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Autor Thema: [Aserbaidschan] Anar – Der sechste Stock eines fünfstöckigen Hauses  (Gelesen 784 mal)

Aldawen

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Inhalt: Zaur, ein junger Mann aus gutem Hause, verliebt sich in Tehmine, die einen schlechten Ruf hat. Ihr werden viele Männergeschichten nachgesagt, jedoch bleiben – wie das bei Gerüchten so ist – die Urheber genauso im Dunklen wie der Anlaß. Tatsächlich ist Tehmine eine sehr selbstbewußte und unabhängige Frau, die sich auch von Zaur nichts vorschreiben läßt. Sie erklärt die Beziehung für beendet, als sie Baku verläßt und eine Stelle in Moskau beim Fernsehen antritt. Zaur besucht sie dort, und die eigentlich schon vorbei geglaubte Liebesgeschichte beginnt erst richtig. Als Tehmine nach Baku zurückkehrt, überwirft sich Zaur wegen ihr mit seinen Eltern und zieht zu Tehmine, die von seinen Eltern schon eingefädelte Hochzeit mit der Nachbarstochter steht damit zur Disposition. Aber Zaur ist mißtrauisch und eifersüchtig, hinter jedem Telefonat, hinter jedem etwas verspäteten Ausbleiben Tehmines, hinter jedem falsch geparkten Auto wittert er ihren Betrug. Der Streit eskaliert und Zaur verläßt die gemeinsame Wohnung, um zu seinen Eltern zurückzukehren und sich auf die arrangierte Ehe mit Firengiz einzulassen. Tehmine versinkt in ihrer Musik und im Alkohol.

Über den Autor (aus dem Buch, Stand 1992): Anar (eigentlich Anar oğlu Rizayev) wurde 1938 als Sohn des berühmten Schriftstellers Resul Riza und der Lyrikerin Nigâr Refibeyli geboren. Ers tudierte an der philologischen Fakultät der Kirow-Universität in Baku und ist seit 1968 Mitarbeiter bzw. Redaktor mehrerer aserbaidschanischer Literaturzeitschriften. Im Juli 1987 wurde er zum Vorsitzenden des aserbaidschanischen Schriftstellerverbandes gewählt. Als bedeutender Vertreter einer Schriftstellergeneration, der es früher beinahe unmöglich war, ihre Werke zu publizieren, hat Anar sich mit gesellschaftskritischen Romanen, Erzählungen, Essays, Drehbüchern, Filmen und Theaterstücken auch über die Grenzen der Sowjetunion hinaus einen Namen gemacht.


Meine Meinung: Anar erzählt eine Geschichte, die so oder zumindest so ähnlich auch anderswo spielen könnte. Die gescheiterte Beziehung resultiert im wesentlichen aus Zaurs Unfähigkeit, sich auf Tehmine vertrauensvoll einzulassen, allerdings wird dies durch die Klatschgeschichten und Verleumdungen, mit denen vor allem seine Mutter ihn „versorgt“, auch nicht gerade einfacher. Die Verbindung ist nicht standesgemäß und wird deshalb von seinen Eltern nach allen Regeln der Kunst torpediert – letztlich mit Erfolg. So unsympathisch wie Zaurs Eltern präsentiert sich auch das übrigen Personal des Romans (wenn auch aus je sehr verschiedenen Gründen) mit Ausnahme der beiden Hauptpersonen, der für Zaur ausgesuchten zukünftigen Ehefrau Firengiz (kein Wunder, sie spricht kein einziges Wort) und Tehmines Freundin Medine. Es ist schon traurig mitverfolgen zu müssen, wie leichtfertig beide, besonders aber Zaur, mit ihrer Beziehung umgehen. Tehmine wirkt durchaus flatterhaft und etwas labil, und dafür war Zaur dann als verwöhnter Jüngling einfach auch nicht die rechte Stütze.

Der Roman beginnt mit Zaurs und Firengiz' Hochzeitsreise, dann wird rückblickend die Geschichte von Zaur und Tehmine erzählt, um dann noch ein Ende nach der Hochzeitsreise und, bezogen auf den Zeitpunkt des Erscheinens des Romans, einen Zukunftsausblick auf das restliche Leben der Hauptpersonen zu werfen. Auf diesen letzten Seiten erklärt sich dann auch der seltsame Buchtitel, der mich vor allem anderen auf das Buch neugierig gemacht hatte  :zwinker:  Auf dem Buchrücken wird der Autor wie folgt zitiert, und das ist ein schönes Fazit: „Alle, die durch ihre negativen Eigenschaften überlebt haben, sind eigentlich die Toten. Nur Tehmine bleibt lebendig.“

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Schönen Gruß,
Aldawen

Land im Betreff ergänzt.
« Letzte Änderung: 26. Mai 2011, 18:23:31 von Aldawen »
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Bettina

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Re: Anar – Der sechste Stock eines fünfstöckigen Hauses
« Antwort #1 am: 27. April 2008, 21:54:56 »

