Agatha Christie – Hercule Poirots WeihnachtenScherz Verlag, 2002 (Originaltext von 1939)
ISBN 3-502-51863-7
Taschenbuch, 222 Seiten
Simeon Lee ist ein alter Mann und schwerreich. Über Weihnachten hat er seine Söhne einschließlich deren Ehefrauen zu sich eingeladen. Nun ist Simeon nicht unbedingt das, was meinen einen freundlichen Großvater nennen würde. Er provoziert gerne und genießt es, Streit und Zwietracht zu säen. So auch in seiner eigenen Familie: am Heiligen Abend erklärt er seinen Kindern, er wolle das Testament ändern, da sie alle nichts wert seien. Wenige Stunden später ist er tot – ermordet in einem von innen verschlossenen Raum nach scheinbar heftigstem Kampf. Zufällig ist Hercule Poirot in der Nähe, der sich zusammen mit dem örtlichen Polizeiinspektor Sugden an die Aufklärung des Verbrechens macht. Jedes der Kinder könnte ein Motiv haben: Alfred, der sich sein Leben lang um den Vater gekümmert hat, Harry, der ihn verlassen hat, George, der immer in Geldnöten steckt und auch David, der seinem Vater den Tod der Mutter vorwirft. Oder war es der heimlichtuerische Kammerdiener? Was hat es mit den verschwundenen Diamanten des alten Mr. Lee auf sich? Und welches Geheimnis verbergen Pilar und Stephen, die beide aus dem Ausland zu Besuch sind?
Gerade bei einer Vielschreiberin im Bereich Krimi kann und muß man damit rechnen, daß nicht alle Werke immer von gleichbleibend hoher Qualität sind. Es ist daher nur natürlich, wenn ein Autor sich auch mal ein schwächeres Buch leistet. Die Kritikpunkte an diesem Buch lassen sich aber auf ein grundlegendes Problem des „klassischen“ Kriminalromans zurückführen. Üblicherweise geht es in diesen Büchern fast ausschließlich um die Frage, wer die entsprechende Tat auf welche Weise verübt hat. Der Autor ist also, um mögliche Wiederholungen zu vermeiden, gezwungen, sich dabei immer neue und abstruse Konstruktionen zu überlegen, wie der Täter vorgegangen sein könnte, um seine Tat zu verschleiern. Das führt allerdings manchmal dazu, daß die gesamte Konstruktion des Verbrechens ins schlicht abwegige abgleitet.
Und genau das ist im vorliegenden Buch leider passiert. Dabei ist der grundlegende Ansatz zunächst gar nicht mal uninteressant. Scheint es sich zunächst um ein „unmögliches Verbrechen“ zu handeln - der klassische „Mord im von innen verschlossenen Raum“ - wird in diesem Buch fast sofort deutlich, daß eigentlich jeder Zutritt zu dem Zimmer hatte und damit der Mörder sein könnte. Gerade darin liegt aber dann der Fehler. Die Autorin präsentiert zwar alle Familienmitglieder als mögliche Täter, läßt aber dann in der Auflösung plötzlich den großen Unbekannten auftreten. Die entsprechenden Informationen, die zur Überführung des Täters nötig wären, gibt sie dem Leser aber erst ganz zum Schluß in die Hand. Vorher kann der Leser sie gar nicht haben, da sie ihm ihrer Natur nach nicht vermittelt werden könnten, ohne die Lösung direkt mit zu verraten. Damit fühlt man sich dann schlicht an der Nase herumgeführt, denn zu dieser Lösung konnte man ja selbst gar nicht kommen. Ein solches Vorgehen ist der Bodensatz der Krimi-Trickkiste. Auch die übrige Konstruktion des Verbrechens weist leider einige empfindliche logische Brüche auf (bspw. die Frage, woher der Täter von den Diamanten im Safe wußte). Die Ausführung, so wie die Autorin sie schildert, klingt auch eher so, als ob sie nicht wirklich funktionieren könnte und ist etwas an den Haaren herbeigezogen bzw. gewollt abwegig. Überaus enttäuschend ist auch die Tatsache, daß das wirkliche Motiv des Täters überhaupt nicht aufgeklärt wird. Christie behauptet recht allgemein ein Motiv, ohne es aber tatsächlich genau darzulegen. Bei einem Mord, der laut Poirot „psychologisch zu betrachten“ ist, stört dies erheblich. Denn wo ist dann bei dem Motiv und dessen Erklärung die Psychologie geblieben? Kritikwürdig ist schließlich auch, daß mehrere mögliche Verdächtige recht aufwendig eingeführt werden, dann aber nach kürzester Zeit wieder verschwinden und auch nicht mehr auftauchen. Derart offensichtlich falsche Spuren sind schlicht ärgerlich und schaden dem Buch deutlich. Insgesamt wirkt die Handlung leider überaus konstruiert und gezwungen. Dies fällt aber erst gegen Ende des Buches auf, vorher läßt sich das Buch dennoch recht gut lesen. Der Spannungsbogen trägt und trotz der sehr auffällig erzeugten Verdachtsmomente läßt man sich zunächst gerne auf das Rätselspiel ein.
