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Autor Thema: Tom Rob Smith, Kind 44  (Gelesen 2837 mal)

Doris

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Re: Tom Rob Smith, Kind 44
« Antwort #15 am: 23. April 2009, 22:07:19 »

Bei dem außerordentlich starken Rattenaufkommen in diesem Thread frage ich mich langsam, ob ich das gleiche Buch lese wie ihr. Ich hänge um Seite 80 herum und überlege, ob mir meine Zeit dafür nicht doch zu schade ist. Zum einen kommt mir nicht nur die Handlung, sondern auch die Sprache ziemlich plump vor, zum anderen lässt mich das erste richtige Spannungshoch befürchten, dass da noch mehr Unwahrscheinliches auf mich zukommt.

Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass

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Könnt ihr mir sagen, ob es in dem Stil weitergeht? Ich wäre schon neugierig zu erfahren, was den Erfolg dieses Buches ausmacht.

Grüße
Doris
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Es ist nicht wenig Zeit, was wir haben,
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Lucius Annaeus Seneca

Thanquola

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Re: Tom Rob Smith, Kind 44
« Antwort #16 am: 24. April 2009, 21:04:43 »

Hallo Doris,

ich kann mich nicht mehr so genau erinnern, aber ich glaube, es gab schon ein paar Stellen, die mir nicht ganz logisch erschienen. Das Motiv selbst fand ich auch nicht völlig glaubwürdig. Trotzdem hat mir das Buch sehr gut gefallen. Es ist (finde ich) ein richtig toller Pageturner und sehr atmosphärisch. Bei mir sind die Seiten jedenfalls regelrecht dahingeflogen und den nächsten Teil habe ich auch schon dastehen.

Nicht so gut gefallen hat mir der Schluss des Buches:
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Meine Bewertung: 4ratten
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Doris

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Re: Tom Rob Smith, Kind 44
« Antwort #17 am: 28. April 2009, 22:50:23 »

Bei mir sind die Seiten jedenfalls regelrecht dahingeflogen ...

Nun ja, dahingeflogen sind die Seiten bei mir auch, was allerdings an dem relativ einfachen Stil des Buches liegt. Etwas Spannung kam zum Schluss hin doch noch auf, wenn auch teilweise durch weitere unglaubwürdige Szenen. Das für mich wichtigste Thema des Buches, die Schilderung der Zustände in der damaligen Sowjetunion, wird in diesem Buch als Mittel zum Zweck verwendet, indem sehr einseitig ständig neue Gewaltszenen oder der Machtmissbrauch der Obrigkeit ausführlich beschrieben werden. Die Figuren blieben dagegen blass, es fehlte an Fingerspitzengefühl für die charakterlichen Eigenheiten. Durch die oberflächliche Darstellung blieben manche Handlungen der Protagonisten für mich auch angesichts der Schnelligkeit der Geschehnisse schlecht nachvollziehbar.

Die Handlung stützt sich auf einen wahren Fall, aber die Umsetzung dieses Themas finde ich nicht besonders gelungen. Die Gewalt wird zu sehr in den Vordergrund gerückt bzw. zu effekthascherisch dargestellt. Viele Einzelszenen, die zu wenig ausführlich behandelt werden. Es liest sich alles ein bisschen wie das Drehbuch für einen Kinofilm.

2ratten

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Lucius Annaeus Seneca

Thanquola

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Re: Tom Rob Smith, Kind 44
« Antwort #18 am: 29. April 2009, 00:45:02 »

Mich hat das Buch auf jeden Fall animiert, mich näher mit dem Thema zu beschäftigen. Während des Lesens habe ich eine ganze Reihe Bücher über Stalin und Rußland auf meine Wunschliste gesetzt. Jetzt muss ich die bloss noch abarbeiten.  :zwinker:

In einer Kritik bei Amazon schrieb jemand, er fühlte sich eher an die McCarthy-Ära erinnert (noch so etwas, über das ich kaum etwas weiß). Keine Ahnung, auf jeden Fall möchte ich aber noch mehr darüber lesen!
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illy

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Re: Tom Rob Smith - Child 44
« Antwort #19 am: 16. Juli 2010, 09:29:05 »

