Die eigentliche Geschichte beginnt damit, dass MGB (Vorgänger des KGB) -Mitarbeiter Leo der Familie eines kleinen toten Jungen erklärt, dass es kein Verbrechen, sondern ein Unfall war und die Gerüchte, der Junge wäre nackt gewesen, Lügen. Würden die Eltern darauf bestehen, wäre das staatsfeindliches Verhalten – und welche Folgen das in der stalinistischen Sowjetunion hat, weiß jeder der Anwesenden und auch dem Leser wird das System deutlich gemacht:
Ein vielsagendes Beispiel, wie man im MGB aufsteigen kann: V. hat seinen Bruder wegen eines Anti-Stalin-Witzes (in betrunkenem Zustand gemacht) angezeigt und damit ins Gulag gebracht. Das hat ihm zu einer Beförderung verholfen. Als der Bruder dann aber ausbrach, kam es zu einer Degradierung. Und da er keinen weiteren Bruder zum Denunzieren mehr hatte, sucht er nun andere Möglichkeiten zum Aufstieg...
Doch dann wird Leo aufgefordert wird, zu untersuchen, ob seine Frau eine Spionin ist. Und es gilt die Devise, dass verdächtig im Normalfall mit schuldig gleichgesetzt wird!
Leo ist ein Überzeugungstäter. Solange er glaubt, für ein gutes Ziel zu arbeiten, rechtfertigt das Ziel praktisch sämtliche Mittel. Aber als er seinen Glauben ans System verliert, ist er genauso bereit, für ein anderes Ziel alles zu riskieren und zu opfern. Er ist von einer Konsequenz, die man in gewisser Weise nur bewundern kann und kann deswegen, trotz manchmal unsympathischer Handlungsweisen, die Sympathie des Lesers erringen. Seine Frau wirkt am Anfang wie ein blasses Anhängsel, entwickelt sich aber im Verlauf der Geschichte zu einer Persönlichkeit. Das Verbrechen, welches Leo auf eigene Faust untersucht, hat zwar einige Schwächen bezüglich der Motivation des Täters, ist aber gut geschildert und würde alleine bereits für jeden durchschnittlichen Thriller ausreichen. Es spielt aber trotzdem für mich nur eine Nebenrolle, neben der Darstellung eines unmenschlichen Systems. Ich wusste ja eigentlich schon, dass die Stalin-UdSSR eine miese Diktatur war und auch dass unzählige Personen in Lagern verschwanden, aber die Dimensionen, mit denen dieser Staat in das Leben der einzelnen, eigentlich unpolitischen Menschen eingegriffen hat, waren mir nicht so sehr bewusst.
Ich konnte mir bis kurz vor Schluss von „Child 44“ nicht vorstellen, wie der Autor ein glaubwürdiges Ende hin bekommen sollte, das eine Fortsetzung erlaubt, aber er hat das Problem sehr gut gelöst und deswegen steht der Folgeband bereits auf meinem Wunschzettel, ich hoffe er wird genauso interessant und spannend wie dieses Buch.

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