Die Personen des Romanes bleiben dabei aber alle sehr flach und wenig lebendig. Mit den verschiedenen Söhnen des alten Mannes werden dabei genau die erwarteten Klischees erfüllt – der Treusorgende, der Ausreißer, der Gierige und das Muttersöhnchen. Wenn Christie nun mit diesen Stereotypen zumindest spielen und sie vielleicht ironisch brechen würde, könnte man mit dieser Eindimensionalität leben. Doch fehlt auch dies, die Personen sind alle vollkommen ernst gemeint. Sie bewegen sich alle bloßen Pappfiguren gleich durch den Roman, bar jeder Persönlichkeit. Das gilt auch für die jeweiligen Ehefrauen, auch wenn diese einen Funken mehr Leben in sich haben. Am interessantesten ist dabei noch die junge Spanierin Pilar, die zumindest halbwegs als echter Mensch erscheint. Das gilt auch für das Mordopfer selbst. Simeon Lee mag zwar ein Ekel sein, zeigt aber zumindest einen Hauch eines Charakters. Die unangenehme Tendenz, groß eingeführte Figuren plötzlich vollkommen fallen zu lassen, sobald sie ihre Rolle als möglicher Täter ausgespielt haben, wurde ja bereits angesprochen. Dabei wäre es für den Leser überaus hilfreich, wenn die Autorin diese Personen direkt weggelassen hätte, denn in diesem Buch verliert selbst der aufmerksame Leser stellenweise den Überblick. Daß hier zu Beginn des Buches auch gleich jeder der Personen ein mögliches düsteres Geheimnis und ein möglicherweise finsterer Plan angedichtet wird (das gilt vor allem für Pilar und Stephen), wirkt dann wie schon die Handlung einfach gekünstelt.
Auch die von mir erhoffte und eingangs erwähnte Atmosphäre kommt leider nicht auf, insbesondere ist wenig von Weihnachten zu spüren. Das Fest der Liebe ist hier nur der Grund für die Zusammenkunft der Familie, die schließlich zum Mord führt. Dazu hätte aber auch jeder andere mögliche Grund für ein Familientreffen verwendet werden können. Das abschließende große Vergeben unter den Geschwistern fühlt sich relativ aufgesetzt an, weil es sich auch kaum aus deren Persönlichkeit herleiten läßt. Ebenso bleibt auch die englische Umgebung des Herrenhauses sehr blaß im Vergleich bspw. mit den atmosphärischen Bildern Ägyptens in „Der Tod auf dem Nil“. Christie konzentriert sich eher auf den Fall als auf die Erschaffung eines gelungenen und stimmigen Gesamtbildes. Und so bleibt hier vieles nur sehr schemenhaft und angedeutet. Die Sprache ist dabei klar und präzise, wie man es von dieser Autorin gewöhnt ist. Ins Positive gewendet könnte man sagen, sie verzichtet auf alles Überflüssige für diesen Roman und konzentriert sich auf das wesentliche. Ärgerlich wird es nur, wenn der Leser dabei etwas anderes erwartet hat.
FazitIm Vergleich zu den Großtaten Agatha Christie eine Enttäuschung. Arg konstruierte Handlung, sehr platte Figuren und wenig Atmosphäre. Andererseits aber bis auf den Schluß trotzdem einigermaßen spannend und angenehm schnell zu lesen. Ein vernachlässigbares Buch, eher geeignet für den Fall, wenn man gar nichts anderes findet oder an einem Sonntag nur mal schnell ein Buch lesen will. Nur für Krimienthusiasten oder Agatha Christie Fans.