Die eigentliche Geschichte beginnt damit, dass MGB (Vorgänger des KGB) -Mitarbeiter Leo der Familie eines kleinen toten Jungen erklärt, dass es kein Verbrechen, sondern ein Unfall war und die Gerüchte, der Junge wäre nackt gewesen, Lügen. Würden die Eltern darauf bestehen, wäre das staatsfeindliches Verhalten – und welche Folgen das in der stalinistischen Sowjetunion hat, weiß jeder der Anwesenden und auch dem Leser wird das System deutlich gemacht:

Ein vielsagendes Beispiel, wie man im MGB aufsteigen kann: V. hat seinen Bruder wegen eines Anti-Stalin-Witzes (in betrunkenem Zustand gemacht) angezeigt und damit ins Gulag gebracht. Das hat ihm zu einer Beförderung verholfen. Als der Bruder dann aber ausbrach, kam es zu einer Degradierung. Und da er keinen weiteren Bruder zum Denunzieren mehr hatte, sucht er nun andere Möglichkeiten zum Aufstieg...

Doch dann wird Leo aufgefordert wird, zu untersuchen, ob seine Frau eine Spionin ist. Und es gilt die Devise, dass verdächtig im Normalfall mit schuldig gleichgesetzt wird!

Leo ist ein Überzeugungstäter. Solange er glaubt, für ein gutes Ziel zu arbeiten, rechtfertigt das Ziel praktisch sämtliche Mittel. Aber als er seinen Glauben ans System verliert, ist er genauso bereit, für ein anderes Ziel alles zu riskieren und zu opfern. Er ist von einer Konsequenz, die man in gewisser Weise nur bewundern kann und kann deswegen, trotz manchmal unsympathischer Handlungsweisen, die Sympathie des Lesers erringen. Seine Frau wirkt am Anfang wie ein blasses Anhängsel, entwickelt sich aber im Verlauf der Geschichte zu einer Persönlichkeit. Das Verbrechen, welches Leo auf eigene Faust untersucht, hat zwar einige Schwächen bezüglich der Motivation des Täters, ist aber gut geschildert und würde alleine bereits für jeden durchschnittlichen Thriller ausreichen. Es spielt aber trotzdem für mich nur eine Nebenrolle, neben der Darstellung eines unmenschlichen Systems. Ich wusste ja eigentlich schon, dass die Stalin-UdSSR eine miese Diktatur war und auch dass unzählige Personen in Lagern verschwanden, aber die Dimensionen, mit denen dieser Staat in das Leben der einzelnen, eigentlich unpolitischen Menschen eingegriffen hat, waren mir nicht so sehr bewusst.

Ich konnte mir bis kurz vor Schluss von „Child 44“ nicht vorstellen, wie der Autor ein glaubwürdiges Ende hin bekommen sollte, das eine Fortsetzung erlaubt, aber er hat das Problem sehr gut gelöst und deswegen steht der Folgeband bereits auf meinem Wunschzettel, ich hoffe er wird genauso interessant und spannend wie dieses Buch.

4ratten:marypipeshalbeprivatmaus:
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Ein Buch, das man liebt, darf man nicht leihen, sondern muss es besitzen.  (Friedrich Nietzsche)

dubh

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Re: Tom Rob Smith - Child 44
« Antwort #20 am: 16. Juli 2010, 22:35:25 »

Hallo,

dieser Thread ist einer, den ich stets gerne lese, weil das Buch auf mich eine nachhaltige Wirkung hat. Immer mal wieder fallen mir beim Lesen anderer Stellen aus diesem Buch ein oder aber ich stolpere bei irgendwelchen Dokus oder Artikel über diese Zeit über meine Erinnerungen an "Kind 44". Tom Rob Smith hat uns nichts neues, nichts sensationelles erzählt, aber dennoch hat er bei mir Eindruck hinterlassen. Er hat mir die normalen Menschen, die in dieser Diktatur zurechtkommen mussten, näher gebracht, hat Ängste und Oppurtunismus greifbar werden lassen...

Leo ist ein Überzeugungstäter. Solange er glaubt, für ein gutes Ziel zu arbeiten, rechtfertigt das Ziel praktisch sämtliche Mittel. Aber als er seinen Glauben ans System verliert, ist er genauso bereit, für ein anderes Ziel alles zu riskieren und zu opfern. Er ist von einer Konsequenz, die man in gewisser Weise nur bewundern kann und kann deswegen, trotz manchmal unsympathischer Handlungsweisen, die Sympathie des Lesers erringen.

