
Inhalt: Nach einer größeren Amnestie finden sich sowohl der junge Ángel Santiago, der wegen Pferdediebstahls im Gefängnis war, als auch der ältere Nicolás Vergara Grey, ein Gentleman-Räuber, in Freiheit und den Straßen von Santiago de Chile wieder. Ángel stößt bei seinen ersten Streifzügen auf die Ballettschülerin Victoria Ponce, mit der er sich sogleich anfreundet. Victoria ist der Schule verwiesen und für die Ballettschule hat sie auch bald kein Geld mehr. Ángel hilft ihr, so gut er kann. Gleichzeitig versucht er, Vergara Grey von einem gemeinsamen Coup zu überzeugen, der sie auf Kosten eines Profiteurs des Pinochet-Regimes reich machen würde, ein Mitinsasse an Ángel an Vergara Grey „empfohlen“. Letzterer will sich auf keine illegalen Aktivitäten mehr einlassen, ihn interessiert vor allem die Aussöhnung mit seiner Familie, an der seine Frau aber ihrerseits kein Interesse zeigt. Gleichzeitig ist ein zu lebenslänglich verurteilter Mörder vorübergehend und heimlich auf freiem Fuß, um Ángel zu töten – im Auftrag des Gefängnisdirektors, der Ángels Rache fürchtet.
Meine Meinung: Ein wunderbares Buch in mehrfacher Hinsicht. Skármetas Personen sind sehr liebevoll gezeichnet, mit all ihren großen und kleinen Wünschen, Träumen und Hoffnungen, die der Realität nur schwer standhalten. Ángel und Vergara Grey müssen sich in Freiheit erst einmal wieder neu orientieren, auch weil sich die Welt außerhalb der Gefängnismauern während ihrer Haftzeiten sehr verändert hat. Lohnt es sich, ehrlich zu werden, wie Vergara Grey plant? Auch, wenn es die Familie nicht versöhnt? In dem Maße, wie diese Hoffnung zerbröckelt, gewinnt die Aussicht auf ein zumindest finanziell sorgloses Leben durch den Coup für Vergara Grey an Reiz. Ángel ist ein ganz anderer Typ, jung und etwas ungestüm, im Gefängnis gedemütigt und daher durchaus von Rachegedanken gegen den Gefängnisdirektor erfüllt. Aber er findet in der Verantwortung, die er für Victoria übernimmt, eine neue Aufgabe, die ihn reifen läßt. Das Mädchen leidet unter einer depressiven Mutter und der Erinnerung an den Vater, der noch während der Diktatur ermordet wurde. In Ángel findet sie zum ersten Mal jemanden, der bedingungslos an sie glaubt. Zusammen mit den gleichfalls gut gestalteten Nebencharakteren ist damit die Basis für die Choreographie der Geschichte gelegt.
Skármetas Sprache trägt ein übriges zur Wirkung dieser Geschichte bei, denn sie ist im besseren Sinne poetisch: zart, aber ohne Zuckerguß und ohne dabei um die auch weniger schönen Seiten des Lebens einen Bogen zu machen. Teilweise bekommt es sogar märchenhafte Anklänge, was sehr gut zum Inhalt paßt. Das gilt auch für das traurige Ende, denn ein anderes wäre hier nicht angemessen gewesen, im Gegenteil: es hätte die Erzählung sogar verdorben.

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Schönen Gruß,
Aldawen