Der Roman beginnt mit Zaurs und Firengiz' Hochzeitsreise, dann wird rückblickend die Geschichte von Zaur und Tehmine erzählt, um dann noch ein Ende nach der Hochzeitsreise und, bezogen auf den Zeitpunkt des Erscheinens des Romans, einen Zukunftsausblick auf das restliche Leben der Hauptpersonen zu werfen. Auf diesen letzten Seiten erklärt sich dann auch der seltsame Buchtitel, der mich vor allem anderen auf das Buch neugierig gemacht hatte  :zwinker:  Auf dem Buchrücken wird der Autor wie folgt zitiert, und das ist ein schönes Fazit: „Alle, die durch ihre negativen Eigenschaften überlebt haben, sind eigentlich die Toten. Nur Tehmine bleibt lebendig.“

Man sollte den Buchrücken nicht vor dem Rest lesen, scheint mir. Dabei lese ich immer die Klappentexte zuerst *seufz* Kann sein, dass ich falsch liege, aber das Fazit des Autoren scheint mir das Ende zu verraten?
Der Buchtitel wäre jedenfalls etwas, was auch mich neugierig gemacht hat. :winken:
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Aldawen

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Re: Anar – Der sechste Stock eines fünfstöckigen Hauses
« Antwort #2 am: 27. April 2008, 22:03:28 »

aber das Fazit des Autoren scheint mir das Ende zu verraten?

Ja und nein, präziser kann ich das nicht sagen, es ist eine Frage der Perspektive  :breitgrins:

Schönen Gruß,
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Bettina

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Re: Anar – Der sechste Stock eines fünfstöckigen Hauses
« Antwort #3 am: 24. Mai 2011, 09:57:09 »

Ich habe für mein Reiseziel Aserbaidschan auf der literarischen Weltreise inzwischen dieses Buch gelesen:

Meine Eindrücke
Die verheiratete Tehmine und Zaur, der junge Professorensohn, verbringen eine kurze, sehr schöne Zeit miteinander. Ginge es nach Tehmine, sollte es dabei bleiben. Doch Zaur reist der Geliebten hinterher und aus der Affäre wird eine Beziehung. Tehmine lässt sich von ihrem Mann scheiden, der sie ohnehin seit Jahren betrügt, und zieht mit Zaur zusammen. Doch das Glück, dass sich die beiden aufbauen könnten, wird an Zaur und seiner Familie zerbrechen.

Zwischen die beiden stellt sich am Ende fast ganz Baku. Zaurs Familie setzt alles daran, die beiden auseinander zu bringen und zeigt sich bei der Wahl der Waffen geradezu mittelalterlich unzimperlich: Die Mutter keift, erzählt Lügen und streut Gerüchte. Zaurs Eltern moblilisieren ihre Bekannten und alle möglichen Mitarbeiter in Zaurs Verlag, um auf den Sohn einzuwirken - um nicht zu sagen, sie erpressen ihn über alle ihnen zur Verfügung stehenden Kanäle. Auch telefonische Beleidigunsattacken - mal namentlich, mal anonym - gehören zum Waffenarsenal. Unter dem massiven Druck brechen letzen Endes die Liebenden zusammen.

Anar erzählt eine wahrhaft traurige Liebesgeschichte - und das ist sie nicht, weil sich die beiden Liebenden am Ende "nicht kriegen". Was die Geschichte traurig macht, ist das Aufeinanderprallen von Tehmines Selbstbewusstsein und Lebenslust und Zaurs Unreife in jeder Hinsicht. Tehmine weiß ziemlich genau, dass sie den geliebten Zaur gehen lassen muss. Weil Zaur aber Tehmine nicht gehen lassen will, spitzt sich die Situation zu.

Anar erweckt seine Figuren sehr gut zum Leben. Nur für wenige allerdings empfindet man Sympathie. Selbst Zaur hätte ich gelegentlich lieber einen Satz Backpfeifen verpasst, denn er kann weder mit Tehmine richtig umgehen, noch mit seiner Familie. Die eingefädelte Ehe mit der schweigsamen und völlig farblosen Firengiz scheint ihm recht egal; ein neues Auto und eine eigene Wohnung sind jedoch aussichtsreiche Lockmittel, um den geliebten Menschen fallen zu lassen.

Tehmine lebt sehr eigenständig und beruflich recht erfolgreich als Ansagerin beim Fernsehen. Damit lebt sie einen Standard, der nicht nur vor 30 Jahren und nicht nur in Aserbaidschan für Misstrauen sorgte. Dadurch finde ich den Roman recht zeitlos und es ist fast schon schade, dass das Buch vergriffen und eine Neuauflage derzeit nicht geplant ist.

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Aldawen, war gut, dass Du mich neugierig gemacht hast :winken:
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Aldawen

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Re: Anar – Der sechste Stock eines fünfstöckigen Hauses
« Antwort #4 am: 24. Mai 2011, 11:23:40 »

Aldawen, war gut, dass Du mich neugierig gemacht hast :winken:

Immer gerne  :winken:
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