Leo wirkt für mich als Person vor allem realistisch. Er ist kein Held (ausgenommen vom Großen Vaterländischen Krieg), sondern - wie Du schon sagst - ein Überzeugungstäter, der nicht über Folgen nachdenkt. Er denkt "an das große Ganze" und dafür kann er sich die Hände - ohne mit der Wimper zu zucken - schmutzig machen. Aber Leo ist nicht unbelehrbar, kein schlechter Mensch an sich. Als er begreift, was das System den Menschen abverlangt oder gar antut, wandelt er sich... Leo ist nicht schwarz und nicht weiß, das macht ihn in meinen Augen glaubhaft. Und es hat mich mehr als einmal nachdenklich gemacht - nachdenklich, wie ich mich in solch einem Regime verhalten hätte. Arrangieren? Widerstehen? Kämpfen? Mitmachen? Im Nachhinein ist man ja duchaus versucht zu denken, dass man natürlich auf der richtigen Seite gestanden hätte - aber das ist (jetzt) leichter gesagt und vor allem bloße Spekulation. Und Wunschdenken, natürlich.

Zitat
Das Verbrechen, welches Leo auf eigene Faust untersucht, hat zwar einige Schwächen bezüglich der Motivation des Täters, ist aber gut geschildert und würde alleine bereits für jeden durchschnittlichen Thriller ausreichen. Es spielt aber trotzdem für mich nur eine Nebenrolle, neben der Darstellung eines unmenschlichen Systems. Ich wusste ja eigentlich schon, dass die Stalin-UdSSR eine miese Diktatur war und auch dass unzählige Personen in Lagern verschwanden, aber die Dimensionen, mit denen dieser Staat in das Leben der einzelnen, eigentlich unpolitischen Menschen eingegriffen hat, waren mir nicht so sehr bewusst.

Und hier bin ich immer wieder uneins mit dem Verlag: das Cover und der Klappentext deuten ja sehr auf einen Thriller hin - der Titel (mit dem Hinweis auf Kinder) lässt schon vielen potentiellen LeserInnen das Blut vorher in den Adern gefrieren... Ob man das Buch auch anders verpacken hätte können? Denn die Thriller-Handlung empfinde ich - ebenso wie Du - als Nebenhandlung. Auch wenn "Kind 44" durchaus erfolgreich war (Bestsellerliste, etc.) so würde ich ihm nach wie vor mehr LeserInnen wünschen, weil es durchaus nachhaltig ist.

Liebe Grüße
dubh
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illy

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Re: Tom Rob Smith - Child 44
« Antwort #21 am: 17. Juli 2010, 06:56:17 »

dieser Thread ist einer, den ich stets gerne lese, weil das Buch auf mich eine nachhaltige Wirkung hat. Immer mal wieder fallen mir beim Lesen anderer Stellen aus diesem Buch ein oder aber ich stolpere bei irgendwelchen Dokus oder Artikel über diese Zeit über meine Erinnerungen an "Kind 44". Tom Rob Smith hat uns nichts neues, nichts sensationelles erzählt, aber dennoch hat er bei mir Eindruck hinterlassen. Er hat mir die normalen Menschen, die in dieser Diktatur zurechtkommen mussten, näher gebracht, hat Ängste und Oppurtunismus greifbar werden lassen...

Genau das hat mir auch so gut gefallen, die Darstellung des Alltags, des Durchschnittsmenschen.

Und hier bin ich immer wieder uneins mit dem Verlag: das Cover und der Klappentext deuten ja sehr auf einen Thriller hin - der Titel (mit dem Hinweis auf Kinder) lässt schon vielen potentiellen LeserInnen das Blut vorher in den Adern gefrieren... Ob man das Buch auch anders verpacken hätte können? Denn die Thriller-Handlung empfinde ich - ebenso wie Du - als Nebenhandlung. Auch wenn "Kind 44" durchaus erfolgreich war (Bestsellerliste, etc.) so würde ich ihm nach wie vor mehr LeserInnen wünschen, weil es durchaus nachhaltig ist.

Stimmt, ich würde das Buch auch nicht unbedingt unter Thriller einordnen, allerdings bekommt das Buch auf diese Weise möglicherweise mehr Leser, als wenn es als Roman über Stalin-Russland angepriesen worden wäre.  MAn muss einfach hoffen, dass auch "Nicht-Thriller-Leser" über dieses Buch stolpern und sich nicht abschrecken lassen, bloß weil es um Kindsmorde geht (es gibt ja durchaus Leute, die gerade so Bücher nicht lesen wollen)
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