So, ich hab' die
Ilias ausgelesen! Nein, halt, so ganz stimmt das nicht. Ich habe nämlich ein wenig getrickst. Ich habe nicht die Übersetzung von Raoul Schrott zu Ende gelesen,
noch nicht, weil ich das immer noch vorhabe. Auch die Voß'sche Übersetzung habe ich mir nicht vorgenommen. Ich habe stattdessen vor ein paar Tagen aus einer Laune heraus ins Bücherregal meines Sohnes gegriffen und mir die Fassung von Auguste Lechner geschnappt, die ich ihm vor ein paar Jahren geschenkt habe.

  | | Auguste Lechner (1905-2005) Ilias (Nacherzählung) Erstveröffentlichung: 1977 Verlag: Arena Taschenbuch 189 Seiten |
Es handelt sich dabei um eine stark gekürzte und leicht(er) verständliche Nacherzählung der
Ilias aus dem Jahr 1977, die ursprünglich wohl für die Behandlung im Schulunterricht vorgesehen war. Auguste Lechner war u.a. österreichische Staatspreisträgerin für Jugendliteratur und hat zahlreiche derartige Nacherzählungen alter Stoffe, Mythen und Sagen verfasst.
Ich habe mich ja nun schon eine ganze Weile mit der Übersetzung von Raoul Schrott rumgeplagt, die zwar in einem recht modernen Duktus daherkommt und sich eigentlich recht flott lesen lässt. Aber die komplexe Handlung und die vielen Namen und Herkunftsangaben der griechischen und troischen Krieger und all' der Götter erfordern einiges an Aufmerksamkeit, die ich in diesem Jahr leider nicht immer aufbringen konnte. Hinzu kamen immer wieder mal mehr, mal weniger lange Lesepausen, und so habe ich recht bald den Faden und den Überblick über die Handlung verloren. Das hat mich unheimlich geärgert, weil ich das Werk unbedingt lesen wollte.
Die Nacherzählung von Auguste Lechner rafft stattdessen viele Handlungsstränge zusammen und lässt bestimmt auch einiges komplett unter den Tisch fallen. Ist ja bei knapp 200 Seiten auch nicht anders zu machen. Aber das hat mich gar nicht gestört. Ich hatte nicht das Gefühl, dass mir was fehlen würde. Im Gegenteil: Nicht jede Schlacht muss bis in ihre kleinsten Verästelungen geschildert werden, und es müssen nicht unzählige Personen auftauchen, die nur ein paar Absätze später eines mehr oder weniger grausamen Todes sterben. Das große Ganze und der Spannungsbogen bleiben trotzdem die ganze Zeit über erhalten.
Zwar gbt es auch in dieser Erzählung an der einen oder anderen Stelle einige bemüht altertümliche Wendungen (wohl, um den Geist des Klassikers zu bewahren), aber alles in allem handelt es sich um eine gut lesbare Fassung, die sich auf das Wesentliche konzentriert.
Denn vieles ist für mich bei Lechner letztlich viel klarer und deutlicher geworden als bei meinem Leseversuch mit der Schrott-Übersetzung des Originals: sowohl die großen Handlungsstränge im Kampf um Troja als auch die Beziehungen der wichtigsten Figuren zueinander und vor allem, wie sehr die Welt der Götter mit der Welt der Menschen verwoben ist, ihre Rolle im Leben der Menschen und ihr Einfluss auf das Kampfgeschehen, auf die Geschicke der Krieger und das Schicksal der Menschen.
Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich so schwer tue mit der
Ilias, und ich war schon ziemlich frustriert, aber Auguste Lechner hat es geschafft, mich mit ihrer Nacherzählung zu packen und mir den großartigen Stoff in verständlicher Form näherzubringen. Und schließlich gehe ich jetzt mit ganz neuem Elan an die Übersetzung, denn nun möchte ich sie erst recht weiterlesen. Ich glaube, ich hätte von vornherein erst dieses Buch und dann eine der Übersetzungen lesen sollen, das hätte mir einigen Verdruss erspart.
Also für Leute mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne, die schon immer wissen wollten, was die
Ilias ausmacht, ist die Nacherzählung von Auguste Lechner bestens geeignet.

Sie bekommt von mir
