Doch zum 1. Buch fiel mir noch etwas auf, das den lieben Squire betrifft. Während seiner Zurechtweisung von Jenny erschien er mir, als würde er die moralische Integrität über alles stellen und soziale oder psychologische Gründen nicht gelten lassen. Mit dieser Einstellung ist er Friedensrichter! Es mag sein, dass das zur Zeit des Erscheinens des Romans die allgemein übliche Denkweise war, aber nicht nur aus heutiger Sicht sollte man doch von jemandem in seiner Position weniger Engstirnigkeit erwarten können. Schließlich gibt er zu, dass er Jenny ganz anders verurteilt hätte, wenn er nicht seinen Nutzen aus ihrer Zwangslage ziehen könnte. Damit macht er sich mir nicht sehr sympathisch. Selbiges gilt auch für Mrs. Deborah, die ebenso bigott erscheint wie ihr Dienstherr.

Engstirnig? Bigott?? Squire Allworthy???
So schätze ich ihn überhaupt nicht ein. Im Gegenteil ist er doch der großzügigste, ehrlichste und verständnisvollste aller Personen, die bisher aufgetaucht sind. Ich habe eben das
7. Kap., in dem er Jenny "verurteilt", noch einmal gelesen um mich zu vergewissern, dass ich es einigermaßen richtig aufgefasst habe. Entweder bin ich hoffnungslos naiv, oder wir lesen verschiedene Bücher

.
Es stimmt schon, bei der Standpauke, die er Jenny hält, redet er viel von ihrem Verstoß gegen die "Gesetze Gottes", von der Gefahr, in die sie ihre unsterbliche Seele gebracht hat. Als bigott würde ich ihn deswegen aber nicht bezeichnen. Meiner Meinung nach ist er ein echt gläubiger Christ, der sich ernsthaft Sorgen um Jennys Zukunft macht, sowohl auf dieser Welt, als auch im Jenseits.
Insofern vertritt er tatsächlich die damalige Meinung, aber engstirnig ist er deswegen absolut nicht. Er sieht zwar Jennys Fehltritt, verurteilt sie aber nicht! Ein Verhalten, dass ein großes Maß an unabhängiger Urteilskraft zeigt. Im Gegensatz (vermute ich) zu den meisten anderen Friedensrichtern (und zu den Erwartungen der Dorfbewohner) steckt er sie eben nicht in ein
house of correction, sondern gibt ihr eine zweite Chance, ermöglicht ihr einen Neuanfang anderswo. Hier zeigt er sich meiner Meinung nach als wahrer Christ, der einer Sünderin vergibt und ihr hilft, nicht weiter zu sündigen. Alles andere als bigott.
Während seiner Zurechtweisung von Jenny erschien er mir, als würde er die moralische Integrität über alles stellen und soziale oder psychologische Gründen nicht gelten lassen.
Ich denke, es geht ihm hier weniger darum, Ursachenforschung zu betreiben als Jenny vielmehr von weiteren Fehltritten abzuhalten. Dabei fährt er zweigleisig. Einerseits natürlich die religiöse Schiene (Sünderinnen kommen in die Hölle), andererseits führt er ihr - und diese Argumentation habe ich in einem so alten Buch nicht erwartet - die weltlichen Konsequenzen deutlichst vor die Augen, als Abschreckung. Er macht ihr klar, dass sie von ihren Mitmenschen verurteilt werden wird, keine Chance bekommen wird, ihren Lebensunterhalt auf ehrliche Weise zu verdienen und dass ihr ein Leben in Elend bevorstehen wird.
Sein ganzer Vortrag sagt eigentlich nur eines: "Kind, lass das (in Zukunft) sein; es wird übel ausgehen!", und als Ursache für seine Zurechtweisung sehe ich ernsthafte Sorge um Jennys Wohlempfinden.
Wie wenig engstirnig und wie unabhängig er von der herrschenden Meinung ist, zeigt sich auch daran, dass er nicht - wie die meisten - die "Schuld" nur bei Jenny sucht. Im Gegenteil möchte er auch die andere Partei bestrafen, die sonst meist ungeschoren davonkommt. Er denkt daran, dass zur Zeugung eines Kindes zwei Personen notwendig sind, wo sonst üblicherweise nur die Frau verurteilt wird.
Schließlich gibt er zu, dass er Jenny ganz anders verurteilt hätte, wenn er nicht seinen Nutzen aus ihrer Zwangslage ziehen könnte.
Das verstehe ich jetzt überhaupt nicht. Welchen Nutzen hat er denn? Und wo sagt er, er hätte sie anders verurteilt? Er redet davon, dass er sie in seiner Funktion als Friedensrichter hart bestrafen könnte, und dass sie vielleicht eine noch härtere Strafe deswegen erwartet, weil sie "ihre Sünde vor seiner Tür abgelegt hat", sagt dann aber auch, dass er über solche persönlichen Belange hinweg sieht. Im Gegenteil deutet er diese Handlung positiv, von Sorge um ihr Kind bestimmt. Welcher andere Freidensrichter hätte denn so argumentiert?