Homer - Iliasin der Übertragung durch Raoul Schrott (2008)


Ich lese gerade die
Ilias in der Übertragung von Raoul Schrott aus dem Jahr 2008, die für einigen Wirbel gesorgt hat, weil sie in recht moderner Sprache verfasst ist und sich keinen Deut um die Einhaltung der Metrik oder die Versform des Originals oder (stellenweise) um allzu große Texttreue schert. Sie hält sich zwar in der Zeilenzählung an die Vorgabe des Originals, liest sich aber im Grunde wie ein Prosatext.
Darüber hinaus verwendet Raoul Schrott eine konsequente Kleinschreibung seines Textes, und auch mit der Zeichensetzung geht er äußerst sparsam um.

Aber entgegen meiner anfänglichen Befürchtung spielt das nach kurzem Einlesen gar keine Rolle mehr. Im Gegenteil. Bin ich erst mal im Text drin, bemerke ich das gar nicht mehr.
Ich kann zwar keine Vergleiche mit dem Original oder früheren Übersetzungen anstellen, weil ich weder des Griechischen mächtig bin, noch eine der früheren Übersetzungen gelesen habe, aber ich bin ganz zufrieden mit der Schrott-Übersetzung. Sie liest sich sehr flüssig und verständlich, und ich habe beim Lesen nicht das Gefühl, es hier mit einem ehrfurchtgebietenden und schwierigen Werk zu tun zu haben.
Diejenigen, die eine evtl. als "unpassend" empfundene moderne Sprache befürchten, möchte ich beruhigen, denn Schrott geht hier für mein Empfinden ganz behutsam vor, und man merkt ihm den Respekt vor dem Text an. Die Modernisierung hält sich in Grenzen und fällt eigentlich nur punktuell auf.
So musste ich gestern laut lachen, als ich auf die folgende Passage gestoßen bin, in der Odysseus im Auftrag Agamemnons Achilles zu überreden versucht, den Kampf gegen die Trojaner wieder aufzunehmen. Achilles lehnt jedoch ab und schickt Odysseus mit den folgenden Worten wieder zu Agamemnon zurück:
jetzt geh und richte ihm das aus;
sag es ihm vor allen andern - dann ist das ganze heer gewarnt
und lehnt sich auf gegen ihn, wenn er das nächste mal versucht
jemanden um seinen anteil zu bringen, dieser habgierige geier.
geil auf seinen knochen wie ein köter - aber dann viel zu feig
um mir gegenüberzutreten! rat will er? hilfe?? nicht von mir!
reingelegt hat er mich, mir übel mitgespielt. einmal ist genug -
mich zieht er nicht mehr über den tisch. von mir aus kann er
vor die hunde gehen! dem hat doch zeus ins hirn geschissen!

Aber keine Sorge - eine derartige saftige Sprache findet sich wirklich nur ganz vereinzelt wieder.
Das Buch ist mit einem recht umfangreichen Vorwort versehen, welches das Werk erläutert und verständlich macht. Es geht auf die Entstehung des Werkes ein, auf die historischen und politischen Hintergründe, den Aufbau und die Form der
Ilias, und nicht zuletzt auf die moderne Neuübersetzung. Zur Begründung letzterer wird angeführt, dass die bisherigen Übersetzungen sich entweder sklavisch an die Hexameterform des Originals halten und diese um jeden Preis beibehalten wollten, auch wenn man sich hierfür sprachlich verbiegen musste. Oder sie kommen in einem seltsam altertümlichen Duktus daher, der gestelzt und seltsam unnatürlich, ja, „unhomerisch“ wirkt - denn wie will man in der Sprache des 18. oder 19. Jahrhunderts wiedergeben, was im 7./8. Jahrhundert v.Chr. in Griechenland gesprochen wurde…? Die Sprache, die Homer verwendet hat, war schließlich im
damaligen Griechenland modern, so lag für Schrott nahe, für seine Übersetzung eine Sprache zu wählen, die für den
heutigen Leser modern und vertraut klingt. Klingt für mich plausibel.

Darüber hinaus ist im Anhang eine umfangreiche Kommentierung des Historikers Peter Mauritsch mit sehr hilfreichen Erläuterungen zahlreicher Textpassagen enthalten. Mauritsch geht darin ebenfalls u.a. auf die passagenweise ungewöhnliche Übersetzung Raoul Schrotts ein und weist gelegentlich auf das Original oder Übersetzungsalternativen hin. Man merkt den Kommentaren an, dass Mauritsch nicht immer einverstanden mit der Übertragung von Raoul Schrott ist, er verpackt dies aber bisweilen in recht trockene und subtile Kommentare, in denen man auch mal zwischen den Zeilen lesen muss.
So weist Mauritsch angesichts der - doch recht freien - Übersetzung der letzten Zeile in obigem Zitat darauf hin, was
wirklich im Original steht:

dem hat doch zeus ins hirn geschissen! - im Griechischen ist diese dem Zeus unterstellte Aktion mit den Worten „gänzlich genommen hat er ihm die Besinnung“ umschrieben.

Alles in allem: Eine lohnenswerte Ausgabe, die ich auch allen Lesern empfehlen möchte, die sich bislang nicht an die
Ilias rangetraut haben.