noch rechtzeitig raussucht und an einen Ort legt, an dem man es bestimmt wiederfindet, hat man schon verloren  :grmpf:
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